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Unser Uropa NeandertalerAlles, bloß kein doofer Höhlenmensch!

Eine Nachbildung des Neandertalers steht im LVR-LandesMuseum Bonn.

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Die Nachbildung des Neandertalers steht im LVR‑Landesmuseum Bonn.

Vor 170 Jahren wurde bei uns der Neandertaler gefunden. Um ihn ranken sich bis heute Mythen – und Forscher finden immer Neues heraus.

Eine enge Felsschlucht bei Mettmann. Wir schreiben das Jahr 1856. Im Kalksteinbruch schuften zwei Italiener. Sie tragen mit Hacken den Lehm ab. Dabei stoßen sie in 60 Zentimetern Tiefe auf Knochen – und werfen diese erst einmal achtlos ins Tal. Dort findet sie der Besitzer des Steinbruchs, Wilhelm Beckershoff. Der interessiert sich für Knochen und denkt, er habe einen Höhlenbären vor sich. Er zeigt die Knochen dem Elberfelder Lehrer Johann Carl Fuhlrott. Der staunt nicht schlecht: Die Überreste sind menschlich – nur stammen sie nicht von neuzeitlichen Menschen.

Diese Knochen liegen heute in Bonn, im LVR-Landesmuseum. Dr. Ralf W. Schmitz (65), wissenschaftlicher Referent für Vorgeschichte, berührt sie mehrfach wöchentlich. Er forscht an den alten Knochen, von denen er mehrere sogar selbst geborgen hat, als er 1997 und 2000 Grabungen im Neandertal zwischen Erkrath und Mettmann, nur 13 Kilometer von Düsseldorf entfernt, vornahm.

Neandertal 1 aus Düsseldorf hatte Dauerschnupfen

„Der Fundort von 1856 ist komplett zerstört, alles ist unter dem Schutt der Steinbrüche verschüttet worden.“ Er sucht damals die Nadel im Heuhaufen – oder besser, die Knochensplitter im Gesteinshaufen – und findet sie. „Die Recherchen, wo wir nach der sogenannten Feldhofer Grotte, dem damaligen Fundort, suchen mussten, haben vier bis fünf Jahre gebraucht. Die eigentliche Geländeaktion dauerte nur drei Wochen. Es war wie ein Traum, dort menschliche Knochenfragmente zu finden. Sie wurden auf ein Alter von 44.000 Jahren datiert. Drei der Knochensplitter passten genau an die Funde aus dem Jahr 1856. Sie gehörten alle zu Neandertal 1.“

Neandertal 1, so heißt der stämmige Mann, der einer ganzen menschlichen Spezies ihren Namen gab. „In den 200 Jahren Sammeltätigkeit in unserem Museum ist dies mit Abstand das wichtigste Fundstück“, sagt Ralf W. Schmitz. „Ich vergleiche die Bedeutung gerne mit der Relevanz der Mona Lisa für den Louvre.“ Seit 1877 liegen die Knochen in Bonn. Der Neandertaler veränderte die Forschung zu menschlichen Spezies weltweit – von Düsseldorf in die Welt.

  1. Da er Rheinländer war, gibt es im Rheinland auch viel zum Neandertaler zu entdecken. Am30. August findet z. B. am ohnehin sehenswerten Neanderthal Museum Mettmann das große Museumsfest statt. Von 10 bis 18 Uhr gibt es spannende Aktionen für die ganze Familie – Bogenschießen, Speerschleudern und Steinzeit-Handwerk kann man selbst ausprobieren. Neu sind unter anderem das Nähen von Lederbeuteln, Geodenknacken (Gesteine, die im Inneren mit Kristallen gefüllt sein können), Sonnenbeobachtungen und eine Mitmachschmiede. Das Museumsfest kostet 6 Euro pro Person ab vier Jahren. Wer zusätzlich das Museum besuchen möchte, zahlt 14 Euro für Erwachsene und 9,50 Euro für Kinder von 4 bis 16 Jahren. Kinder bis einschließlich drei Jahre haben freien Eintritt.
  2. Im LVR-Landesmuseum Bonn kann man DEN Neandertaler – Neandertal 1 – bestaunen. In der Ausstellung ist das Originalskelett zu sehen. Es gibt außerdem viele weitere spannende Funde und Ausstellungen zur Geschichte und Kultur des Rheinlandes. Das Museum hat heute von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt: 11 Euro für Erwachsene, ermäßigt 7 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt.

Schmitz fand auch Neandertal 2, eine Frau. „Beide, der Mann und die Frau, wurden in einer Höhle bestattet, sie waren nicht verwandt, lebten aber zur gleichen Zeit, das hat die DNA-Analyse ergeben. Zudem weiß man: Sie ernährten sich zu 99 Prozent von Fleisch – und der Mann hatte gegen Ende seines Lebens eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung.“ Das weiß man, weil Schmitz seine Nasenscheidewand fand (faszinierend, wenn man bedenkt, dass so ein feiner Knochen 40.000 Jahre überdauert hat). War auch sonst nicht ganz gesund, der Ur-Düsseldorfer. „Er hat sich mit etwa 19 oder 20 Jahren den linken Arm gebrochen, das ist nie richtig verheilt“, erklärt uns Schmitz. „Er konnte ihn nie wieder richtig benutzen. Trotzdem wurde er 42, 43 Jahre alt – was für Neandertaler die maximale Lebensspanne war. Seine Mitmenschen müssen sich also gut um ihn gekümmert haben. Er wurde auch richtig bestattet, sonst hätten die kleinen und dünnen Knochen seines Skelettes gar nicht die Zeit überdauert.“

Als Schmitz mit uns über den Neandertaler spricht, spürt man seine Begeisterung intensiv. „Es ist faszinierend, was sich mit modernen Forschungsmethoden noch alles herausfinden lässt“, sprudelt es aus ihm heraus. „Da wird es auch in den nächsten Jahren noch viele neue Erkenntnisse geben. Die Knochen werden derzeit mit Mikro-Computertomographie untersucht, was dreidimensionale Einblicke in das Innere im Mikrometerbereich ermöglicht. Die DNA-Analyse fördert immer Neues zutage. Mit ZooMS (Abkürzung für Zooarchaeology by Mass Spectrometry) haben wir eine neue bahnbrechende naturwissenschaftliche Methode, um die Tier- oder Menschenart anhand von nur winzigen Knochenfragmenten zu bestimmen. Die Forschung öffnet immer wieder neue Türen!“

Lange, vor allem in den 1920er Jahren und im Folgenden, galt der Neandertaler als dumm und degeneriert – ein großes Missverständnis. „Der Neandertaler war ein sehr fitter, intelligenter Eiszeitjäger“, sagt Schmitz. „Er hat 400.000 Jahre überleben können, er war also ganz sicher nicht dumm. Der anatomisch moderne Mensch war ihm gar nicht weit überlegen, zumindest nicht am Anfang. Neandertaler waren zudem sehr sozial.“ Wenn er heute die Knochen aus der Vitrine nimmt, findet Schmitz es jedes Mal wieder aufregend. „Man muss sich auch immer vor Augen führen: Da liegt ein Mensch, der gelebt, sich gefreut und gelitten hat. Manches werden wir nie über ihn wissen – wie er gesprochen hat, zum Beispiel.“

Was könnten wir vom Neandertaler lernen? „Das Leben im Einklang mit der Natur, sich nur das zu nehmen, was man wirklich brauchen und verbrauchen kann“, sagt der Wissenschaftler nachdenklich. „Unsere Spezies erscheint mir aggressiver zu sein als die des Neandertalers. Expansion war ihm nicht wichtig. Wir wollen immer nur höher, schneller, weiter. Und der Neandertaler zeigt uns: Aussterben ist ganz normal, es passiert. Wollen wir nur nicht so gerne wahrhaben.“

Neandertaler-Gene sind positiv für unser Immunsystem

Der schwedische Evolutionsforscher Svante Pääbo (71) vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig wurde 2022 für seine Forschung zur Evolution des Menschen und zu dessen ausgestorbenen Verwandten mit dem Nobelpreis für Medizin oder Physiologie ausgezeichnet. Dr. Ralf W. Schmitz arbeitet mit ihm zusammen, um die letzten Geheimnisse des Neandertalers zu entschlüsseln. „Die meisten Menschen heute haben Neandertaler-Gene in sich, auch beispielsweise in China, obwohl sich der Neandertaler selbst bis dorthin gar nicht ausgebreitet hat“, erklärt Schmitz. „Nur Menschen südlich der Sahara tragen, wenn sie sie nicht über Seefahrer oder Kolonialisten mitbekommen haben, keine Neandertaler-Gene in sich.“

Der schwedische Evolutionsforscher Svante Pääbo hält im Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die Nachbildung eines Neandertaler-Schädels in der Hand.

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Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig bekam für seine DNA-Forschungen zum Neandertaler den Nobelpreis. Ralf W. Schmitz arbeitet bis heute mit ihm.

Und was haben wir vom Neandertal-Erbe? „Die Gene wirken sich positiv auf unser Immunsystem aus. Bei Frauen sorgten sie für stabilere Schwangerschaften, sie machen uns muskulöser. Da werden wir in den nächsten Jahren durch Gen-Analysen noch viel mehr herausbekommen.“ Sind die Nachbildungen von Neandertalern eigentlich „originalgetreu“, also sahen sie echt so aus? „Für diese Modelle werden die Knochen gescannt und dann modelliert ein Anatom Gesicht und Körper“, erklärt Ralf W. Schmitz. „Wir wissen vieles über die Waffen, die Neandertaler genutzt haben. Wir kennen die Tiere, aus deren Häuten und Fellen sie ihre Kleidung machten. Das stimmt also. Und wir wissen heute aus Genforschungen, dass Neandertaler eher braunhaarig und braunäugig waren. Viele Darstellungen zeigen sie aber wohl etwas zu hell. Sie sahen eher aus wie Menschen aus Nordafrika oder waren sogar noch dunkler.“

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