Der Streit um Auschwitz ist zurück – und spaltet uns.
Streit um AuschwitzNeue Debatte ums Gedenken: Kritik von links und rechts

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Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist sichtbarer Ausdruck der deutschen Gedenkkultur. (Archivbild)
Einzigartiger Horror oder nur ein Verbrechen von vielen? Seit 40 Jahren zerreißt diese eine Frage Deutschland. Jetzt ist der Streit um Auschwitz wieder voll da – und trifft uns mitten ins Mark.
Der Zoff startete am 6. Juni 1986. Damals haute der Historiker Ernst Nolte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen Text raus, der alles veränderte: „Vergangenheit, die nicht vergehen will“. Seine krasse These: Der Judenmord sei gar nicht so besonders, „mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung“. Er verglich das Ganze mit Stalins Terror und stellte die unfassbare Frage: War der Holocaust der Nazis vielleicht nur eine Antwort auf die Gräueltaten der Sowjets? Eine Vorstellung, die heute als komplett irrsinnig gilt.
Die Reaktion kam prompt. Nur einen Monat danach meldete sich der Sozialphilosoph Jürgen Habermas (der erst im März mit 96 Jahren verstarb) in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zu Wort. Sein Konter: „Eine Art Schadensabwicklung“. Habermas attackierte Nolte frontal: Er mache die Nazi-Verbrechen zu etwas Alltäglichem. Habermas' knallharte Warnung: „Auschwitz schrumpft auf das Format einer technischen Innovation.“
Am Ende siegt Habermas: Auschwitz ist einzigartig
Ein heftiger Gelehrten-Zoff entbrannte, der als „Historikerstreit“ in die Geschichte einging. Doch am Ende hatte sich die Position von Habermas durchgesetzt. Nach weiteren hitzigen Debatten, zum Beispiel über Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ und die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg, stand der Konsens in der Bundesrepublik fest: Die systematische, industrielle Vernichtung von sechs Millionen Juden ist in der Menschheitsgeschichte beispiellos.
Diese Haltung ist heute tief in unserem Selbstverständnis verankert. Sie ist die Grundlage für Demokraten in unserem Land. Man sieht es überall: am Holocaust-Mahnmal in Berlin, an den mehr als 100.000 Stolpersteinen, die an die Opfer erinnern, und in unzähligen Projekten an Schulen.
Doch der Konsens bröckelt: Angriffe von rechts und links
Aber genau dieser Grundkonsens wird heute von zwei Seiten attackiert. Von rechts feuern Populisten und Extremisten. Unvergessen die Provokation des früheren AfD-Bundessprechers Alexander Gauland, Hitler und die Nazis seien „nur ein Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. Sie sprechen von einem „Schuldkult“, der unser Land lähmen und kleinhalten würde.
Die linke Kritik ist komplizierter und kommt oft aus dem Ausland. Sie rückt den Holocaust in die Nähe von Kolonialverbrechen. Der australische Genozid-Forscher Anthony Dirk Moses zettelte 2021 sogar einen „zweiten Historikerstreit“ an. Sein heftiger Vorwurf in „Der Katechismus der Deutschen“: Die Einzigartigkeit des Holocaust sei bei uns zu einer starren Lehre verkommen, die Debatten abwürgt. Deutsche wollten sich als moralische Weltmeister aufspielen und würden deshalb Israel bedingungslos verteidigen.
„Befreit Palästina von deutscher Schuld“
Moses formulierte es so: „Diese moralische Hybris führt zu der bemerkenswerten Situation, dass nichtjüdische Deutsche amerikanische und israelische Juden und Jüdinnen mit erhobenem Zeigefinger über korrekte Gedenkkultur und Loyalität zu Israel belehren“. Diese Debatte eskalierte während des Gaza-Kriegs. Als Deutschland propalästinensische Demos einschränkte, hallte ein Ruf durch internationale Medien: „Free Palestine from German guilt“ – also, befreit Palästina von der deutschen Schuld.
Und jetzt? Wie kommen wir aus der Nummer wieder raus? Der Historiker Meron Mendel hat eine klare Meinung. Als Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main spricht er jeden Tag mit jungen Leuten. Er sagt, das reine Gedenken an den Horror reicht nicht. „Ich mache dabei die Erfahrung, dass die jungen Menschen auch ein positives Angebot zur Identifikation mit ihrem Land erwarten. Und das muss mehr sein als der von Habermas zugestandene Verfassungspatriotismus. Denn für ein Dokument, ein Papier – so wichtig es auch ist – kann man nur sehr begrenzt etwas empfinden.“
Für Mendel ist klar: Die Erinnerungskultur muss erweitert werden – um die Geschichte der deutschen Demokratie und die Migrationsgeschichte. Das mache das Gedenken an den Holocaust nicht kleiner. „Im Gegenteil“, so Mendel. „Wenn sich junge Menschen mit unserer Demokratie identifizieren und auch stolz darauf sind, dann schöpfen sie daraus den Mut, die dunklen Seiten unserer Vergangenheit nicht zu verdrängen. Und sind dann auch bereit, für diese Demokratie zu kämpfen, damit sich so etwas auf keinen Fall wiederholt.“ (dpa/red)
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