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Der „schreckliche" Sensenmann Bewegend! Hier spricht der Pate des Kölner Todessymbols

Steinnus am Sensenmann

Johann Steinnus am Sensenmann. 

Köln – Beide sind Kölner Originale - und beide gehören zu Melaten. Der eine ist das Wahrzeichen: Ein steinernes Gerippe im Gewand, mit Sanduhr und Werkzeug - der Sensenmann.

Und dann ist da Johann Steinnus (64). Kölner Steinmetz und Bildhauer - einer der großen Namen hinter den Friedhofskulissen. Der Sohn einer Steinmetzdynastie hat sein Atelier gegenüber des Friedhofs an der Aachener Straße.

Steinnus steht vor seinem 50sten Dienstjubiläum. Er ist Pate des Sensenmanngrabes, das wie kein zweites Vergehen und Tod symbolisiert. Mit ihm verbindet Steinnus ein tragisches Geschehen - und eine einzigartige Verbindung. EXPRESS sprach mit ihm. Hier das Interview zum heutigen Totensonntag.

Wann war Ihre erste Begegnung mit dem Sensenmann?

Meine erste Erinnerung ist die: Ich stehe, Händchen am Großvater, davor. Ich weiß nur, dass er mich angeschissen hat: Hier benimmt man sich vernünftig!

Eigentlich doch zum fürchten, oder?

Der Sensenmann - das war immer mein guter Freund. Wir waren damals Gott sei Dank am Nachmittag da. Zwischen eins und drei, da kriegt er eine Beleuchtung von der Sonne, so dass es aussieht, als ob er grinsen würde. Die meisten haben ihn ja immer als Kinderschreck gesehen, aber für mich lächelte er schief. Deshalb habe ich später auch die Patenschaft übernommen.

Ihr Sohn verunglückte als Kind tödlich, ist dort begraben. Ist es in der Trauer ein Trost, dass er dort liegt?

Er wollte da hin! Wir haben uns in der Familie immer darüber unterhalten, wie wir beerdigt werden wollen. Die anderen zwei Söhne haben gesagt, sie wollen in die Familiengruft. Die haben auch mittlerweile die Gruft übernommen. Ich habe immer gesagt, ich komm' zum Sensenmann, ich war der Separatist. Und der Kleine hat immer gemeint: Nee, ich komm auch zu unserem Sensenmann! Was später, als der Unfall passierte, auch ein gewisser Trost war. Dass ich das wusste und dass dann auch so machen konnte. Deshalb: Über so was muss man immer reden, wenn es einem gut geht, wenn man lacht. Das hilft einem später beim Weinen.

Wie erinnern Sie sich an die Beisetzung?

Wer da war, weiß ich nicht. Keinen blassen Schimmer. Ich habe das Grab selbst zugeschaufelt. Die Totengräber waren an der Seite. Die haben mich gelassen - das ist der Vorteil, wenn man da zu Hause ist. Und dann kam ein Regenschauer. Ich hatte das Wasser in den Schuhen stehen. Dazu muss man wissen: Wenn wir früher so im Garten gespielt haben, und die Großen haben mich immer beschäftigt, dann hat der Kleine mir immer einen Eimer Wasser übern Kopf geschüttet - diese seine Lache hatte ich auf einmal im Ohr! Und dachte: Hey, der Lümmel hat mir wieder einen Eimer rübergekippt. Und dann passiert folgendes: Ich musste lachen. Man kann sich vorstellen, wie die Totengräber angesprungen kamen: "Ey, der Vater ist am durchdrehen".

Steinnus im Atelier

Steinmetz Johann Steinnus in seinem Atelier. 

Steinnus - das ist wie ein Markenzeichen: Sie sagen selbst, die Familie sei ziemlich aufmüpfig.

Wir sind seit 300 Jahren Steinmetze, seit 1835 in Köln. Erst kürzlich habe ich in einem Archiv in Bad Münstereifel die Geschichte entdeckt, dass mein Urururur-Opa inhaftiert wurde, weil er den Bürgermeister aus dem Fenster werfen wollte. 1763 hatte es ein schweres Erdbeben in der Eifel gegeben. Und er hatte den Auftrag, das beschädigte Orchheimer Tor wieder zu errichten. Es gab aber Ärger um die Abrechnung: Er hat wohl nicht so viel gemacht, wie er sollte und die Stadt nicht so viel Frondienste geleistet, wie vereinbart.

Sie hatten, das hört man aus Ihren Erzählungen heraus, selbst reichlich Stress mit Ihrem Vater...

Ja, sicher. Wir haben gar nicht miteinander gesprochen. Also ich weiß, was Krieg ist. Wir haben drei Gräber nebeneinander gearbeitet und nicht mal Tach gesagt. Ein Generationenkonflikt, würde ich sagen. Hat aber auch was mit Steinnus zu tun.

Wie ist es um die Branche bestellt?

Die ganze Begräbniskultur geht mit den Entsorgern hier den Bach runter. Durch die hohe Mobilität, durch die Veränderung der Gesellschaft, haben viele keinen Bezug mehr. Nur noch: So billig wie möglich weg. Es gibt natürlich auch Menschen, die einfach das Geld nicht haben. Aber: Ich erkenne bei den jungen Leuten wieder eine Gegenbewegung. Alle maulen über Ausländer, aber ich muss sagen: Viele aus anderen Kulturkreisen legen sehr viel Wert auf ihre Toten. Und das "belebt" auch unsere Friedhöfe hier.

In der Türkei hätte ein Steinmetz wie Sie kaum richtig zu tun. Immer weißer Marmor, die Gräber sind uniform, auch ästhetisch, aber ohne Schnickschnack...

Aber auch die Arbeit muss gemacht werden. Es ist natürlich eine andere Art. Wie die Grabsteine in Holland oder Belgien. Da stehen einfach nur dünne Platten hochkant. Protestantisch nüchtern.

Glauben Sie an Gott?

Der Mann mit dem Rauschebart, an den glaube ich nicht. Aber ich bin unheimlich neugierig auf das dahinter. Wohin unsere Reise wirklich geht. Ich war ja schon zweimal fast drüben. Mit 18 hatte ich eine Vergiftung, und mit 60 einen Herzinfarkt. Ich war weg - und segelte in einer unglaublichen Zufriedenheit wie ein Drachenflieger über die Landschaften. Vielleicht kommt das aber auch durch irgendwelche Endorphine, die es leichter machen.

(exfo)

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