Man sagte ihr: „Unvermittelbar – krieg' besser alle drei Jahre ein Baby.“ Doch Melanie Schneppershoff hat sich nicht unterkriegen lassen. Mit Erfolg.
Melanie (38) aus NRW zeigt es allenMan sagte ihr: „Krieg' besser alle drei Jahre ein Baby“

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Melanie Schneppershoff aus Jülich, Chefin von Mamell

Es gibt Lebensläufe, da scheint die Zukunft schon vorgezeichnet: Die Eltern Alkoholiker. Häusliche Gewalt. Heimunterbringung. Mit 16 schwanger. Schule abgebrochen. Der Sachbearbeiter beim Arbeitsamt sagte damals zu Melanie Schneppershoff (heute 38), dass sie auf dem Arbeitsmarkt unvermittelbar sei. Doch das Heimkind hat es allen gezeigt – auch wenn es ein harter Weg war. Eine Erfolgsgeschichte, die Mut macht!
„Was soll ich sagen: Meine Kindheit war nicht die Schönste“, beginnt Melanie Schneppershoff ihre Geschichte im Gespräch mit dem Sonntag-EXPRESS. „Täglicher Alkoholkonsum war ein riesiges Thema, es war auch viel häusliche Gewalt im Spiel.“ Es war nicht so, dass es keinem auffiel – ihre verfilzten Haare, die schwarzen Zähne. Da kam schon mal die Lehrerin nach Hause, die Polizei, das Jugendamt. Aber gut, da standen Flaschen herum, viele Flaschen. Aber es war keine Messiewohnung. Deshalb ein Kind gleich in ein Heim stecken? Davor schreckten alle zurück.

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Melanie ist mit Mamell jetzt sehr erfolgreich.
„Rückblickend bin ich schon enttäuscht, dass das Jugendamt nicht schon früher reagiert hat, um mir vielleicht das ein oder andere zu ersparen“, sagt sie heute. „So eine kleine Kinderseele, die ist ja ganz schnell auch langfristig verletzt.“ Irgendwann, da muss sie so sieben oder acht gewesen sein, konnte Klein-Melanie nicht mehr, riss die Tür auf, rannte in den Hausflur und schrie. Die Nachbarn informierten das Jugendamt und die Polizei. Melanie kam das erste Mal ins Heim.
„Rückblickend war es das Beste, was mir hätte passieren können“, sagt sie. Ihre Mutter, zu der es von dem Tag an keinen Kontakt mehr gab, habe sie ja manchmal nicht einmal in die Schule gehen lassen, „weil man mir ja vielleicht auch körperlich angesehen hat, was geschehen ist“. Rein von den Umständen her sei zumindest im Kinderheim alles okay gewesen, erinnert sie sich.
Aber was kaum jemand auf dem Schirm hat: die soziale Ausgrenzung. „Ich musste damals die Schule wechseln. Und jedem war klar: Das ist das Heimkind. Mit der spielt man besser nicht. Auch die Eltern wollten nicht, dass mich ihre Kinder im Heim besuchen.“ Melanie fand nur einen Weg, um dem Mobbing zu entkommen: Weg, abhauen, Schule schwänzen, „weil ich einfach nicht die Kraft hatte, dem gegenzuhalten“.
Arbeitsamt: „Am besten kriegen Sie alle drei Jahre ein Kind“
Rückführungen scheiterten, das zog sich bis ins Teenageralter hinein. „Mein Wunsch nach Familie, der war immer sehr, sehr groß, dennoch war es nie geplant, jung Mutter zu werden.“ Aber da gab es nun mal niemanden, der sie richtig aufklärte. Sie ahnte, dass sie jetzt richtig abgestempelt werden würde. Denn Melanie musste das Gymnasium abbrechen, hatte nur einen Hauptschulabschluss. Musste Sozialhilfe beantragen und sich Sätze vom Sachbearbeiter anhören wie: „Sie sind unvermittelbar. Am besten kriegen Sie alle drei Jahre ein Kind, dann haben sie das Geld sicher“. Melanie: „Dass selbst das Arbeitsamt mich abstempelte, war schon ein Schlag ins Gesicht.“
Sie habe aber immer versucht, eine gute Mutter zu sein, obwohl das Schubladendenken – Heimkind, Teenie-Mutter – weiter ging. „Dabei war ich nicht dumm, immer fleißig und vernünftig, war nie kriminell, habe keine Drogen genommen.“ Was folgte: Ein Rattenschwanz an Putzstellen oder in der Pflegeassistenz. Sie habe Angst gehabt, dass auch ihre Tochter die Vorbehalte zu spüren bekomme.
Doch dann hat die junge Mutter endlich mal Glück im Leben – und findet die große Liebe. Marc, selbst Vater, der sie nie in eine Schublade steckt. Als er beruflich versetzt werden soll, ist beiden klar: Keine Fernbeziehung, lieber kündigen und Patchwork. Was aber tun? Die beiden eröffnen ein Kosmetikstudio. Und hier zeigt sich erstmals das Vermarktungstalent der jungen Frau: „Ich habe auf Social Media sehr offen über alles gesprochen, was mir widerfahren ist. Das hat die Kundinnen wohl angesprochen.“
Es läuft hervorragend, nach einem Jahr haben sie schon ein 300 Quadratmeter großes Studio und die ersten Angestellten. „Mein Mann war für die Buchhaltung zuständig, ich für Kunden und Werbung. Damals gab es noch kein Instagram, aber ich ahnte einfach, dass es gut ankommen würde, wenn ich auf Facebook über alles spreche – vom Streichen der Räume bis zu meinen Ängsten, einfach frei Schnauze in die Kamera.“
Gespött hielt Melanie nicht auf
Anfangs sei das Gespött („Wir leben bei Jülich sehr dörflich“) noch groß gewesen. „Da ist ja unser Superstar mit 20 Followern.“ Aber es werden immer mehr. Und die Arbeit ist offensichtlich auch gut, die Kunden kamen wieder. Bis zum Corona-Lockdown. „Wir durften nicht mal mehr Füße lackieren. Die Hilfen reichten vorne und hinten nicht.“
Sollte ihnen wirklich das ganze Leben unter den Füßen weggerissen werden? Nein! „Dann machen wir halt in Mode!“ Das Ehepaar kratzt seine letzten Ersparnisse zusammen. Verkauft im Studio und online. Mode für jede Frau. Leger in Einheitsgrößen, modisch, aber nicht tussig. Dazu Modeschauen im Netz. Nächtelang sitzt Melanie am Computer. Wie baut man einen Online-Shop auf?
„Anfangs waren es vielleicht Mitleidskäufe früherer Kosmetik-Stammkunden, aber dann kamen Anfragen aus ganz Deutschland. Das erste Paket ging nach München“, erinnert sie sich. Die richtige Idee zur richtigen Zeit. „Wir machten schon am ersten Tag online einen Umsatz von 4000 Euro“, schmunzelt sie.
Mamell gibt heute allen eine Chance
Auch heute noch gibt es jede Woche ein Live-Shooting mit ihr und ihren Mitarbeiterinnen, das sind mittlerweile 40 Menschen – darunter viele alleinerziehende Mütter. Sie müssen beim Bewerbungsgespräch übrigens kein Zeugnis oder einen Lebenslauf zeigen. „Ich sage immer: Mit meinem Lebenslauf hätte mich auch keiner angestellt. Jeder kann mal einen Schlenker in seinem Leben haben. Ich lerne die Menschen lieber beim Probearbeiten kennen.“
Mittlerweile ist die Powerfrau längst nicht mehr nur Händlerin, sondern lässt ihre eigene Marke „Mamell“ anfertigen. Das Einzige, was Melanie an ihrer Erfolgsgeschichte bedauert: „Dass ich in der Aufbauphase manchmal doch wenig Zeit für meine Tochter gehabt habe.“ Trotzdem sage Leonie (21) immer: „Mama, du bist mein Vorbild.“
