Verzicht statt dicht Das steckt hinter dem Trink-Trend „Sober Curious“

Ein junger Mann lehnt angebotenen Alkohol (undatiertes Symbolfoto) ab.

Geht mir bloß weg mit Alkohol: Immer mehr junge Leute handeln nach dieser Devise. Das undatierte Symbolfoto zeigt einen Jugendlichen, der ihm angebotenen Alkohol ablehnt

Verzicht statt dicht: Junge Menschen unter 30 Jahren finden Alkohol nicht mehr so cool. Die neue Abstinenz hat allerdings auch beunruhigende Gründe.

Teenies trinken heute gern „sober“. Aber da müssen Eltern sich keine Sorgen machen. Das ist kein Starkbier, auch kein In-Cocktail mit vielen Umdrehungen, sondern die Bezeichnung für einen Trend, der aus Amerika zu uns rübergeschwappt ist. Sober heißt nüchtern. Warum ist es plötzlich so trendy, sich 0,0 % hinter die Binde zu kippen?

Kult-Kicker Lukas Podolski (37), als Jugendlicher wegen seiner rigorosen Alkohol-Abneigung schon mal gehänselt, ist heute ein absoluter Trendsetter. Alkohol, nein danke! Das ist mittlerweile eine ganze Bewegung mit Podcasts, Partyreihen und jeder Menge Posts auf Instagram.

Alkohol: Das steckt hinter dem neuen Trend „Sober Curious“

Der Abstinenz-Trend nennt sich „Sober Curious“ – was so viel heißt wie „nüchtern neugierig“. Er hat seine Wurzeln in New York – und scheint vor allem in Deutschland immer mehr Fans zu bekommen. Laut einer YouGov-Studie sagt die deutsche Generation Z (die 1997 bis 2012 zur Welt gekommen ist) im Europavergleich mit 49 Prozent am häufigsten, dass sie keinen Alkohol trinkt.

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Die Folge: Der regelmäßige Alkoholkonsum bei Jugendlichen ist auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen gesunken. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) überraschte im Juni mit diesen Zahlen:

  • 2021 tranken nur 8,7 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen nach eigenen Angaben mindestens einmal pro Woche Alkohol.
  • 1979 waren es im Vergleich dazu 25 Prozent!

Kein Wunder, damals ließen Stars wie Frank Sinatra (†1998) sich, das Whiskeyglas schwenkend, als coole Typen feiern. Und auch die Nachkriegsidole, die Oma und Opa hierzulande bewunderten, spuckten nie ins Glas: Chris Howland (†2013), Harald Juhnke (†2005), Günther Pfitzmann (†2003) oder Bubi Scholz (†2000) etwa.

Heute geht die Jugend mit Suffköppen härter ins Gericht. Wer bei der Generation Z punkten will, nippt nicht am Sekt, sondern am Zitronenwasser. Wie Schauspieler Matthias Schweighöfer (41). Die Abstinenz tue ihm gut, ließ er kürzlich verlauten.

Erfolgreiche Influencerinnen wie Kim Hoss (35, trinkt seit zwei Jahren keinen Alkohol mehr) pflichten ihm bei. Sie hoffe, dass mit Alkohol dasselbe passiere, wie mit Zigaretten, auch was Werbung und Vermarktung betrifft, sagte sie kürzlich in einem Interview. „Alkohol ist gefährlich.“

Die Botschaft scheint anzukommen. Die Trend-Expertin, Ernährungswissenschaftlerin und Gesundheitspsychologin Hanni Rützler registriert in ihrem Food-Report 2021 eine „Nüchternheitsbewegung“, angetrieben von den Jüngeren, die eher auf sogenannte Mocktails und „Infused Waters“ setzen.

Und wenn’s denn mal doch Alkohol sein soll, dann bitte nur mit deutlich weniger Umdrehungen. Der Trend geht zu Low-ABV-Drinks (low alcohol by volume). Sie haben deutlich weniger Prozente als ein klassischer Drink. Hier setzen Barmixer vor allem auf Spirituosen wie Lillet und andere Aperitifweine. Zum Vergleich: „Wermut & Tonic“ hat nur etwa halb so viel Alkohol wie ein „Gin & Tonic“.

Doch wie kommt es zu solch einem Umdenken? Jugendforscher Professor Clemens Kroneberg von der Universität Köln sagt auf EXPRESS-Nachfrage: „Für diese Entwicklung gibt es sicherlich ein ganzes Bündel von Ursachen. Auf Social Media stehen Fitness und Gesundheit höher im Kurs als Drogenexzesse, lassen sich auch besser vermarkten. Influencer spielen sicherlich eine Rolle, machen den Jugendlichen attraktive Identitätsangebote.“

Er gebe zudem zu bedenken, dass ein Kontrollverlust durch Alkoholrausch in Zeiten von Smartphones und Social Media viel weitere Kreise ziehe als früher, wo sich so etwas nur durch Hörensagen verbreiten konnte. „Neben der gesundheitlichen Aufklärung mag auch das eine Rolle dafür spielen, dass Jugendliche heutzutage vorsichtiger sind und weniger Alkohol trinken“, so der Experte.

Der Kölner Forscher Clemens Koneberg auf einem undatierten Foto

Prof. Dr. Clemens Kroneberg forscht am Kölner Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.

Und sicherlich hätten kurzfristig auch die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zum erneuten Rückgang beigetragen. Kroneberg warnt aber vor zu viel Enthusiasmus: „Man sollte auch den Anstieg beim Cannabiskonsum im Blick behalten.“ Knapp 9 Prozent der jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) ziehen sich laut BZgA-Studie regelmäßig einen Joint rein.

Nüchtern betrachtet: Junge Leute sagen: „Darum verzichten wir (fast) immer“

Der Kölner Top-Influencer Tim Kampmann (21, twenty4tim) outet sich im EXPRESS-Gespräch als Nichttrinker: „Mir schmeckt Alkohol ehrlich gesagt einfach nicht. Bei immer mehr Leuten in meinem Alter und auch bei mir ist es so, dass man nur zu besonderen Anlässen trinkt. Bewusster halt. Ich denke, dass die anderen Alkohol nicht aus Genuss trinken, sondern wegen der Wirkung.

Der Kölner Influencer Tim Kampmann (twenty4tim) outet sich als Nicht-Trinker

Der Kölner Influencer Tim Kampmann alias twenty4tim

Aber ich habe mir immer bewusst gemacht, dass der starke Konsum von Alkohol fatale Folgen hat: Schlechte Zähne, schlechtes Hautbild und schlichtweg Gestank. Und dann sind da ja noch die langfristigen Folgen … Es gibt aber leider auch immer noch die andere Seite: Dass junge Leute, teilweise wirklich schon mit 14 Jahren mit Alkohol durch die Straßen ziehen.“

Celine Seidel (24, Reisekauffrau und derzeit EXPRESS-Praktikantin): „Ich trinke, wenn ich heute ausgehe, entweder Cola oder alkoholfreie Cocktails wie den ‚San Francisco‘, ab und zu vielleicht noch einen Lillet auf Familienfeiern, aber das nur sehr selten.

Celine Seidel (24), Studentin aus Leverkusen, verzichtet gern auf Alkohol

EXPRESS-Praktikantin Celine Seidel trinkt so gut wie nie Alkohol – und hat dafür gute Gründe.

Ich hatte allerdings auch früher eine Phase, in der ich fast jedes Wochenende feiern war – da gehörte dann Alkohol dazu. An dem einen oder anderen dieser Abende habe ich mir auch viel Tequila runtergekippt. An einem Abend war’s dann ein Shot zu viel: Es fühlte sich an, als wäre das Ende nah. Heute weiß ich: Ich brauche das einfach nicht, um Spaß zu haben. Außerdem fahre ich gerne mit dem Auto nach Hause. Der Gedanke, nachts ewig nach Hause zu brauchen oder nicht zu wissen, wie ich heimkomme, macht mich wahnsinnig. Und: Der Kater-Tag danach ist doch immer total verschenkt.“

Ohne Alkohol: Kölner verraten die besten Cocktail-Rezepte

Genuss ohne Reue – das funktioniert bei Cocktails mit alkoholfreiem Gin, Rum oder Wermut. Die Zero-Varianten kann man sich auch leicht zu Hause mixen.

Mit alkoholfreien Cocktails voll im Trend liegen die Kölner Blogger Sascha und Thorsten Wett

Sascha und Torsten Wett aus Köln kreieren Sober-Drinks.

Wie, verrät das Kölner Blogger-Paar Sascha und Torsten Wett im Buch „Sober Drinks – die besten 50 Rezepte aus alkoholfreien Spirituosen (Christian, 24,99 Euro). Kostprobe?

  • Almond Oak: 2cl Rum-Alternative („unsere Wahl: Siegfried Wonderoak“), 1 cl Mandelsirup, 6 cl Apfelsaft, 1 cl Limettensaft in einen mit Eiswürfeln gefüllten Shaker geben, 15 Sekunden kräftig schütteln.
  • Blackberry Eggnog: 6 cl Gin Alternative („unsere Wahl: Boar“), 4 cl Sahne, 150 ml Milch, 1 Eigelb, 2 TL Brombeermarmelade, 1 cl Zuckersirup im Shaker kräftig schütteln, durch ein Barsieb in ein mit Eis und Brombeeren gefülltes Highball-Glas gießen, mit Brombeeren dekorieren.
  • Wildberry Bowle: 700 ml alkoholfreier Sekt, 400 g gemischte Beeren, 4 cl Grenadinesirup, 2 cl Zitronensaft in ein großes Gefäß geben, ein bis zwei Stunden im Kühlschrank ziehen lassen, 700 ml Wildberry-Limo dazugießen, mit Minze, Himbeeren und Brombeeren dekorieren.

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