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Zurück in KölnLegendärer Liedermacher über Abhörwanzen im Boden

Wolf Biermann in der Kölner Philharmonie.

Copyright: Jonas Albrecht

Wolf Biermann in der Kölner Philharmonie. In einer Woche startet in den Kinos der Dokumentarfilm „Biermann“, in dem Wegbegleiter (u.a. Wolfgang Niedecken) zu Wort kommen. Vor wenigen Tagen erschienen anlässlich seines 90. Geburtstages und des 50. Jahrestages seiner DDR-Ausbürgerung drei Bücher parallel, u.a. „Ihr löscht das Feuer mit Benzin“, der erste Band seiner Tagebücher.

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Ein besonderer Gast stand auf der Bühne der Kölner Philharmonie. Der Mann mit Walross-Schnäuzer, Liedermacher Wolf Biermann. In drei Wochen wird er 90 Jahre alt.

Es sollte danach lange dauern, ehe man in der ausverkauften Philharmonie Biermann mit einigen seiner Lieder zu hören bekam. Moderiert wurde der Abend von seiner zweiten Ehefrau Pamela, die erst einmal mit Tonstörungen zu kämpfen hatte: Plötzlich funktionierten die Mikros nicht mehr.

Was machte Biermann? Er stand auf und sprach ganz ohne Tonverstärkung in den Saal: „Jetzt kann ich mir vorstellen, wie die Stasi gelitten hat, wenn mal ein Abhörmikrofon nicht funktioniert hat.“ Riesengelächter und Riesenapplaus.

Liedermacher Wolf Biermann über Stasi und Abhörwanzen

Das ermunterte Biermann zu einer weiteren Stasi-Story. Er habe in den 1970er Jahren in seiner Ost-Berliner Wohnung in der Chausseestraße Abhörwanzen entdeckt, die von unten in den Holzboden reingeschraubt worden waren. Gegenmaßnahme des Sängers: „Ich habe die Dielen erst einmal ordentlich abgeschliffen und dann den ganzen Boden mit Epoxid-Harz bestrichen.“

Ergebnis: Lauschangriff erfolgreich abgewehrt. Mit Verspätung konnte dann Bundespräsident a.D. Joachim Gauck seine bemerkenswerte Festrede halten. Er erzählte vom eigentlichen Anlass des Abends. Denn vor genau 50 Jahren gab Wolf Biermann vor 8000 Zuschauern in der damaligen Kölner Sporthalle das legendäre, über vierstündige Konzert, das zu seiner unmittelbaren Ausbürgerung führte.

„Wer so genau trifft“, sagte Gauck über Biermanns Kritik am Arbeiter- und Bauernstaat, „der wird am härtesten bekämpft.“ Und er bekam demonstrativen Beifall für das Zitat: „Eine unvollendete Demokratie ist allemal besser als eine vollendete Diktatur.“

Nach einem wunderbaren Auftritt der exzellenten Gitarristin Nora Buschmann gab es ein weniger gelungenes Zwischenspiel mit WDR-Legende Carmen Thomas, die wenig über Biermann, aber dafür umso mehr über ihre Sendung „Hallo Ü-Wagen“ erzählte, die schon 2010 eingestellt wurde. Dann durfte endlich Biermann selbst ran. Und sein erstes von leider nur fünf Liedern war das, das er auch 1976 zu Beginn gesungen hatte: „So oder so, die Erde wird rot“. Da war sie wieder, diese Mischung aus Energie, Rohheit und Melancholie. Er kann’s auch noch mit 90 Jahren!

Das traf auch für „Das hab ich satt“, „Ballade vom preußischen Ikarus“ und „Der Hugenottenfriedhof“ zu. Eher enttäuschend, weil banale Polit-Lyrik, ist der neue Song „Moritat von den Liebespaaren“. Verwundert war man, dass beim Konzert in Köln kein einziges Mal der Name Günter Wallraff fiel. Immerhin hatte Wolf Biermann unmittelbar nach seiner Ausbürgerung mehrere Wochen bei dem Schriftsteller übernachtet. Aber, wie EXPRESS erfuhr: Wallraff war zum Konzert nicht einmal eingeladen.

Das Köln-Konzert wurde zur Legende

Die IG Metall rief, und fast 8000 Menschen kamen: Das Konzert von Wolf Biermann am 13. November 1976 in der Kölner Sporthalle war von Anfang an ein besonderes Ereignis, das noch weitreichende Wirkung haben sollte und zur Legende wurde.

Zum einen war es Biermanns erster öffentlicher Auftritt nach 12 Jahren der Zwangsisolation in der DDR. Zum anderen standen sich zwei politische Lager gegenüber: Hier die 3000 IG Metall-Mitglieder und dort rund 2000 Anhänger linker, maoistischer und trotzkistischer Gruppen. Anfangs, so berichten Augenzeugen, war die Stimmung aufgeladen und aggressiv. Aber Wolf Biermann konterte Zwischenrufe mit Witz und bissiger Ironie. Im Laufe des über vierstündigen Konzerts kippte die Stimmung ins Positive, und der Liedermacher wurde am Ende mit stehenden Ovationen gefeiert.

Copyright: picture-alliance/ dpa

Wolf Biermann, Liedermacher aus der DDR, während seines Auftritts in der Sporthalle in Köln am 13.11.1976. Es war sein erstes Konzert auf einer bundesdeutschen Bühne seit Ostern 1965. Das Konzert wurde vom Westdeutschen Rundfunk live übertragen.

Doch dann das böse Erwachen: Nur drei Tage später verkündete die DDR die Ausbürgerung Biermanns. Der sagt heute: „Die Erlaubnis, im Westen auftreten zu dürfen, war von vornherein eine Falle.“ Der WDR zeigte Mumm und übertrug gegen den Willen des Bayerischen Rundfunks das komplette Konzert im Radio, das auch im Osten Deutschlands zu hören war.

Nicht nur deshalb ging für Honecker & Co. der Schuss nach hinten los: Künstler, Pfarrer und Bürgerrechtler der DDR solidarisierten sich mit Biermann, darunter auch Manfred Krug und Nina Hagen. Ein unerhörter Vorgang, der, so meinen Historiker, die Keimzelle war für die spätere Protestwelle, die zum Fall der Mauer führte.