80 Jahre Bikini! Und er sitzt immer noch perfekt. Dabei hat kein Kleidungsstück mehr aufgeregt, verändert – und enthüllt. Wir gucken in den Kleiderschrank der Geschichte.
Riesenzoff um wenig StoffIngenieur ersinnt vor 80 Jahren den Bikini

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Traum in Gelb aus den späten 40er Jahren: Ava Gardner (1922-1990) betörte – vielleicht auch dank Bikini – gleich drei Ehemänner.

19.431 – fünf Ziffern, hinter denen sich eine Moderevolution verbirgt: Unter dieser Nummer meldete Louis Réard am 18. Juli 1946 eine Kombination aus „vier Dreiecken und ein paar Schnüren“ beim Pariser Patentamt an. Die etwa 100 Gramm Stoff hatten schon 13 Tage für hitzkopfroten Furor bei Moralisten und Schnappatmung bei Connaisseuren gesorgt: Voilà, der Bikini war geboren!
Bis das knappe Teil mit großem Aufregerpotenzial unter dem Namen Bikini das Licht der Öffentlichkeit erblickt, liefern sich im Sommer 1946 zwei Herren ein textiles „Wettrüsten“ – Mode makaber, sozusagen. Denn Jacques Heim, Pariser Maßschneider und Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen, hatte bereits im Frühjahr 1946 einen entsprechenden Zweiteiler kreiert – „Atome“ nannte er seine Kreation, nicht wegen der Durchschlagskraft, sondern weil das Teil angeblich so klein war wie ein Atom. War’s aber nicht, denn Heim reüssiert in der gehobenen Pariser Gesellschaft, weshalb „Atome“ doch ein bisschen mehr Stoff vorzuweisen hat.
Der Bikini – französische Ingenieurskunst
So weit, so schicklich – mit solcher Dezenz hat Heims Konkurrent Louis Réard wenig an der Mütze. Der gelernte Automobilingenieur will noch eins draufsetzen, tauscht Zündkerze gegen Zündstoff – und designt eine Winzigkeit von Badekostüm, Name: Bikini. Es folgt cleveres, wenn auch grenzwertiges Marketing. Denn nur wenige Tage vor der Präsentation hatten die Amerikaner auf einem bis dato weitgehend unbekannten Pazifik-Eiland Kernwaffentests durchgeführt – auf dem Bikini-Atoll. Dort geht am 1. Juli 1946 die vierte Atombombe hoch. Vier Tage später detoniert im Pariser „Molitor“-Schwimmbad eine weitere Bombe. Eine Sexbombe …
Micheline Bernardini, ein Pariser Cabaret-Girl, äußerst firm in Striptease, posiert in Louis Réards Erstlingswerk, einem Bikini in Zeitungsseiten-Optik. Bernardini zieht einen weiteren Bikini immer wieder durch einen Ehering und stopft ihn in eine Streichholzschachtel – quod erat demonstrandum, das Teil ist wirklich winzig. Kleiner Treppenwitz am Rande: Trotz des atomaren „Settings“ hat am Ende nicht Jacques Heims Modell „Atome“ das Bindebändchen vorn, sondern Réards Bikini (was in der indigenen Sprache der wegen der Atomtests zwangsumgesiedelten Bikini-Einwohner übrigens „Land der vielen Kokosnüsse“ bedeutet).

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Nackttänzerin Micheline Bernardini am 5. Juli 1946 bei der Vorstellung des allerersten Bikinis (im Zeitungsseiten-Look).
Sprengkraft, allerdings moralischer Natur, hat in den 40ern auch der Bikini: An vielen Badestränden Italiens, Spaniens und gar Australiens gesetzlich verboten, in Frankreich am Mittelmeer gestattet, aber an der Atlantikküste verboten. In Rio de Janeiro gründet sich gar ein (heute undenkbar!) Anti-Bikini-Verein. Und das, obwohl schon im alten Griechenland Damen in Zweiteilern zu sehen waren – wie antike Vasenmalereien beweisen.
Die Morgenluft der Selbstverwirklichung und -ermächtigung witternd, tragen mehr und mehr Frauen die Zweier-Kombi, die so zeigt, was sie eigentlich verhüllt. Hollywoodstars von Ava Gardner bis Marilyn Monroe posieren im Bikini – und als in den 50er Jahren im prüden Amerika immer mehr Betuchte einen privaten Swimmingpool ihr Eigen nennen, sonnen sich die Gattinnen selbstverständlich im Bikini. Guckte ja keiner zu. Für Modehistorikerin Prof. Dagmar Venohr ist das minimalische Kleidungsstück eine Befreiung aus jahrhundertelangen Einschränkungen, wie sie im „Deutschlandfunk“ erklärt: „Je mehr Körper ich zeigen durfte, umso mehr konnte ich als Frau gesellschaftliche Freiheiten genießen.“
Und diese Freiheiten brechen sich in den 60er Jahren Bahn: Spätestens seit Ursula Andress 1962 als Muscheltaucherin Honey Ryder den Fluten des Ozeans entsteigt. Bekleidet mit einem ebenso aufregenden wie schlichten, gegürteten Bikini samt Muschelmesser an der Hüfte. Noch 40 Jahre, nachdem die Schweizerin im elfenbeinfarbenen Schwimmdress auftauchte, wurde die Szene in einer britischen Umfrage zum „erotischsten Filmmoment aller Zeiten“ gekürt.
Und heute? Ein Meeresstrand, ein Badesee, ein Freibad ohne Bikinis? Undenkbar – der Ur-Bikini hat inzwischen unzählige Varianten vom Tankini bis Rio-Bikini, dessen Unterteil so schmal ist, dass es mühelos zwischen den Pobacken verschwindet und daher auch „Zahnseiden-Bikini“ heißt. In einem seiner letzten Interviews verriet der 1984 verstorbene Louis Réard, der in Lausanne neben seiner legendären Couturier-„Kollegin“ Coco Chanel begraben liegt, seine Philosophie: Eine Frau im Bikini sei nicht mehr als ein wunderschön verpacktes Geschenk: „Man will das Seidenband abmachen, die Schachtel öffnen und sehen, was drin ist.“
