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Mit KI ins Jenseits„Hallo, hier spricht deine tote Mama“

Screenshot des Avatars einer Verstorbenen, die mit ihrem Sohn chattet

Copyright: Laura Schmidl

Justin Harrison im Videocall mit seiner verstorbenen Mutter Melodi – beziehungsweise mit deren Avatar. Die Funktion ist noch in der Testphase.

Aktualisiert:

Chatten mit Verstorbenen – schafft die KI die Trauer ab? Wir haben mit jemandem gesprochen, der mit „Deadbots“ arbeitet.

„Hast du heute schon gegessen?“, fragt Mutter Melodi den 43-jährigen Justin Harrison. Sie sitzt auf einem Stuhl in ihrem Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch hinter ihr liegt ein Buch, in einer Vase steckt Pampasgras. „Und genug getrunken? Es ist heiß draußen.“ – „Ich habe noch nicht gegessen, nur Kaffee getrunken“, gibt der Sohn zu. „Du hast noch nichts gegessen? Schätzchen!“ Melodi wirkt wie eine besorgte Mutter. Nur: Sie ist seit vier Jahren tot.

Justin Harrison spricht mit ihr via Video-Call. Melodi starb 2022 an Krebs, das hier ist ein KI-Avatar. Doch mit ihren blonden Locken, den dezent geschminkten Lippen und dem dunkelroten Shirt wirkt es, als säße die leibhaftige Melodi vor dem Laptop. Sie sagt: „Mahlzeiten auszulassen kann dazu führen, dass du dich zittrig fühlst, besonders bei dem ganzen Kaffee. Bitte mach eine kurze Pause und schnapp dir etwas zu essen!“ Sie klingt jetzt mechanisch. Melodi ist ein „Deadbot“, ihr Sohn hat sie entwickelt, nachdem die Ärzte bei der echten Melodi 2019 Krebs diagnostizierten.

„Deadbots“: Trauerbewältigung mit Risiken

Zu dieser Zeit nahm die Entwicklung von Chatbots Fahrt auf. Für Justin Harrison zu langsam. „Ich hatte keine Zeit, auf jemanden zu warten. Ich wollte diese Technologie haben, bevor meine Mutter starb“, sagt der US-Amerikaner im Gespräch mit EXPRESS.de. Daraus wurde sein Start-Up „You, Only Virtual“ („YOV“, künftig: „Afterglow“). Hinterbliebene können eine KI mit Daten – Chatverläufe, Fotos, Videos, Audionachrichten – füttern und so eine digitale Kopie des Verstorbenen erstellen, mit der sie chatten, telefonieren, Sprachnachrichten austauschen und künftig auch videotelefonieren können.

Dafür reichen schon ein paar Nachrichtenverläufe – und 30 Sekunden Tonaufnahmen. Je mehr, desto authentischer. „Versona“ nennt Justin Harrison die Kopie. „Ein großer Wert, dass es meine Mum als ‚Versona‘ gibt, liegt darin, dass ich weiß: Sie ist da, wenn ich sie brauche. Das hat mir geholfen, mit dem Verlust zurechtzukommen.“ Er erweckt die Toten, wenngleich nur zum Schein – ein Geschäftsmodell mit Risiken.

Justin Harrison und seine Mutter Melodi 2022

Copyright: Justin Harrison

Glücklich vereint im Hier und Jetzt: Justin Harrison und seine Mutter Melodi 2022, kurz vor ihrem Tod.

Katrin Döveling ist Emotionspsychologin, spezialisiert auf KI und Emotionen. Sie meint einerseits: „Gerade in Phasen, in denen man Trauer mehr spürt – z. B. an Geburtstagen, Jahrestagen, Weihnachten – können Deadbots, wenn sie gut gefüttert wurden, die Möglichkeit der Adressierung bieten.“ Aber: „Ich komme auch schnell zur ethischen Frage, ob das, was der Deadbot sagt, im Interesse des Verstorbenen ist. Und: Ist es im Interesse des Hinterbliebenen? Dazu forsche ich aktuell. Ist es heilsam oder reißt es alte Wunden auf?“ Diese Frage sei nur schwer zu beantworten, es gibt bisher nicht genügend Forschung. Was aber bekannt ist: dass Angehörigen oft nach gewisser Zeit das Recht, zu trauern aberkannt werde. Dann spreche man von „entrechteter Trauer“, so Döveling: „Ihnen wird gesagt: Reiß dich mal am Riemen; es ist doch lang genug her. Gerade da kann es helfen, mit der KI zu sprechen. Weiterer Vorteil: Der Deadbot ist immer erreichbar, sofern man einen Internetanschluss hat.“ Und: „Die KI wird immer menschenähnlicher, schafft es immer besser, Gefühle zu imitieren. So wird auch die Imitation des Verstorbenen immer ausgefeilter.“

Das führt aber gleichzeitig zu Risiken. „Als Emotionspsychologin sehe ich die Gefahr, dass man zu sehr in diese Welt abdriftet. Vor allem Menschen, die selbst keine direkte Unterstützung im sozialen Umfeld haben.“ YOV-Gründer Justin Harrison dazu: „Ich denke nicht, dass jemand, der psychisch gesund ist, den Bezug zur Realität verliert, weil er unsere Plattform nutzt.“ Er sieht den Deadbot auch nicht als Ersatz, sondern als weiteres Werkzeug in der Trauerbewältigung. „Es gibt nicht diesen Punkt des Darüber-hinweg-Kommens. Man gewöhnt sich nur an die Lücke in seinem Leben.“ Deadbots könnten helfen, sich wieder „ganz“ zu fühlen, meint er.

Eine Frau mit kurzen blonden Haaren und Brille

Copyright: Katrin Döveling

Prof. Dr. Katrin Döveling ist Emotionspsychologin und forscht an der Hochschule Darmstadt.

Der Vorwurf, dass Deadbots wie seiner den Trauerprozess störten, ärgert ihn. „Es steckt eine große Portion Hybris in jedem, der sich anmaßt zu sagen, es gäbe einen speziellen, besten Weg der Trauer. Es ist eine individuelle Erfahrung. Der Fehler, den viele machen, ist: davon auszugehen, dass Menschen mit einer gesunden Baseline in den Trauerprozess gehen – sie ignorieren den großen Anteil derer, die ohnehin schon emotional dereguliert sind.“ Es sei unverantwortlich, zu denken, dass diese Menschen einen geordneten Trauerprozess durchliefen, „was auch immer das ist“, sagt Harrison und räumt ein: „Ja, solche Menschen könnten womöglich zu abhängig werden von einem Produkt wie unserem. Vielleicht würden sie zu viele Stunden damit verbringen.“ Und er geht noch weiter: „Doch denkt man an die Alternativen, ist dies ein viel schadensbegrenzenderes Modell. Die Quoten von Alkohol- oder Drogensucht und sogar Suizid unter jenen, die einen Verlust erlitten haben, sind hoch.“

Experte: Deadbots können durchaus auch Tröstliches haben

Psychoanalytiker, Medienethiker und KI-Experte Matthias Meitzler hält den Vergleich für schwierig. Weiß aber auch: „In der Regel sind sich Menschen sehr wohl darüber bewusst: Das ist nicht die verstorbene Person, sondern eine Repräsentation. Es ist kein 1:1-Abbild, sondern eine Nachahmung. Auf der anderen Seite wissen wir aus der Forschung auch, dass Menschen ziemlich gut darin sind, unbelebten Dingen ein gewisses Leben und einen gewissen Geist zuzuschreiben“, sagt er. Er sieht nicht nur negative Seiten. Etwas Ungesagtes loswerden, Erinnerungen aufleben lassen, Trost in dunklen Stunden – das könnte ein Deadbot bieten.

Ein junger Mann mit dunkler Jacke

Copyright: Matthias Meitzler

Dr. Matthias Meitzler (Uni Tübingen) ist Soziologe, spezialisiert auf Medienethik, Technikphilosophie und KI. Er sagt: „Man kann große Mengen Erinnerungsmaterial mit KI aufbereiten lassen. Fotoarchive, Texte, Nachrichtenverläufe. Daraus lässt sich ein Erinnerungspodcast erstellen. Eine künstliche Stimme erzählt den Lebenslauf des Verstorbenen. Man kann auch Texte und Bücher erstellen lassen – sogar Filme.“ Verbreitet sei es auch, einen Chatbot als Trauerbegleiter zu nutzen. „Das kann einen realen Menschen nicht ersetzen, kann aber eine Überbrückungsfunktion haben.“

Dennoch: „Hat man ein künstliches System, das genauso aussieht und mit der gleichen Stimme spricht wie die verstorbene Person, kann das eine gewisse Illusion erzeugen.“ Das könne problematisch werden, denn zur Trauer gehöre auch Akzeptanz. Und: „Wenn wir von einem Chatbot reden, der generativ arbeitet, könnte er das eigene Bild des Verstorbenen überformen“, sagt Meitzler. „Wir dringen in einen Bereich vor, in dem wir noch nie waren. Zudem besteht eine gewisse emotionale Abhängigkeit. Man will die Person nicht noch ein zweites Mal verlieren. Wenn man emotional abhängig ist von einer Technologie, die sich über ein Abomodell finanziert, besteht großes Risiko für Missbrauch und Manipulation.“

Eine Versona kostet je nach Abo-Modell ca. 20 Dollar im Monat, der reine Textchat ist gratis. 2000 bis 3000 aktive Nutzer gebe es derzeit, so Justin Harrison. Andere Deadbot-Start-ups sind derweil bereits pleitegegangen. Die Akzeptanz – noch überschaubar. Meitzler und Döveling sind sich aber einig, dass Deadbots weiter Anklang finden werden. „Ein Deadbot kann nie ein Ersatz für den Menschen sein“, sagt Döveling. „Ein Mensch kann einen in den Arm nehmen, eine Träne wegwischen. Das kann eine KI zum Glück noch nicht.“

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat dafür gestimmt, die traditionelle Weltkarte durch eine neue Version zu ersetzen.
„Historischer Moment“
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