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„War sehr, sehr schlimm“ Mordfall von 1996: Bewegende Aussage von Tochter des Toten

wilfried kalitz aus würselen ohne hund

Undatierte Aufnahme: Das Foto zeigt das Mordopfer Wilfried Kalitz aus Würselen mit Krawatte und Hemd.

Aachen – Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Fund einer Männerleiche in einer Sandgrube im Kreis Kleve hat am Dienstag (20. April) vor dem Landgericht Aachen ein Mordprozess gegen einen von zwei Tatverdächtigen begonnen.

  • Fast 25 Jahre nach der Tat: Mordprozess in Aachen eröffnet
  • Angeklagter soll 1996 einen 43 Jahre alten Mann wegen 5000 D-Mark getötet haben
  • Entscheidender Hinweis auf den Täter kam nach ZDF-Sendung „Aktenzeichen .. xy ungelöst“

Zum Auftakt wurden am Dienstag die Anklage verlesen und Zeugen vernommen darunter auch der damals ermittelnde Kriminalhauptkommissar Gerhard Hoppmann.

Der Angeklagte Achim K. (51) ließ die Verlesung still über sich ergehen und verweigerte die Aussage. Seine Haare waren zum Zopf gebunden, er trug eine schwarze Kapuzenjacke und Jeans.

Eine Atemmaske verbarg das Gesicht des Mannes, der ein karges Einkommen mit der Reparatur von Kaffeeautomaten hat.

„Mordfall Sandkuhle“ wird in Aachen aufgerollt: Angeklagter schweigt

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den 51-Jährigen, im Jahr 1996 einen 43 Jahre alten Mann aus Würselen grausam und aus Habgier in dessen Werkstatt getötet zu haben.

Sein damaliger mutmaßlicher Komplize starb 1997 bei einem Unfall in der Türkei.

Cold_Case_Aachen

Der Angeklagte Achim K. (51, rechts) spricht im Aachener Gerichtssaal mit seinem Anwalt.

Der 51-Jährige soll früher gelegentlich in der Werkstatt für Wohnmobile gearbeitet haben, die das spätere Opfer im Erdgeschoss seines Wohnhauses betrieb.

Laut Anklage wollten K. und sein potenzieller Mittäter den Mann aus Würselen töten, um an einen Geldbetrag von 5000 D-Mark zu kommen, den dieser angeblich besessen haben soll.

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Insgesamt 16 Mal soll dem Opfer „massiv“ auf dem Kopf und Rücken geschlagen worden sein, ein Finger und ein Unterschenkel waren gebrochen.

Ihm seien körperliche Schmerzen zugefügt worden, die „weit über das hinausgehen“, was für eine Tötung notwendig gewesen wäre, hieß es in der Anklage.

Der Angeklagte und sein Mittäter sollen die Leiche ihres erdrosselten Opfers in eine etwa hundert Kilometer entfernte Sandgrube bei Rheurdt-Schaephuysen nahe Duisburg gebracht haben.

Tochter des Mordopfers sagt im Prozess aus: „War sehr, sehr schlimm“

Im Prozess in Aachen sagte am Dienstag auch die Tochter des Opfers aus, die sowohl Zeugin als auch Nebenklägerin ist. „Es war sehr, sehr schlimm dadurch, dass er nicht mehr da war“, sagte die 31-Jährige im schwarzen Hosenanzug gefasst.

Sie war sieben Jahre alt, als der damals 43 Jahre alte Wohnmobil-Händler aus Würselen bei Aachen von einem Tag auf den anderen verschwand.

Er hatte hohe Schulden. Der Vater zweier Kinder hatte den Unterhalt nicht bezahlt. Seine Familie wollte eine Vermisstenanzeige erstatten, aber das gelang nicht. Man vermutete, er habe sich ins Ausland verdrückt. Mit ihm verschwanden sein VW-Bus und Schäferhund „Rex“. 

„Mordfall Sandkuhle“ gab den Ermittlern lange Rätsel auf

Die Leiche wurde im Dezember 1996 entdeckt. Weder eine Öffentlichkeitsfahndung noch eine Thematisierung des Falls in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ führten damals zur Identifizierung des Toten.

Die Polizei sprach vom einzigen ungeklärten Mord der letzten Jahrzehnte im Kreis Kleve.

Die Ermittlungen der Krefelder Polizei leitete der damalige Kriminalhauptkommissar Gerhard Hoppmann, der als einer der wichtigsten Zeugen im Verfahren aussagte.

Ermittelnder Hauptkommissar: „Haben jeden Stein umgedreht“

Er selbst war damals mit am Fundort der Leiche. „Wir haben jeden Stein umgedreht“, sagte Hoppmann über die Anfänge der Ermittlungen. Die Polizei sei jeder Spur nachgegangen, habe aber nirgendwo Anhaltspunkte finden können.

Schließlich seien die Ermittlungen eingestellt worden. Der Fall sei allerdings „nie in Vergessenheit geraten“. 

Gerhard_Hoppmann

Gerhard Hoppmann von der Polizei Krefeld, Leiter der „Mordkommission Sandkuhle“.

Bewegung in die Ermittlungen kam erst, als der Kriminalfall 2019 erneut bei „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ behandelt wurde. Den entscheidenden Hinweis brachte nach der Ausstrahlung ein Anrufer, der selbst angab, mit einem der Täter verwandt zu sein.

Anrufer meldet sich bei „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ und identifiziert Leiche

„Ich kann Ihnen sagen, wie der Mann heißt und wo der herkommt“, sagte der Anrufer in dem aufgezeichneten Telefonat, das der Vorsitzende Richter Roland Klösgen abspielte. „Das belastet mich schon seit 23 Jahren.“

Er wisse „tausendmillionenprozentig“, um wen es sich bei dem Toten aus der Kiesgrube handle.

Auf die Frage, was mit dem Mann aus Würselen passiert sei, antworte der Anrufer ohne zu zögern: „Der wurde ermordet.“ Mehr wolle er dazu allerdings nicht sagen.

Wie sich später herausstellte, war der Anrufer der Bruder des 1997 gestorbenen mutmaßlichen Mittäters.

Anrufer bei „Aktenzeichen xy .. ungelöst“ traute sich jahrelang nicht, zur Polizei zu gehen

Die Vernehmung des Anrufers brachte die Polizei auf die richtige Spur, wie Hauptkommissar Hoppmann angab. Diese Aussage ist wichtig für den Prozess. Das geht aus den Ausführungen des früheren Leiters der Krefelder Mordkommission, Gerhard Hoppmann, vor Gericht hervor.

Danach soll es schon früh Mitwisser der Gewalttat und deren Einzelheiten gegeben haben. Warum haben sie sich nicht gemeldet? „Die haben sich nicht getraut“, sagte Hoppmann. 

Täter war bei seiner Festnahme „nicht überrascht“

Bei der späteren Festnahme von Achim K. sei Hoppmann selbst dabei gewesen. Der Tatverdächtige habe auf seine Verhaftung „völlig neutral“ und „nicht groß erstaunt“ reagiert, erinnerte sich Hoppmann. Die Nummer seines Rechtsanwalts habe K. schon parat gehabt.

„Ich hatte den Eindruck, der wusste schon Bescheid“, sagte der Hauptkommissar.

Bekannter des Angeklagten: „Sind aus allen Wolken gefallen“

Bei der Durchsuchung der Wohnung von Achim K. in einem Nachbarort von Aachen waren im Nachttischschrank zwei Pistolen sowie Munition entdeckt worden. Auch Marihuana wurde gefunden.

Viele Zeugen hörte das Gericht am Dienstag, um Licht in die vor fast einem Vierteljahrhundert begangene Tat zu bringen.

Die Lebensgefährtin des Angeklagten hat nach eigenen Worten keine dunklen Andeutungen über dessen Vergangenheit gehört: „Er hat Autos repariert“, berichtet sie. Ein Bekannter sagt angesichts des Mordvorwurfs: „Wir sind aus allen Wolken gefallen“. 

Der Mordprozess ist zunächst bis Anfang Mai angesetzt. Rund 30 Zeugen sind für die Verhandlung geladen. (smo/mit afp und dpa)