Zum Inhalt springen

Blutbad im MeerKillerwal-Brüder machen gezielt Jagd auf Weiße Haie

Ein Killerwal schwimmt vor der Küste Norwegens.

Copyright: Getty Images/iStockphoto

Killerwale (Orcas) stehen in der Nahrungskette im Meer ganz oben. (Symbolbild)

Aktualisiert:

Vor Südafrika werden tote Weiße Haie ohne Leber angespült. Forscher haben zwei Orca-Brüder als Täter ausgemacht.

Der Bauch ist aufgeschlitzt, die Leber ist weg. An der Küste bei Kapstadt spült das Meer immer wieder tote Weiße Haie an. Bei allen sieht die Verletzung gleich aus: Es fehlt genau das große Organ, das so viel Energie liefert.

Lange stand man vor einem Rätsel. Wer genauer hinsah, erkannte aber eine gezielte Jagd. Und dahinter steckt ein Machtkampf zwischen den zwei größten Räubern der Ozeane.

Vor Südafrikas Küste: Orca-Brüder auf der Jagd nach Weißen Haien

Alles beginnt im Mai 2017. Bei Gansbaai, nicht weit von Kapstadt, wird ein Weißer Hai an Land gespült. Er wiegt gut eine Tonne. Die Wissenschaftler staunen über ein riesiges Loch im Körper. Die Leber fehlt. Allein sie bringt rund 90 Kilogramm auf die Waage und steckt voller Energie.

Es bleibt nicht bei diesem einen Fund. In den Monaten danach tauchen weitere tote Weiße Haie mit genau denselben Wunden auf. Hai-Biologin Alison Towner von der Rhodes University weiß noch, wie ratlos das Team damals war. Dem britischen TV-Sender „BBC“ sagte sie rückblickend: „Wir fragten uns: Was zum Teufel hat das getan?“

Port und Starboard: Die Killerwal-Brüder unter Verdacht

Lange suchen musste man nicht. Schnell gerieten zwei Orca-Männchen ins Visier: Port und Starboard. Seit 2015 kreuzen die beiden vor der Küste Südafrikas. Verwechseln kann man die Killerwale kaum, denn ihre Rückenflossen sind auf typische Weise umgeklappt.

Taucher hatten schon früher ähnliche Funde gemacht. Sie entdeckten tote Siebengillhaie, denen die Leber herausgerissen worden war. Und das jedes Mal dann, wenn die beiden Schwertwale in der Nähe gesichtet wurden. Dann war plötzlich auch das Gebiet vor Dyer Island leer. Dort hatten sich früher massenhaft Haie getummelt. Towner nennt den Ort einen „McDonald’s-Drive-In für Weiße Haie“. Wie schnell die Tiere verschwunden waren, beschreibt die Forscherin so: „Nicht allmählich, sondern über Nacht“.

Die Taktik der Orcas: Sie nutzen die sogenannte tonische Immobilität

Den letzten Beweis gab es erst 2022, und zwar aus der Luft. Eine Drohne filmte vor der Küste von Mossel Bay, wie Orcas einen Weißen Hai an die Wasseroberfläche drückten. Sie drehten ihn auf die Seite und bissen ihm die Leber heraus. Ganz ähnliche Szenen hielten Beobachter auch im Golf von Kalifornien und vor Australien fest.

Die cleveren Jäger setzen auf die sogenannte tonische Immobilität. Liegt ein Hai auf dem Rücken, wird er für kurze Zeit gelähmt. Die Orcas gehen dabei also kein Risiko ein. In aller Ruhe holen sie sich das nahrhafte Organ, das bis zu 28 Prozent des Körpergewichts ausmacht.

Weißer Hai schwimmt im Meer.

Copyright: imago images / imagebroker

Weiße Haie sind vor der Küste Südafrkas keine Seltenheit.

Die Orcas haben noch einen weiteren Vorteil. Sie leben in eng verbundenen Familien und bringen sich ihre Jagdtricks gegenseitig bei. Weiße Haie ziehen dagegen allein durchs Meer. Für Orca-Forscherin Deborah Giles ist deshalb klar, wer an der Spitze steht: „Schwertwale sind klar die wahren Apex-Prädatoren“.

Die blutigen Angriffe zeigen Wirkung. Viele Weiße Haie meiden die Westküste Südafrikas inzwischen und ziehen weiter. Dazu kommt, dass Klimawandel und Umweltveränderungen die beiden Top-Räuber immer öfter zusammenbringen. Forscher schlagen deshalb Alarm. Sie fürchten, dass sich in den Ozeanen das ökologische Gleichgewicht stark verschiebt. Der leise Machtkampf unter der Wasseroberfläche hat längst die ganze Welt erreicht. (red)