Köln – Taime (gesprochen Teymi) Kuttig ist 28 Jahre alt, leidenschaftlicher Fußballer, Sportstudent und blind. Aber wie kann man als Blinder Fußball spielen und den Alltag meistern?
Taime aus Köln: Vom Plusmann zum Nationalspieler
Taime läuft über das Spielfeld, den rasselnden Ball immer dicht am Fuß. Aus allen Ecken schallen ihm "Voy"-Rufe entgegen, Trainer brüllen Anweisungen. „10, 8, 7, Feuer!“, ruft ein Trainer. Jetzt weiß Taime was zu tun ist: Ein gezielter Schuss und der Ball ist im Tor.
Solche Szenen erlebt der blinde Taime regelmäßig, denn er spielt in der deutschen Blindenfußballbundesliga.
Wenn Taime gerade nicht Blindenfußball spielt, studiert er Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Oder er spielt Gitarre, macht Festivals unsicher oder trifft sich mit Freunden.
Der Blindenfußball stammt ursprünglich aus Brasilien, seit 2006 wird dieser Sport auch in Deutschland betrieben.
11 Fakten über den Blindenfußball
as Spielfeld ist 20x40 Meter groß.
An den Längsseiten ist es durch Banden begrenzt. Sie sorgen für besseren Spielfluss und Orientierung.
Meist wird auf Kunstrasen gespielt. Der Grund: Die Akustik ist hier am besten und die Spieler können den Ball so gut orten.
Jedes Team besteht aus 4 blinden Feldspielern, einem sehenden Torwart und einem sehenden Guide.
Damit Spieler mit geringem Sehrest nicht im Vorteil sind, tragen alle Feldspieler eine Augenbinde.
Die Guides, Trainer und Torwarte helfen ihren Mannschaften, indem sie ihnen Kommandos und Hilfestellungen zurufen.
Wenn sich ein Spieler einem ballführenden Spieler nähert, muss er "Voy" (Ich komme" rufen, um auf sich aufmerksam zu machen.
Damit der Ball zu hören ist, gibt er rasselnde Geräusche von sich.
Ein Blindenfußballspiel dauert mindestens 2x20 Minuten, kann aber auch bis zu 90 Minuten dauern.
In Deutschland gibt es 15 Blindenfußballteams.
Blindenfußball ist eine paralympische Sportart.
Taime jedoch hat bereits Fußball gespielt, bevor es den Blindenfußball gab. „Ich habe mit meinen Brüdern auf der Straße trainiert. In der Grundschule war ich einer der schlechtesten Spieler. Wir haben dann sogar eine Fußballmannschaft gegründet, in der war ich dann immer der Plusmann“, erinnert sich der 28-Jährige und lacht.
Taime aus Köln sieht Sport als Kompensation
2004 wechselte er auf die Deutsche Blindenstudienanstalt (BLISTA) in Marburg, ein Gymnasium speziell für Blinde und Sehbehinderte. In der BLISTA stürzte er sich in den Sport und übte gleich mehrere Sportarten gleichzeitig aus.
„Der Sport war damals eine Art Kompensation für mich. Bis ich zwölf war, konnte ich noch etwas sehen, mit 13 war ich dann fast ganz blind“, blickt Taime auf seine Schulzeit zurück. Heute kann der Sportler nur noch Schatten erkennen.
Zwei Jahre später entdeckte er den Blindenfußball für sich. Schnell wurde klar: Taime hatte seinen Sport gefunden. Daher war es kein Wunder, dass er 2012 offiziell angefragt wurde, ob er Mitglied in der deutschen Blindenfußballnationalmannschaft werden wolle.
„Damals habe ich mit gemischten Gefühlen reagiert, denn wir kamen mit dem Nationaltrainer nicht so gut klar. Aber der hat inzwischen gewechselt“, sagt der Nationalspieler. Mittlerweile gilt Taime im deutschen Blindenfußball als einer der besten Spieler.
Das gab's noch nie Blindenfußballer erzielt „Tor des Monats“
Nicht nur der Blindenfußball hat es dem Studenten angetan. Noch während seiner Schulzeit übte er zwei Blindensportarten – Torball und Goalball – aus und schaffte es auch dort in die Nationalteams.
„Mit Torball und Goalball musste ich dann leider aufhören, weil das sonst zu viel geworden wäre und ich keine Zeit mehr für den Blindenfußball gehabt hätte“, erklärt Taime.
Heute macht er Kraftsport, Ausdauerlauf und geht schwimmen, um sich für den Blindenfußball fit zu halten. Sogar einen Kanuschein hat der leidenschaftliche Sportler in der Tasche. Neuerdings hat Taime aber noch einen ganz anderen Sport für sich entdeckt: Hochsprung.
Mit Klebeband und Klatschen: So geht Hochsprung für Blinde
Die Blindenfußball-EM 2019 in Rom lief leider nicht so gut für Taime und sein Team. „Am Abschlussabend meinte mein Mannschaftsarzt dann im Scherz zu mir, ich sollte doch mal Hochsprung ausprobieren. Ich hätte die Anlagen dafür“, erinnert sich der Blindenfußballer.
Gesagt, getan. Nach der EM sprach Taime Mustapha an, einen Leichtathletiktrainer, den er bei einem Kanukurs an der Deutschen Sporthochschule kennengelernt hatte. Beide waren Feuer und Flamme und so begannen sie damit, ein Konzept für den Hochsprung für Blinde zu erarbeiten.
Denn der Hochsprung kann durchaus riskant sein, wie Taime im Video erklärt.
Zunächst aber musste Taime den Rhythmus üben, in dem er anlaufen und abspringen sollte. „Da sind wir dann durch die Halle galoppiert“, schildert Taime und lacht.
Vertrauen zum Trainer extrem wichtig für Blinde
Als nächstes ging es darum, das Vertrauen in sich und seinen Trainer aufzubauen, nach dem Absprung auch wirklich auf der Matte zu landen.
Um immer den gleichen Ausgangspunkt für den Anlauf zu haben, befestigt Taime ein Stück zusammengeknülltes Klebeband auf dem Hallenboden. „Das kann ich dann mit den Füßen fühlen“, erklärt er.
Außerdem berühre er vor jedem Absprung einmal die Latte, um ein Gefühl dafür zu haben, wie hoch sie ist und an welcher Stelle er darüber springen muss. Damit er die ungefähre Richtung des Absprungs noch besser erahnen kann, hilft ihm Mustapha, indem er hinter der Latte steht und in die Hände klatscht.
„Dadurch, dass ich ein Gummiseil statt einer Holzlatte für den Hochsprung benutze, bekomme ich auch immer ein gutes Feedback, an welchen Stellen ich noch höher kommen muss“, meint Taime. Außerdem springt er – anders als sehende Hochspringer – vorwärts über die Latte.
Das Hochsprungtraining musste er jedoch nach nur wenigen Einheiten wegen der Corona-Pandemie unterbrechen.
Trotz Corona: „Wir sind heiß auf die Meisterschaft“
Und auch sonst hat sich durch Corona einiges verändert. Obwohl er die Trainingsmöglichkeiten an der Sporthochschule nicht nutzen konnte, hatte Taime mindestens zweimal pro Woche digitales Training mit seiner Blindenfußballmannschaft.
„Da haben wir viel Fitnesstraining gemacht, sind aber auch mit dem Ball durchs Zimmer geturnt“, erzählt er. „Wir sind topfit und heiß auf die Meisterschaft“, sagt Taime motiviert.
Es sieht nicht schlecht aus für seinen Verein: die Sportfreunde Blau Gelb Marburg besetzen aktuell den zweiten Tabellenplatz. Wenn sie gewinnen, wäre es schon ihr sechster Meistertitel. Doch wegen Corona ist zunächst mal alles offen.
Blinder Kölner Taime wünscht sich mehr Akzeptanz
Für die Zukunft des Blindenfußballs wünscht sich Taime mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Außerdem würde er sich über mehr Spieler und Vereine freuen.
Taime kennt auch den Grund dafür: „Viele Blinde werden aktiv vom Blindenfußball ferngehalten. Auch mir hat man mal gesagt, ich solle aufhören, weil das zu gefährlich ist. Wenn Sport daraus bestünde, ein Kätzchen zu streicheln, würden das die meisten Blinden machen.“
Aber auch in der Öffentlichkeit wird blinden Menschen wie Taime oft zu wenig zugetraut. So wurde er einmal gefragt, ob er denn Treppen steigen könne. „Ich dachte damals: Wenn der wüsste, was ich alles kann“, sagt Taime lachend.

