Missbrauch in der Kindheit, keine Strafe für die Täter. Lena (33) gibt nicht auf.
Ihr Martyrium als KindLena (33) erhebt ihre Stimme: „Als Täter würde ich mich auch sicher fühlen“

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Lena Jensen mit rotem Haar und Pailletten-Oberteil.
Sich zu verbergen, kommt für Lena Jensen (33) nicht mehr infrage. Als Kind musste sie jahrelang sexuellen Missbrauch durch Personen aus dem engsten Familienumfeld erdulden. Die 33-Jährige setzt sich heute für die Fairness ein, die ihr persönlich verwehrt blieb. Sie protestiert öffentlich und teilt ihre Leidensgeschichte auf Instagram.
An die Phase vom zweiten bis zum sechsten Lebensjahr hat sie nur fragmentarische Erinnerungen; es scheint, als sei sie sediert worden. Insbesondere ihrer Mutter fiel auf, dass etwas nicht passte, da Lena wieder einnässte und sich aggressiv verhielt. Die furchtbare Wahrheit offenbarte sich durch einen reinen Zufall: Ihre Mutter holte sie unerwartet früh ab, fand eine abgedunkelte Wohnung vor und sah Lena sowie die Täter lediglich in Unterwäsche. Zwar wurde der Vorfall gemeldet, doch zu einem Gerichtsverfahren kam es niemals. Die Ermittlungen wurden ohne Ergebnis beendet. Das berichtet „DER SPIEGEL“.
Die bittere Realität: 99 von 100 Tätern kommen davon
„Es macht mich halt so sauer. Dass die nie einfach eine Konsequenz erfahren müssen“, erklärt Lena heute. Diese Statistik verleiht ihr ein Gefühl der Hilflosigkeit: Lediglich 10 bis 15 Prozent aller Taten gelangen zur Anzeige, wovon wiederum nur 10 Prozent in einer Verurteilung münden. Rechnerisch wird also nur ein einziger von 100 Tätern belangt. Lenas zynische Schlussfolgerung: „Also, dann würde ich mich auch sicher fühlen.“
Dieser Missstand ist ihr Antrieb. Die Publikation der Epstein-Akten war der Auslöser, sich mit anderen Leidensgenossen zu vernetzen. Im Februar protestierte sie mit hunderten Menschen vor dem Kanzleramt, Ende März waren es tausende in Hamburg. Schweigen ist für sie keine Option mehr. „Bis zu dem Zeitpunkt, als ich das öffentlich gemacht hab, dachte ich immer, ich bin ein Einzelfall“, berichtet sie. Die Resonanz machte ihr aber klar: „Nee, ich bin nicht allein. Es betrifft so viele Menschen.“ Im Jahr 2024 gab es deutschlandweit 16.354 registrierte Fälle, wobei die tatsächliche Zahl vermutlich deutlich darüber liegt.
Im Bundestag: Lena kämpft für die Kleinsten
Ihr Engagement trägt Früchte. Mitte März erhielt Lena eine Einladung nach Berlin für Gespräche mit Politikerinnen. „Das fühlt sich an wie eine Chance“, äußerte sie sich optimistisch vor dem Termin mit Jasmina Hostert von der SPD. Bei der Arbeitsgruppe „Familie“ legte sie die Schwierigkeiten aus der Perspektive von Opfern dar.
Jensen bemängelte, dass Kindern bei Befragungen häufig weniger Glauben geschenkt wird als Erwachsenen. „Wenn man dann zu Fremden gehen muss und auf einmal so was erzählen muss, ist es einfach ultraschwer, sich in so kurzer Zeit zu öffnen.“ Sie verlangt geschützte Bedingungen für Zeugenaussagen sowie eine deutlich intensivere Kooperation zwischen Polizei und Jugendämtern.
Zoff um Hilfsgelder: Regierung dreht den Geldhahn zu
Die Politikerin Jasmina Hostert thematisiert eine weitere Hürde: der Datenschutz, der manchmal Tätern zugutekommt. Demnach könnten Trainer nach Anschuldigungen unbemerkt in ein anderes Bundesland wechseln und ihre Arbeit mit Kindern fortsetzen. Hosterts zentrale Forderung lautet: „Ganz wichtig ist, dass wir jetzt den Fonds gegen sexuellen Missbrauch, dass wir den wieder aufs Gleis setzen.“
Genau dieser Fonds ist jedoch ein großer Streitpunkt. Er wurde 2013 ins Leben gerufen, um Opfern ohne große Hürden mit bis zu 10.000 Euro für Therapiekosten unter die Arme zu greifen. Die Verwaltung wurde im April 2024 vom Bundesrechnungshof beanstandet. Statt eine neue Strategie zu entwickeln, wurde am 19. März 2025 ein vollständiger Antragsstopp verhängt. Das von der CDU geleitete Familienministerium gibt an, zahlreiche Leistungen seien auch durch reguläre Versorgungssysteme erhältlich – für Opfer wie Lena eine magere Entschädigung, weil diese Optionen aufwendiger und nicht so weitreichend sind.
Kathrin Gebel, Abgeordnete der Linken und selbst eine Betroffene von sexualisierter Gewalt, traf sich ebenfalls mit Lena. Sie präsentiert eine schockierende Statistik: „Ein Kind, das von sexualisierter Gewalt betroffen ist, das vertraut sich im Durchschnitt sieben Erwachsenen an, bis ein erwachsener Mensch diesem Kind einmal glaubt.“ Gebel äußert Zweifel, dass die Regierung zügig agieren wird, und sorgt sich, dass am Schluss erneut die Kostenfrage als Bremse dient.
Für Lena Jensen steht fest: Ihr Einsatz muss weitergehen. Unterwegs zur Demonstration in Hamburg erkennen sie Passanten und danken ihr für ihre Courage. Ihr ist bewusst, dass es ein harter Weg wird, doch sie bleibt zuversichtlich. „Das braucht jetzt Geduld, das braucht einen langen Atem. Wir müssen nervig bleiben. Wir müssen laut bleiben.“ (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

