Als Hitlers Vize den Abflug machte Mit Fallschirm über Schottland abgesprungen

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Hitler und Rudolf Heß (hier beim Reichsparteitag der NSDAP 1938 in Nürnberg) waren enge Vertraute seit den Anfängen der Nazi-Bewegung.

Glasgow/London – Es war eine Sensation, die vor 80 Jahren weltweit Schlagzeilen machte: 1941 flog Top-Nazi Rudolf Heß mitten im Krieg heimlich nach Großbritannien, sprang über Schottland mit dem Fallschirm ab, um mit Premierminister Winston Churchill (1874-1965) über einen Separatfrieden zu verhandeln.

  • Rudolf Heß flog auf eigene Faust nach England
  • Er wollte mit Churchill verhandeln, der steckte ihn in den Knast
  • Er starb mit 93 Jahren im Gefängnisgarten

Die Nazi-Führung um Adolf Hitler war perplex. Ausgerechnet Heß! Immerhin war er nicht irgendein Nazi, sondern der Stellvertreter des Führers in der NSDAP und zweiter designierter Nachfolger im Falle seines Todes nach Hermann Göring.

Rudolf Heß: Seine Beweggründe sind bis heute ein Rätsel

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Was den 1894 geborenen „alten Kämpfer“ mit der NSDAP-Mitgliedsnummer 16 zu der spektakulären Aktion bewogen hat, ist bis heute rätselhaft.

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Heß und Hermann Göring beim Nürnberger Prozess.

War Hitler, der Heß nach Bekanntwerden des „Englandfluges“ für geistig umnachtet erklären ließ, eingeweiht, wie manche Experten glauben? Oder hatte seine „Vorsehung“, über die er gerne schwadronierte, im Fall seines Freundes versagt?

Rudolf Heß war Nazi der ersten Stunde

Schließlich kannten und schätzten sich die beiden fanatischen Antisemiten seit den Anfängen der braunen Bewegung. Zusammen hatten sie 1924 nach dem gescheiterten Putsch in München in Haft auf der Feste Landsberg gesessen, wo Hitler ihm die Hetzschrift „Mein Kampf“ diktiert hatte.

Die meisten Historiker gehen davon aus, dass Heß auf eigene Faust losflog – in der Hoffnung, in Hitlers Sinne zu handeln. Um einen Zwei-Fronten-Krieg mit Blick auf den geplanten Überfall auf die Sowjetunion zu verhindern, wäre eine Verständigung mit London für den Diktator sicher wünschenswert gewesen. Heß hatte seinen Flug jedenfalls von langer Hand geplant.

Rudolf Heß absolvierte extra Flugstunden

Um an ein geeignetes Flugzeug heranzukommen, nutzte der Nazi, der das Fliegen im Ersten Weltkrieg gelernt hatte, seine guten Kontakte zu Prof. Wilhelm Messerschmitt (1898-1978), dem Konstrukteur der gleichnamigen Kampfflugzeuge in Augsburg.

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Die Trümmer des Heß-Fliegers ME 110 in Schottland.

Ohne Probleme konnte er über Monate hinweg Flugstunden mit einer neuen Version der ME 110 absolvieren. Man baute Heß (damals 47) sogar zwei Zusatztanks in die ME ein, weil er was von einer „geheimen Sondermission“ vorgaukelte. Am 10. Mai 1941 war es dann soweit.

Chruchill lässt Rudolf Heß streng isolieren

Auf dem Flughafen der Messerschmitt-Werke startete Heß gegen 18 Uhr zu seinem Flug ohne Wiederkehr. Zuvor hatte sich der Nazi, der in Hitlers Hofstaat als Sonderling mit obskuren Neigungen galt, ein Horoskop erstellen lassen. Es versprach ihn an diesem Tag einen günstigen Stand der Sterne.

Fünf Stunden später erreichte er Schottland und sprang im letzten Augenblick mit dem Fallschirm in der Nähe von Glasgow ab. Ein Landarbeiter entdeckte den leicht verletzten Heß, der gleich verlangte, zum Herzog von Hamilton gebracht zu werden, den er 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin kennengelernt hatte.

Doch stattdessen alarmierte der Arbeiter die Behörden. Heß wurde nach London gebracht und auf Befehl von Premier Winston Churchill (1874-1965) streng isoliert. Es folgten unzählige Verhöre, bei denen der prominente Gefangene stets betonte, dass er auf eigene Initiative mit Churchill reden wolle. Doch der ließ ihn eiskalt abblitzen. Für Churchill gab es im Übrigen nichts zu verhandeln. Für ihn zählte nur eines: Der Sieg über Hitlers Nazi-Deutschland.

Briten enttarnen Rudolf Heß als Spinner

Als Heß bemerkte, dass man ihn nicht ernst nahm, versuchte er sich erstmals das Leben zu nehmen. Zudem glaubte er, dass man ihn vergiften wolle. Für die Briten war klar: Der Mann war psychisch krank, ein Spinner.

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Die Kriegsverbrecher 1946 auf der Anklagebank in Nürnberg. Vorne (2.v.l.) Heß neben Göring, der Selbstmord beging.

Bis Kriegsende blieb Heß in Großbritannien in Haft. Das rettete ihn 1946 beim Hauptkriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg vor dem Galgen. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Juli 1947 kam er in das Gefängnis Berlin-Spandau. Sieben frühere Nazi-Größen waren dort außer ihm inhaftiert – darunter Reichsjugendführer Baldur von Schirach (67) und Rüstungsminister Albert Speer (76). Die Aufsicht wechselte monatlich zwischen den Siegermächten.

Mehr als 40 Jahre verbrachte Heß dort – ab Oktober 1966 war er der letzte Gefangene. Auch hier fiel er als Sonderling auf. Neben seinem Sohn Wolf Rüdiger (1937–2001) stellten u.a. die Bundesregierung, die Bundespräsidenten Gustav Heinemann (76) und Richard von Weizsäcker (94) bei den Alliierten immer mal wieder Gnadengesuche für eine Freilassung – aus humanitären Gründen, aber auch, um zu verhindern, dass alte und neue Nazis Heß als Märtyrer verklären. Die Gesuche scheiterten aber stets am Veto der Sowjetunion.

Rudolf Heß: Selbstmord in Spandau

Am 17. August 1987 nahm Heß sich im Alter von 93 Jahren das Leben. Man fand ihn in einem Schuppen des Gefängnisgartens – mit einem Elektrokabel um den Hals.

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Heß bei einem Spaziergang im Spandauer Gefängnishof.

Vom Nationalsozialismus hat Heß sich nie distanziert: „Ich bin glücklich zu wissen, dass ich meine Pflicht getan habe – meinem Volk gegenüber, meine Pflicht als Deutscher, als Nationalsozialist, als treuer Gefolgsmann meines Führers. Ich bereue nichts“, sagte er in seinem Schlusswort im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess.  

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