Abo

Kölner Olympia-VotumAuszählung endet im Chaos – „Leute haben sich angeschrien“

19.04.2026
Köln, NRW
Ratsbürgerentscheid Olympia KölnRheinRuhr
Oberbürgermeister Torsten Burmester und Abstimmungsleiterin, Stadtdirektorin Andrea Blome, besuchen das Auszählzentrum.

Copyright: Thomas Banneyer

Oberbürgermeister Torsten Burmester und Abstimmungsleiterin, Stadtdirektorin Andrea Blome, besuchen am Sonntag (19. April 2026) das Auszählzentrum zum Ratsbürgerentscheid Olympia KölnRheinRuhr.

Aktualisiert:

Köln blamiert sich komplett bei der Olympia-Auszählung. Das Ergebnis kam Stunden zu spät, jetzt packen Helfer aus und erheben schwere Vorwürfe.

Oben im Köln-Triangle herrscht am Sonntagabend Partystimmung. Olympiasieger, Politiker und Funktionäre feiern schon mal. Mehr als 300 Gäste sind da, es gibt Drinks und Häppchen, ein Saxofon spielt. Alle warten gespannt auf die Resultate des Bürgerentscheids aus 17 Städten in NRW. Und die ersten Zahlen machen Hoffnung: Kurz vor 20 Uhr meldet Duisburg ein starkes Ergebnis mit 73 Prozent Zustimmung für Olympia. Großer Jubel, Händeschütteln.

Ein Stadtoberhaupt nach dem anderen tritt auf die Bühne, um Erfolge zu verkünden. Nur einer steht peinlich berührt daneben: Kölns OB Torsten Burmester (SPD). Aus seiner Stadt gibt es keine Zahlen. Die Zeit vergeht, quälend langsam.

Heftige Vorwürfe von Kölner Wahlhelfern

Während oben gefeiert wird, spielt sich 28 Stockwerke tiefer in Deutz ein echtes Drama ab. Dort kämpfen 1000 Wahlhelferinnen und Helfer mit den Kölner Stimmen. Student Severin Rüger (32), der als Schriftführer im Einsatz war, bringt das Problem auf den Punkt: „Es waren zu viele Stimmen, die ein Team auszählen musste“. Der erfahrene Helfer sagt, so eine Verzögerung habe er noch nie erlebt.

Auch Edin F. hat Sonntagabend mitgezählt. Der 32-Jährige heißt eigentlich anders, will seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen. Auch er ist erfahrener Wahlhelfer und formuliert drastischer: „Die Auszählung in Köln gestern war eine absolute Shitshow.“

Er schildert eine katastrophale Atmosphäre: „Gestern habe ich zum ersten Mal erlebt, wie ausnahmslos alle überlastet und demotiviert wirkten.“ Das blieb nicht ohne Konsequenzen. Edin F. will gesehen haben, wie an anderen Tischen die Genauigkeit mit jeder Stunde mehr nachließ.

Obwohl er nicht glaubt, dass sich das Kölner „Ja“ dadurch ändern würde, warnt er: „Ich sehe Potenzial, dass das Ergebnis anfechtbar ist.“ Wenn dieser Abend keine Konsequenzen habe, wolle er sich nicht noch einmal als Wahlhelfer melden.

Hohe Wahlbeteiligung forderte Stadt heraus

Auf eine Anfrage der Redaktion reagierte Abstimmungsleiterin Andrea Blome am Montag nur mit einer schriftlichen Erklärung. Darin heißt es: „Die hohe Beteiligung hat unsere Kapazitäten bis an die Grenze gefordert. Doch am Ende gilt: Die Fehlerfreiheit des Ergebnisses und die Sorgfalt bei der Auszählung haben oberste Priorität.“ Sie sprach den Wahlhelfern ihren Dank aus und versprach: „Selbstverständlich wird eine umfassende Evaluation der Abläufe erfolgen, um auf Basis dieser Erkenntnisse notwendige Anpassungen für zukünftige Ratsbürgerentscheide zu implementieren.“

Zwei Sprecher der Stadtverwaltung lieferten weitere Details. Einer gab zu: „Die Ergebnisfeststellung des Ratsbürgerentscheids nahm einen überdurchschnittlich langen Zeitraum in Anspruch, der auch über den internen Schätzungen im Vorfeld lag.“ Auf die Nachfrage, ob unvorhergesehene Pannen zur massiven Verspätung beigetragen hätten, antwortete der andere Sprecher kurz und knapp: „Nein.“

Die Stadt Köln hatte eigentlich ein erstes aussagekräftiges Resultat für 21.30 Uhr versprochen. Die Realität sah anders aus: Um 21.20 Uhr war auf der Webseite der Stadt erst ein einziger von 132 Stimmbezirken erfasst. Am Ende sollte die komplette Auszählung in Köln bis 3 Uhr nachts dauern.

Wahlhelfer sagen, Debakel sei absehbar gewesen

Für die beiden Wahlhelfer war das Chaos keine Überraschung. Sie sind sich einig: Die Stadt hätte entweder mehr Personal einplanen oder den Start der Zählung vorverlegen müssen.

Beide schildern übereinstimmend die Wurzel des Übels: Bei einer normalen Wahl in Köln ist ein Team für einen Bezirk mit rund 600 Stimmen zuständig. Dieses Mal wurden die Bezirke jedoch vergrößert. Das Resultat: Edin F. hatte plötzlich 2500 Stimmzettel auf seinem Tisch, bei Severin Rüger waren es sogar 2900 Briefe. Und das alles für ein siebenköpfiges Auszähl-Team.

Der Zählvorgang ist kompliziert und erfolgt in mehreren Schritten. Zuerst werden die roten Umschläge doppelt gezählt. Danach werden sie geöffnet und die darin enthaltenen Wahlscheine erfasst. Anschließend sind die blauen Umschläge mit den Stimmzetteln dran, die ebenfalls gezählt werden. Erst nach dem Öffnen dieser blauen Umschläge kann die eigentliche Auswertung der Ja- und Nein-Stimmen beginnen.

Ein Sprecher der Stadt erklärte am Montag, dass die Zählung der roten Umschläge am Sonntag um 14.45 Uhr begann. Die blauen Umschläge durften ohnehin erst ab 18 Uhr geöffnet werden. Doch laut der Wahlhelfer dauerte allein das Sortieren der roten Briefe eine Ewigkeit. Rügers Team konnte deshalb erst um 23 Uhr mit der eigentlichen Auszählung der Ja- und Nein-Stimmen in den blauen Umschlägen beginnen.

Wart ihr auch Wahlhelfer/-helferin beim Olympia-Votum? Dann meldet euch bei uns!

Hau raus!

Werde Leserreporter/in

Edin F. macht die Rechnung auf: Bei normalen Abstimmungen mit 600 Stimmzetteln und genug Platz ist die Zählung in zwei Stunden erledigt. Wenn aber 2500 oder gar 3000 Zettel auf seinem Tisch in einem engen Raum liegen, wird es chaotisch. Das Zählen dauert ewig und die Fehlerquote steigt. Sein Team, so berichtet er, musste fast jeden Zähldurchgang wiederholen, weil die Zahlen einfach nicht stimmten. Die Stimmung wurde immer gereizter. „Irgendwann haben Leute sich angeschrien.“

Der Helfer beobachtete sogar ein absolutes „No-Go“ an benachbarten Tischen: Aus purer Erschöpfung hätten einige Teams am Ende nicht mehr die Ja- und Nein-Stimmen getrennt gezählt, bis alles passte. Stattdessen zählten sie nur noch eine Antwortkategorie und ermittelten den Rest durch einfaches Subtrahieren.

Auszählung dauert lange wegen zu vieler Briefe pro Team

Die Stadt begründete das späte Ergebnis am Montag mit „einer Kombination aus mehreren Faktoren“. Man habe keine ausreichend großen Räume für die Auszählung gefunden. Normalerweise nutzt die Stadt dafür die Messe, doch dort fand aktuell die Fibo statt, während in der Lanxess-Arena das DHB-Pokalfinale ausgetragen wurde.

Man wich daher auf eine Berufsschule in Deutz aus, so der Sprecher weiter. Da der Platz dort begrenzt war, wurde die Anzahl der Wahlvorstände auf 132 verringert. Das Ergebnis war das hohe Aufkommen an Stimmzetteln für jedes Team. Er sagte auch: „Die Verwaltung war dem Ziel verpflichtet, die Kosten für die Durchführung der Abstimmung so gering wie möglich zu halten.“

Ursprünglich waren für den Bürgerentscheid 2,5 Millionen Euro veranschlagt. Durch die Nutzung der Schule konnten die Ausgaben auf 1,8 Millionen Euro gesenkt werden, wie die Stadt bereits vor zwei Wochen bekannt gab. 85 Prozent der Kosten übernimmt das Land.

Laut dem Sprecher habe die Stadt am Sonntagabend zwar „mögliche Maßnahmen zur Unterstützung der Abstimmungshelfenden“ ergriffen. Für „wesentliche Nachsteuerungsmöglichkeiten“ sei es da aber schon zu spät gewesen.

Kölner Schnecken-Tempo löst Häme unter anderen Bürgermeistern aus

Zurück im Triangle: Während bei den Wahlhelfern die Nerven blank lagen, löste sich auch hier die gute Stimmung in Luft auf. Auf den Tischen lagen noch Aufkleber mit dem Motto: „Gemeinsam für den größten Moment“. Doch der große Moment ließ auf sich warten. Die geplante Illumination der Hohenzollernbrücke in den Olympia-Farben, für die extra Leuchten installiert worden waren, fiel ins Wasser. Die Aktion war aus Vorsicht nicht öffentlich angekündigt worden. Die ganze Inszenierung des Abends scheiterte, denn das Endergebnis kam erst, als die meisten Gäste längst gegangen waren.

„Es tut mir leid, aber ich kann nicht bis morgen früh bleiben“, verabschiedete sich ein Oberbürgermeister. Hinter vorgehaltener Hand schob er noch nach: „Hier wurden mal wieder alle Vorurteile darüber bestätigt, dass die Kölner Verwaltung dysfunktional ist. Leading City geht anders.“

Die verbliebenen Gäste verfolgten das Debakel auf ihren Handys. Das Kölner Schnecken-Tempo sorgte für Kopfschütteln und Spott. „Torsten, sollen wir Euch beim Auszählen mithelfen“, frotzelten angereiste Sozialdemokraten aus dem Ruhrgebiet in Richtung Burmester. Dem OB blieb nur, die Sticheleien wegzulächeln. Blome sagt dort: „Wenn man in Köln arbeitet, weiß man, dass viele darauf warten, ein bisschen stänkern zu können.“ 

Auch die digitale Übertragung war ein Reinfall. Ein von der Staatskanzlei eingerichteter Livestream sollte die Veranstaltung übertragen, doch er zeigte stundenlang nichts. Im Internet machten viele ihrem Ärger über die mangelnde Information Luft. Eine zentrale Webseite mit allen Ergebnissen der NRW-Olympia-Initiative fehlte ebenfalls. Interessierte mussten sich mühsam durch die einzelnen städtischen Internetseiten klicken. Wie zu erfahren war, war die Staatskanzlei selbst nicht ganz glücklich mit der Performance. (red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

Ali P. steht vor einem Lamborghini.

Prozess gegen Kölner Ex-Bandidos-Boss

Zweimal mussten sie ihn aus Spanien holen