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Novemberpogrom 1938 Das Rätsel um Herschel Grynszpan

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Das Foto zeigt Herschel Grynszpan kurz nach seiner Verhaftung in Paris.

Paris – Die Exzesse der am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten initiierten Reichspogromnacht haben sich tief in unser Gedächtnis eingeprägt.

  • Grynszpan erschoss einen Nazi-Diplomaten aus Rache
  • Familie war von den Nazis gedemütigt worden
  • Das große Rätsel bis heute: Überlebte Herschel Grynszpan das KZ?

Doch weitgehend in Vergessenheit geraten ist der junge Herschel Grynszpan, der mit einem Attentat Reichspropagandaminister Joseph Goebbels den Vorwand lieferte, die Synagogen und Geschäfte der Juden in einem beispiellosen Akt der Barbarei zu verwüsten und zu plündern.

Grynszpan will sich für das Leid seiner Familie rächen

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Aus Verzweiflung über das Leid, das die Nazis seiner Familie zugefügt hatten, wurde er zum Mörder. In Paris erschoss er in der deutschen Botschaft den Legationssekretär und strammen Nazi Ernst vom Rath.

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Ernst vom Rath, das Mordopfer in der Botschaft.

Geboren wurde Herschel Grynszpan vor 100 Jahren, am 28. März 1921, in Hannover – als Kind jüdischer Eltern, die unter dem Eindruck von Pogromen und Schikanen aus dem russisch besetzten Teil Polens in den Westen geflohen waren. Eine Zeit voller Entbehrungen und wirtschaftlicher Not.

Besser wurde es erst mit Beginn der 30er Jahre. Doch als Hitler 1933 an die Macht kam, wurde das Leben für die Grynszpans – wie für alle Juden – immer unerträglicher. Repressionen waren an der Tagesordnung. Der junge Herschel wollte nur weg...

Herschel Grynszpan muss nach Paris flüchten

In der Hoffnung auf ein besseres Leben zog er erst nach Brüssel, dann nach Paris, wo er bei Verwandten unterkam. Doch seine Lage wurde auch hier zusehends prekärer, als seine Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängert wurde.In seiner Not entschloss sich der Entwurzelte, irgendwie in der Illegalität zu überleben.

Doch dann kam der Tag, der alles veränderte. Am 3. November 1938 bekam Herschel eine Postkarte von seiner Schwester Berta, die ihm berichtete, dass die Familie mit Tausenden Leidensgenossen zur polnischen Grenze deportiert und ins Niemandsland abgeschoben worden war, wo sie notdürftig auf freiem Feld oder in Baracken kampieren mussten.

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Am 9. November 1938 brannten überall im Reich die Synagogen.

In diesem Moment muss der damals 17-Jährige eine unbändige Wut auf die verspürt haben, die seiner Familie das angetan hatten.

Grynszpan: Schüsse in der Botschaft

Am 7. November 1938 kaufte er am frühen Morgen in einem Waffengeschäft eine Pistole und machte sich auf den Weg zur Deutschen Botschaft. An der Pforte gab er vor, ein „wichtiges Dokument“ übergeben zu müssen.

Niemand schöpfte Verdacht, er wurde zu Legationssekretär Ernst vom Rath gebracht. Dort zog Herschel seine Pistole und feuerte mehrmals auf den 29-jährigen Diplomaten. Widerstandslos ließ er sich festnehmen.

Vom Rath starb zwei Tage später. Es gibt allerdings Zweifel, ob seine Verletzungen so schwer waren, dass er nicht hätte gerettet werden können. Der Mord und der Tod des „Blutzeugen“ und „Märtyrers“ waren ganz im Sinne von Hitler und seines Chefpropagandisten Joseph Goebbels. Sie nutzten beides als Vorwand, um endlich mit brachialer Gewalt gegen das „Weltjudentum“ losschlagen zu können.

Grynszpan liefert Goebbels einen Vorwand für die Reichspogromnacht 

Nur zwei Tage nach dem Mord am 9. November ließ Goebbels die braunen Horden in der Reichspogromnacht von der Leine, eine blutige Orgie sinnloser Gewalt gegen unschuldige Menschen mit vielen Opfern – und so etwas wie die Generalprobe für den späteren Holocaust.

Herschel Grynszpan wird an die Nazis ausgeliefert

Für den Attentäter begann jetzt eine Odyssee durch verschiedene Gefängnisse, bis er schließlich nach dem Einmarsch der Nazis in Frankreich den Deutschen in die Hände fiel. Am 18. Juli 1940 lieferte das Vichy-Regime, das mit Deutschland kollaborierte, Herschel Grynszpan aus.

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Überall machten Nazis nach dem Attentat Jagd auf Juden und riefen zum Boykott ihrer Geschäfte auf.

In Verhören gab er an, dass der Auslöser für den Mord die antijüdische Politik der Nazis und sein Motiv „Rache für das Schicksal seiner Familie“ gewesen sei. Nach allem, was man heute weiß, wurde Herschel in der Haft nicht brutal misshandelt. Goebbels brauchte ihn noch – für einen Schauprozess.

Grynszpans macht brisante Aussage

Doch dazu kam es nicht, weil Herschel in weiteren Verhören behauptete, er habe eine homosexuelle Beziehung zu Ernst vom Rath gehabt. Beweise dafür gibt es nicht. Goebbels allerdings war die Sache jetzt zu heikel.

Ein schwuler Nazi, der angeblich mit einem Juden verkehrte, das passte natürlich überhaupt nicht in das krude Weltbild des selbst ernannten „Herrenmenschen“. Der Prozess wurde umgehend vertagt – irgendwann nach dem „Endsieg“ im Zweiten Weltkrieg sollte er stattfinden...

Überlebte Grynszpan das Konzentrationslager?

Herschels Spur verliert sich im Konzentrationslager Sachsenhausen. Wurde er dort umgebracht oder nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes befreit? Was aus ihm wurde, ist bis heute ein Rätsel. Möglich aber ist durchaus, dass er überlebte.
Vor ein paar Jahren veröffentlichte der „Focus“ ein bis dahin unbekanntes Foto, das im Jüdischen Museums in Wien lagerte.

Die Aufnahme vom Juli 1946 zeigt ihn mit großer Wahrscheinlichkeit. Doch warum hat er sich dann nie wieder gemeldet? Seine Eltern und Geschwister, die den Holocaust überlebten, suchten noch Jahrzehnte verzweifelt nach ihm – ohne Erfolg. 1960 wurde Herschel Grynszpan offiziell für tot erklärt. 

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