Ihr Kind scheiterte an Buchstaben – Inge Bosse suchte nach kreativen Lösungen, damit Bücher Lust statt Frust machen.
„Mama, ich bin dumm“Wie Inge Bosse auf die Leseschwäche ihrer Tochter reagiert

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Inge Bosse zeigte auf der Bildungsmesse Didacta im März in Köln, dass knapp 50 Prozent der 100 häufigsten Wörter der deutschen Sprache aus Wörtern bestehen, die höchstens drei Buchstaben haben.
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Am kommenden Donnerstag (23. April) ist Welttag des Buches. Nicht nur dann ist klar: Lesen ist eine tolle Sache, wichtig für jedes Alter, vor allem aber für Kinder. Es hat einen großen Einfluss auf ihre Entwicklung: Der Wortschatz wird erweitert, die Konzentration gefördert, die Fantasie angeregt. Aber: Nicht jedem Kind fällt das Lesen leicht. Und was dann?
Diese Worte lassen ein Mutterherz brechen. Als ihre damals achtjährige Tochter eines Tages vor ihr steht und sagt: „Ich bin dumm. Ich kann nicht lesen“, ist für Inge Bosse (44) aus Sickte bei Braunschweig klar: „Ich muss etwas tun, etwas finden, womit meine Tochter gut und vor allem mit Spaß das Lesen lernt.“ Die alleinerziehende vierfache Mutter ist selbst ein großer Lesefan, seit ihrer Kindheit. Schon damals verschlang sie Bücher nach dem Schulunterricht, entdeckte die Magie der Geschichten.
Inge Bosse: Druck aufbauen bringt gar nichts
Dass ihre eigenen Kinder, zwei davon mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (kurz: LRS), nun Schwierigkeiten hatten, selbst einfache Texte zu bewältigen, war für sie zu Beginn eine große Herausforderung. Zwischen Arbeit als Illustratorin, Haushalt und den einzelnen Bedürfnissen ihrer Kinder musste sie kreativ werden. Anstatt ihr Kind „nur“ zu trösten, beginnt sie, eigene Bücher zu schreiben, die sich von den klassischen Erstlesebüchern unterscheiden. „Ich dachte mir: Es müsste doch möglich sein, ein Buch zu entwickeln, das Kinder wirklich lesen können, wenn sie Probleme beim Lesen haben. Schritt für Schritt.“
Nach der langen Suche in Büchereien und Buchhandlungen entwickelte sie ein Erstlesekonzept, für das sie ihren eigenen Verlag gründete. Den Lauter Verlag. Ihr Konzept setzt dabei bewusst sehr einfach an:
- sehr kurze Wörter
- klare Strukturen
- dann eine langsame Steigerung.
- Teilweise bestehen ganze Bücher nur aus Wörter mit lediglich zwei Buchstaben.
- Zusätzlich markiert sie Lautverbindungen wie „au“, „ei“ oder „sch“
„Kinder erkennen diese Einheiten dann sofort als zusammengehörig“, erklärt uns Inge Bosse. „Und so wird das Lesen für sie einfacher und sie verlieren nicht so schnell die Motivation, weil sie Erfolgserlebnis haben.“ Mit ihrem Ansatz geht es ihr vor allem darum, Kindern den Einstieg ins Lesen zu erleichtern. Kleine Fortschritte sollen wieder möglich werden, die Angst vor dem Lesen soll verschwinden. „Auf gar keinen Fall soll Druck aufgebaut werden. Druck blockiert nur“, erklärt sie. Stattdessen sollen Kinder dort abgeholt werden, wo sie eben stehen. Neben den Erstlesebüchern entwickelt sie inzwischen auch Comics und andere Bücher für Teenager, die auf die Lebenswelt älterer Kinder zugeschnitten sind. „So hole ich jedes Kind ab, egal, wo es steht und zeige, dass Lesen Freude macht.“

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Sabine Martschinke ist Grundschulforscherin und -pädagogin.
Unterstützung findet auch Expertin Sabine Martschinke ganz wichtig: „Eine frühzeitige, passgenaue Förderung“, sagt sie. „Dabei müssen sich Kinder auch emotional sicher fühlen.“ Hierfür spielen vor allem die Eltern eine zentrale Rolle: „Eltern können durch ihr Vorbild und durch feste Leserituale viel bewirken.“ Ihr Tipp: „Behalten und zeigen Sie Zuversicht, achten Sie auf kleine Fortschritte und spiegeln Sie sie Ihrem Kind zurück!“
In Deutschland sind bis zu 1,17 Millionen Schülerinnen und Schüler von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche betroffen. Laut IGLU-Studie aus dem Jahr 2021 kann jedes vierte Kind nicht ausreichend lesen – und das im Vergleich zu 2016 in erhöhtem Ausmaß. Auch Erwachsene haben häufig Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Laut Studien betrifft das rund 6,2 Millionen Menschen, also etwa 12,1 Prozent der Bevölkerung. „Die Anzahl der Kinder, die Schwierigkeiten beim Lesenlernen haben, ist enorm hoch und besorgniserregend“, sagt Martschinke.
Auch der soziale Hintergrund spiele dabei eine große Rolle: „Die soziale Schere geht weiter auf, das heißt, der soziale Hintergrund und der Leseerfolg hängen eng zusammen.“ Und das immer mehr. Genauso spielen äußere Einflüsse eine immer größere Rolle: „Aktuelle Studien aus Deutschland sehen tatsächlich Zusammenhänge zwischen der Sprachentwicklung und dem Mediengebrauch. Beispielsweise nimmt mit hoher Bildschirmzeit oder mit der Nutzung von Smartphones das regelmäßige Lesen in der Freizeit ab.“
Früher sah der Alltag vieler Kinder noch anders aus. Heute wachsen sie ganz früh mit den digitalen Medien auf, was zwar neue Möglichkeiten bieten kann, aber auch dazu führt, dass das Lesen im Alltag immer weniger Raum einnimmt. Gerade deshalb wird es umso wichtiger, Kinder bewusst wieder an Bücher heranzuführen und ihnen positive Leseerfahrungen zu ermöglichen. Was bedeuten diese Voraussetzungen für den Unterricht und das Lesenlernen?
„Kurze Sätze, häufig wiederkehrende Begriffe, die man einüben kann und die zu Erfolgserlebnissen führen, sind für Kinder mit Schwierigkeiten eine sinnvolle Alternative zu längeren und schwierigeren Texten, die häufig eine große Hürde darstellen“, erklärt uns Ines Schnitzler, Leiterin des Lehrinstituts für Orthographie und Sprachkompetenz (LOS) in Köln Nord. Es ist genau der Ansatz, den Inge Bosse mit ihren Büchern verfolgt. Besonders hilfreich kann dieser Ansatz auch für Kinder sein, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Für sie stellen lange und komplexe Texte oft eine doppelte Herausforderung dar.

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Ines Schnitzler ist Leiterin desLehrinstituts für Orthographie und Sprachkompetenz (LOS) in Köln- Nord.
Auch Ines Schnitzler betont „Lese-Rechtschreib-Schwäche ist kein unabwendbares Problem, sondern kann mit der richtigen Unterstützung deutlich verbessert und auch gänzlich überwunden werden.“ Ihr dringender Appell: „Suchen Sie sich Hilfe bei Expertinnen oder Experten! Eltern sind meist keine Pädagoginnen oder Pädagogen und bei anhaltenden Schwierigkeiten sollte man sich unbedingt Unterstützung holen, bevor sich Schulangst oder Lernblockaden entwickeln oder verfestigen.“ Für Inge Bosse bleibt genau das der Antrieb hinter ihrer Arbeit an ihren Büchern, die sie auch selbst illustriert. Ihr Ziel ist es, Kindern zu zeigen, dass sie lesen können, und zwar Schritt für Schritt. „Denn wer nur einmal erlebt hat, dass es funktioniert, verliert nicht nur die Angst vor Buchstaben, sondern gewinnt auch ein Stück Selbstvertrauen zurück.“ Lesen bleibt eine grundlegende Fähigkeit, die uns ständig im Alltag begegnet. Und gerade am Welttag des Buches wird deutlich, wie wichtig es ist, allen Kindern den Zugang dazu zu ermöglichen, auch jenen, denen es schwerfällt.

