Star-Psychiater Irre? Kölner Arzt über Heidi, Pocher, Wendler, Trump und Karneval

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Dr. Manfred Lütz, fotografiert 2019.

Köln – Er bringt Licht ins Dunkel des allgemeinen Wahnsinns: Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, römisch-katholischer Theologe, Berater des Vatikan und Buchautor. Der 66-Jährige leitete viele Jahre das Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie der Alexianer in Köln-Porz.

Sein 2009 erschienenes Buch „Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ stand 106 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Am Montag erscheint nun sein neues Werk: „Neue Irre! – Wir behandeln die Falschen“. Warum denn immer noch?

„Wenn man als Psychiater und Psychotherapeut abends Nachrichten sieht, ist man regelmäßig irritiert. Da geht es um aggressive Nationalisten, um Terroristen, Wirtschaftskriminelle, eiskalte Buchhaltertypen und schamlose Politiker auf Ego-Trip – und niemand behandelt die. Ja, solche Figuren gelten sogar als völlig normal“, schreibt Lütz auf den ersten Seiten.

„Kommen mir dann die Menschen in den Sinn, mit denen ich mich den Tag über in der Psychiatrie beschäftigt habe, rührende Demenzkranke, dünnhäutige Süchtige, hochsensible Schizophrene, erschütternd Depressive und mitreißende Maniker, dann beschleicht mich mitunter ein schlimmer Verdacht: Wir behandeln die Falschen! Unser Problem sind nicht die Verrückten, unser Problem sind die Normalen!“

Manfred Lütz über „Neue Irre! Wir behandeln die Falschen"

Neben einem kurzweiligen Überblick über alle gängigen Diagnosen und Therapien, gespickt mit heiteren Anekdoten aus dem Klinikalltag, führt Lütz die Leserinnen und Leser mit amüsanten und scharfsinnigen Analysen in die Gedankenwelten des „ganz normalen Wahnsinns" wie Donald Trump - und des „ganz normalen Blödsinns" wie Heidi Klum.

„Eine inzwischen ältere Dame aus Bergisch-Gladbach, duzt gewöhnlich ihre Brüste, nennt sie Hans und Franz und macht ein Weltereignis daraus, wenn sie die beiden immer mal wieder skandalöserweise das Licht der Öffentlichkeit erblicken lässt. Und dann sind da noch der Versicherungskaufmann Oliver Pocher und der Speditionskaufmann Michael Wendler, die von der zwangartigen Idee verfolgt werden, sie müssten die Welt mit unterirdischem Schwachsinn unterhalten.“

Manfred Lütz würde Donald Trump von der Couch jagen

EXPRESS bat den Star-Psychiater zum Gespräch.
Stellen Sie sich vor, Trump liegt bei Ihnen auf der Couch. Welche Frage würden Sie ihm stellen?
Lütz: Ich würde ihn auffordern, sofort meine Couch zu verlassen, denn ich halte ihn für keinen Patienten, im Gegenteil. Es ist aus meiner Sicht gefährlicher Unsinn, Donald Trump als krankhaften Narzissten zu bezeichnen. Narzissten sind Leute, die leiden darunter, dass sie dauernd Beifall brauchen, und wenn die Freunde sich abwenden, weil sie das einfach nicht mehr aushalten, dann gehen die in Therapie. Donald Trump leidet nicht, er hat massig Freunde, Donald Trump ist ein unmoralischer Mensch und das ist viel gefährlicher. Er hat von seinem Vater gelernt: Das Wichtigste im Leben ist Geld, Erfolg und Der-Größte-Sein – und dafür darf man sich jede moralische Schweinerei erlauben.

Die Stadt bangt wegen Corona um den Karneval - warum ist er so wichtig für die Kölner?
Weil wir Rheinländer an Karneval normal sind, da sind wir normal angezogen, reden normal, benehmen uns normal. Im Rest des Jahres verkleiden wir uns mit Krawatten, langweiligen Anzügen und reden geschwollen daher, um Menschen aus anderen Gegenden nicht zu irritieren. So etwas hält man aber als Rheinländer eben nicht über ein Jahr lang durch.

Was wird in den Köpfen der Jecken passieren, sollte Karneval wegen Corona ausfallen?
Nicht auszudenken natürlich. Ich finde, dass Jens Spahn in der Corona-Krise einen sehr guten Job macht, aber jeder Mensch hat ja seine Schwächen. Jens Spahn ist Westfale und hat jetzt darüber orakelt, dass Karneval ausfallen könnte. Wie kann man nur! Selbstverständlich werden wir Rheinländer bis Karneval einen Impfstoff finden, wir sind schon – durch den Karneval – mit den Preußen fertiggeworden. Da werden wir doch wohl auch mit einem lächerlichen Virus fertigwerden.

Welche Ängste löst Corona aus – und wie sollte man ihnen begegnen?
Der Skandal ist doch, dass alle Menschen sterben müssen. Das verdrängen wir meistens, doch jetzt geht das gerade nicht so gut. Wir Rheinländer kennen das aber schon von Aschermittwoch. „Erkenne Mensch, dass du Staub bist und zum Staube zurückkehrst.“ Leute aus anderen Gegenden sind ganz überrascht.

Haben noch zu viele Menschen Hemmschwellen, um zu sagen: Ich brauche eine Therapie?
Ja, weil man sich nicht auskennt. Genau das ist der Grund, warum ich mein neues Buch „Neue Irre“ geschrieben habe: Alle Psycho-Diagnosen, alle Psycho-Therapien allgemeinverständlich und unterhaltsam auf unter 200 Seiten. Die führenden deutschen Forscher haben das korrekturgelesen, aber auch mein Metzger, damit es verständlich bleibt.

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