Eine riesige Bewegung erfasst das Land. Es geht um Schutz, Würde und Gerechtigkeit.
„Die Scham gehört den Tätern“Tausende demonstrieren gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen

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Tausende Menschen versammeln sich seit Tagen in ganz Deutschland auf den Straßen. (Archivbild)
Eine Welle der Empörung erschüttert die Bundesrepublik. Überall demonstrieren Menschenmassen gegen sexuelle und onlinebasierte Angriffe auf Frauen. Auf Social-Media-Plattformen verlangen bekannte Persönlichkeiten und Meinungsmacher schärfere Konsequenzen für Täter. Das Thema sorgt auch im Parlament für hitzige Debatten.
Doch die Thematik ist keineswegs unbekannt. „Sexualisierte digitale Gewalt gibt es schon seit Jahren“, zitiert die Deutsche Presse-Agentur (dpa) Josephine Ballon, eine Juristin und die Leiterin von HateAid. Diese Organisation aus Berlin engagiert sich gegen Hetze im Internet. Das Spektrum der Übergriffe umfasst Hassnachrichten, Drohungen mit Vergewaltigung oder Mord sowie die Verbreitung von Nacktbildern und Deepfakes.

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«Jede Frau muss befürchten, dass ihr das auch passiert», sagt HateAid-Geschäftsführerin Josephine Ballon.
Die Statistik ist alarmierend: Eine Erhebung des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zeigt, dass in Deutschland bereits zwei von drei Heranwachsenden mit sexualisierten Beleidigungen oder digitaler Aggression konfrontiert waren. Körperliche sexuelle Übergriffe hat ein Drittel erlebt, wobei Frauen doppelt so oft betroffen sind wie Männer.
Weshalb trifft es vor allem Frauen?
„Antifeminismus ist ein sehr anschlussfähiges Thema“, führt Ballon aus. Bestimmte konservative oder auch radikale Kreise würden sich darauf verständigen, Frauen eine spezielle gesellschaftliche Position zuzuordnen – „die eben gerade nicht darin besteht, beruflich erfolgreich zu sein und sich dann auch noch selbstbewusst im Internet zu präsentieren“. Laut Ballon stellen sexualisierte Deepfakes eine simple Methode dar, um Frauen zu erniedrigen, sie auf ihren Körper zu beschränken und sie so aus der Öffentlichkeit zu drängen.
Gewalt gegen Frauen ist auch außerhalb des Internets ein massives Problem. Statistiken des Bundeskriminalamts (BKA) für das Jahr 2024 belegen, dass circa 86 Prozent aller Opfer von Sexualdelikten weiblich waren. Bei den Tatverdächtigen handelte es sich überwiegend um Männer.
„Systematische Abwertung von Weiblichkeit“
„Unsere Gesellschaft ist patriarchal – sie duldet Gewalt nicht nur, sie produziert und normalisiert sie täglich“, äußert die Schriftstellerin und Politikwissenschaftlerin Emilia Roig gegenüber der dpa. Ein sexueller Übergriff sei kein „Ausrutscher“, sondern ein Instrument zur Machtausübung. „Sie basiert auf der systematischen Abwertung von Weiblichkeit.“
Männer werden zwar ebenfalls gelegentlich zu Opfern von Gewalt, doch die Täter sind auch in diesen Fällen fast ausnahmslos männlich. Wer diese Tatsache ignoriert, missachtet nicht nur die Realität, sondern bagatellisiert zugleich ein gesamtgesellschaftliches Problem.

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Antifeminismus und Rassismus hängen zusammen, sagt Emilia Roig. (Archivbild)
Laut Roig sind die eigenen vier Wände kein Schutzraum, sondern vielmehr der Hauptschauplatz von Gewalt. „Femizide passieren nicht primär im öffentlichen Raum, sondern dort, wo Männer glauben, einen Anspruch auf Frauen zu haben: im Privaten“, stellt sie klar. Aus diversen Bundesländern meldeten Polizei und Hilfsvereine kürzlich einen Anstieg bei Vorfällen von häuslicher Gewalt.
Die Verbindung von Frauenfeindlichkeit und Rassismus
Roig erläutert, dass Rassismus häufig mit frauenfeindlichen Haltungen verbunden ist. Beide Ideologien folgen dem gleichen Muster: Eine vorherrschende Gruppe definiert sich als Standard und entwertet systematisch alle anderen. „Wer Gleichberechtigung von Frauen ablehnt, lehnt in der Regel auch andere Formen von Gleichheit ab“, meint die Politikwissenschaftlerin. Im Kern gehe es um die Sicherung von Vorteilen.
Massenproteste in Deutschlands Städten
Auslöser für die jetzige Diskussion sind gravierende Anschuldigungen von Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren früheren Partner, den Schauspieler Christian Ulmen. Der „Spiegel“ hatte als erstes Medium darüber berichtet. Sie beschuldigt ihn, gefälschte Profile unter ihrem Namen angelegt und damit pornografisches Material geteilt zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung für Ulmen. Dessen Anwalt Christian Schertz hat angekündigt, juristisch gegen die Berichterstattung vorzugehen.
Egal ob in Hamburg, Berlin, Hannover, München oder Frankfurt – landesweit zeigen Menschen ihre Solidarität mit den Betroffenen und verlangen besseren Schutz. Bei den Versammlungen sind auch bekannte Gesichter wie die Klimaaktivistin Luisa Neubauer sowie diverse Politikerinnen anwesend.
„Die Scham gehört den Tätern“
Der Zusammenhalt auf der Straße kann Opfern Mut machen, ihre Erfahrungen zu teilen, meint Ballon. „Jede Frau muss befürchten, dass ihr das auch passiert.“ Besonders für junge Frauen sei diese Situation kaum zu ertragen. (red)

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Der Satz «Die Scham muss die Seiten wechseln» stammt von der Französin Gisèle Pelicot. (Archivbild)
„Die Scham muss die Seiten wechseln“ – diese Worte gehen auf die Französin Gisèle Pelicot zurück, die über Jahre von ihrem damaligen Gatten und weiteren Männern missbraucht wurde. Der Spruch ist bei den Demonstrationen dieser Tage allgegenwärtig. Roig fordert ebenfalls, dass Opfer nicht länger argwöhnisch verhört oder gedemütigt werden sollten. Die Scham gehörte niemals den Betroffenen. Sie ist Sache der Täter, die Gewalt anwenden, und derjenigen, die sie schützen.
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

