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Hexentrend im NetzWie gefährlich sind „Witchfluencer“?

Eine als Hexe verkleidete Frau vor einem brennenden Buch

Copyright: Shutterstock

Der Hexenkult, auch vertreten durch sogenannte „Witchfluencer“, hat insbesondere auf Social Media Millionen Follower.

So genannte „Witchfluencer“ haben Millionen Follower im Netz. Harmloser Kokolores – oder gefährlicher Kult? Ein Experte ordnet den Trend für uns ein.

Abrakadabra, wie zauber’ ich massenhaft (zahlungsfreudige) Fans und Follower auf meinen Account? Logo, ich werde Hexe! Spiritueller Simsalabim mit Voodoopuppen, Räucherstäbchen, Reinigungsritualen und magischem Geldzauber boomt.

Doch das alles nur als dummen Hokuspokus abzutun, wäre zu leicht. Pfarrer Fabian Maysenhölder schildert im Gespräch mit EXPRESS.de, was die heutigen Hexen aus- und was sie gefährlich macht.

Experte beschreibt die Faszination an Hesen und Zauberinnen

  1. Wie viele Witchfluencer gibt es? Natürlich erfasse niemand systematisch, wer sich online als „Hexe“ bezeichnet, so der Autor des neuen Buches „Witchfluencer“. Fakt sei jedoch: „Einzelne Accounts haben siebenstellige Followerzahlen, deutschsprachige Hexen-Accounts sammeln Millionen von Likes, und Witchtok Germany ist eine aktive, große Community – überwiegend, aber nicht ausschließlich, weiblich. „Witchtok“, die aktuelle Trendbewegung auf TikTok, sei nur ein Ausschnitt der riesigen Konsum-Esoterik: Allein in Deutschland werden dafür groben Schätzungen zufolge jährlich um die 20 Milliarden Euro umgesetzt, von Kristallen über Coachings bis hin zu Räucherstäbchen.
  2. Warum faszinieren uns Hexen seit Jahrtausenden? Die Hexe ist eine Projektionsfigur, lädt sich immer wieder neu auf mit dem, was eine Zeit gerade sucht. „Im Mittelalter war sie eine Projektionsfläche für die Ängste von Menschen, im 19. Jahrhundert wurde sie zur Rebellin gegen die Kirche, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde sie dann im Umfeld feministischer Bewegungen zum Symbol weiblicher Selbstermächtigung“, erklärt der Pfarrer. Hinzu komme die Popkultur aus den vergangenen Jahrzehnten, die eine Lifestyle-Ästhetik mit sich bringe: rauchende Altäre, Kerzenlicht, Tarotkarten – eine Projektionsfläche für Individualität und das Gefühl, „anders“ – und deshalb besonders – zu sein. Religion ist out, Hexenglaube ist in.
  3. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Maysenhölder: „Viele suchen etwas Individuelles, ohne Institution, ohne verbindliches Dogma, ohne dass ihnen jemand reinredet. Das ist im Kern eine Kritik an klassischer Religiosität, wie sie sich in Gemeinden oder Institutionen organisiert.“
Pastor  Fabian Maysenhölder schrieb das Buch "Witchfluencer"

Copyright: Fotoatelier Ebinger

Der evangelische Pfarrer Fabian Maysenhölder untersucht das Geschäftsmodell moderner Hexen auf TikTok & Co.

Die heutigen Hexen würden sich als Rebellinnen sehen und inszenieren – im Gegensatz zu früher. Die Frauen (und örtlich bis zu 20 Prozent Männer), die in den Hexenprozessen des 16. und 17. Jahrhunderts verfolgt wurden – schätzungsweise 50.000 bis 70.000 Menschen in Europa – waren in aller Regel keine Rebellinnen, sondern Opfer von Verleumdung, Aberglauben und sozialem Druck in einer patriarchal geprägten Gesellschaft. Das Bild der Hexe als Widerstandskämpferin und vermeintlich „weisen Frau“ sei eine Deutung des 19. und 20. Jahrhunderts, die den Menschen im Nachhinein eine politische Haltung unterstelle, die allerdings die wenigsten von ihnen hatten.

Bei modernen Hexen sieht das anders aus: Sie sind weltoffen und bieten auch benachteiligten Gruppen einen Rahmen, sich zu entfalten. Nicht nur deshalb sieht der Pfarrer durchaus positive Seiten bei den Hexen, „verteufelt“ sie nicht und lobt die Nähe zur Natur. Wenn eine Hexe sagt, „alles ist mit allem verbunden“, dann decke sich das mit dem, was jedes Ökosystem lehrt: Fällt ein Glied weg, gerät das Ganze ins Wanken. „Wer den Löwenzahn im Stadtpark nicht als bloßes Objekt sieht, sondern als etwas Lebendiges, zerstört ihn nicht leichtfertig. Das ist eine Lektion, die viele – ich eingeschlossen – auch ohne Zauberstab gut gebrauchen können“, erklärt der Pfarrer schmunzelnd.

Hexenirrsinn im Netz: Kerzen gegen Krebs und „Liebeszauber“

Doch im Rahmen seiner Recherchen entdeckte er auch viele Beispiele, die ihn entsetzten: Etwa ein Kerzenritual, das gegen Krebs helfen soll – „ohne dass in der Videobeschreibung erkennbar ist, ob überhaupt noch eine medizinische Behandlung stattfindet. Leider wird häufig der Eindruck vermittelt, die Magie oder esoterische Alternativen stünden auf einer Stufe mit evidenzbasierter Medizin“. Wer den Eindruck bekomme, Magie ersetze Medizin, gehe im Zweifel zu spät zum Arzt. Sehr gefährlich. „Ich habe persönliche Geschichten berichtet bekommen, in denen genau das passiert ist – Menschen, die auf Heiler statt Ärzten vertrauten und am Ende starben, weil es zu spät für eine auf wissenschaftlichen Belegen beruhende Behandlung war“, so Maysenhölder.

Stattdessen macht sich mancher Scharlatan die Taschen voll. Oft laufe das über Online-Shops wie etwa Etsy. Dort könne man schnell und einfach Zauber und Rituale „kaufen“, die eine „Hexe“ dann für einen durchführe: Heilungen, Rache- oder Liebeszauber etwa. „Das kann schnell auch hunderte Euro kosten. Und das sind keine Einzelfälle, sondern das ist ein eigener, großer Markt innerhalb der Konsum-Esoterik“, weiß der „Hexenjäger“, der natürlich hin und wieder auch selbst die Probe aufs Exempel machte und manche Zauberei testete: „Racherituale sind da ganz vorn dabei, die nehmen echt kuriose Züge an – z. B. soll man den Namen eines Menschen auf Klopapier schreiben, es bespucken, mit Pfeffer bestreuen und dann herunterspülen. Klingt absurd, sagt aber viel darüber aus, wie vermeintliche Zauber funktionieren: Einfache Symbolik, klar nachzuvollziehen.“

Eine Voodoopuppe lehnt vor einem Gefäß mit grünlich blubbernder Flüssigkeit

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Voodoo-Puppen sind im Netz schwer gefragt, um dem Ex alles Schlechte an den Hals zu wünschen, entstammen allerdings eher der europäischen Volksmagie und haben nichts mit dem traditionellen Voodoozauber (zur Heilung und Stärkung einer Person) gemein.

Wie auch dieses Beispiel: Die bekannte deutsche Hexe Shisha Rainbow reibt sich in einem Video mit einem rohen, ausdrücklichen „Bio-Ei“ von freilaufenden Hühnern am ganzen Körper ab – wichtig sei dabei, alle Chakren zu erwischen und das Ganze am besten nackt auszuführen, erklärt Hochwürden. „Danach schlägt sie das Ei in ein Glas mit lauwarmem Wasser. Zeigt das Wasser keine Blasen, Schlieren oder Fäden, sei die eigene Aura rein; je unruhiger das Ergebnis, desto intensiver müsse man sich energetisch reinigen. Im Grunde eine bio-zertifizierte Variante des klassischen Bleigießens.“ Und leider habe auch der Wohlstandszauber mit Zimt und Münze bei ihm keinen Geldsegen ausgelöst. Seine Kontoauszüge würden sonst anders aussehen, lacht er. Wie kommt die Kritik bei den Hexen an? Noch habe er übrigens nicht das Gefühl, nach Veröffentlichung mit einem Fluch belegt worden zu sein.

Hexenverfolgung gibt es bis heute

In Mythen und im alten Volksglauben bezeichnet der Begriff „Hexe“ eine Person mit vermeintlichen Zauberkräften. Seit dem späten Mittelalter glaubte man in Europa, Hexen würden im Bunde mit dem Teufel stehen. Die massenhafte Verfolgung, Folterung und Hinrichtung von angeblichen Hexen fand ihren Höhepunkt in Mitteleuropa zwischen 1550 und 1650.

Doch es gibt bis in die Gegenwart in einigen Teilen der Welt (wie in Afrika, Ozeanien oder Asien) eine moderne Hexenverfolgung. Experten schätzen: Seit 1960 sind vermutlich mehr Menschen wegen Hexerei hingerichtet oder umgebracht worden als während der gesamten europäischen Verfolgungsperiode.