Jede Woche samstags steht Leonore Kalmes mit 90 Jahren in St. Mauritius am Altar. Für die rüstige Kölnerin ist dieser Dienst ihre ganz persönliche „Kontaktpflege nach oben“.
Kölnerin Leonore KalmesMit 90 Jahren noch am Altar – „Kontaktpflege nach oben“

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Jeden Samstag dient Leonore Kalmes in St. Mauritius Messe, hier mit Pater Stephan Kessler.
Ein Regenmantel in tiefem Blau, eine farbenfrohe Tasche, dazu passende Brille und moderne weiße Sneaker. Mit diesem Outfit erscheint Leonore Kalmes an einem Samstag im August vor der Kirche St. Mauritius. Ihre Haare sind sehr kurz geschnitten, ihre Haltung ist kerzengerade – man merkt sofort, dass sie eine Vergangenheit als Tänzerin hat. Sie grüßt kurz einige Leute im Innenhof, hilft zwei Ordensschwestern aus dem Ausland mit einer Wegbeschreibung und eilt dann in die Sakristei. Kurz darauf tritt sie wieder hervor, nun im Gewand der Messdiener: weiß und grün. Nur die Turnschuhe sind geblieben. Die 90-Jährige nimmt ihre Position ein und verrichtet ihren Dienst mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit, die von jahrelanger Erfahrung zeugt.
Bundesweit sind laut einer neuen Erhebung der Bistümer etwa 300.000 Menschen im Ministrantendienst aktiv. Der Frauenanteil beträgt dabei 54 Prozent. Genaue Zahlen zur Altersstruktur auf nationaler Ebene fehlen. Eine ältere Statistik der Deutschen Bischofskonferenz belegt jedoch, dass circa 98 Prozent der Dienenden maximal 25 Jahre alt waren. Das Erzbistum Köln zählt ungefähr 11.300 Messdiener. Allein in Köln selbst sind es um die 3000, darunter fast 500 Gruppenleiter ab 16 Jahren sowie circa 2500 Kinder im Alter von acht bis 15. Erwachsene Helfer am Altar sind eine Seltenheit. Frau Kalmes ist mit ihren 90 Jahren eine absolute Rarität.
„Ministrieren ist keine Wissenschaft“
An den genauen Zeitpunkt ihres Anfangs als Messdienerin kann sich Kalmes nicht mehr erinnern. Es war wohl einige Jahre nach der Jahrtausendwende. Ein Geistlicher habe sie damals angesprochen mit den Worten: „Mach erst mal nur das, was ich mache – direkt nachmachen.“
Kalmes meint dazu: „Ministrieren ist wirklich keine Wissenschaft, aber man muss wissen, wann man was zu tun hat.“ Ihre ersten Schritte machte sie in der Gemeinde St. Michael am Brüsseler Platz, bevor ein Pater der Jesuiten sie nach St. Mauritius „gelotst hat“, wie sie schmunzelnd erzählt.
Dort hat sie ihren festen Platz im Dienstplan. Die Messe findet jeden Samstag um 17.30 Uhr statt, und sofern Frau Kalmes nicht verreist ist, ist sie anwesend. Sie übernimmt alle Aufgaben, die ein Ministrant zu erledigen hat, unabhängig vom Alter.
Sie assistiert dem Priester bei der Vorbereitung der Gaben, legt Messbuch und Kelch sowie andere rituelle Objekte bereit und reicht Schale und Wasser für die Händewaschung. Manchmal wird sie auch nach St. Gereon gerufen, wenn dort Personalmangel herrscht. Das passiert, wenn für einen Gottesdienst nicht genug junge Leute verfügbar sind.

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Leonore Kalmes im Innenhof von St. Mauritius.
In St. Mauritius teilt sie sich den Dienst meist mit einem Herrn. Er ist ebenfalls schon in fortgeschrittenem Alter, aber von der 90 noch ein gutes Stück entfernt. „Aber wer ist schon 90?“, wirft Kalmes lächelnd ein. Die beiden bilden ein starkes Gespann: Ist einer verhindert, übernimmt der andere allein, obwohl es zu zweit harmonischer sei. „Sagen wir mal: Ich werde gebraucht“, erklärt Kalmes.
Das sei ein schönes Gefühl. Sollte sie in St. Gereon mal gemeinsam mit jüngeren Leuten dienen, nimmt sich Leonore Kalmes bewusst zurück. „Ich will nicht die Oberministrantin sein“, stellt sie klar. Die Jüngeren sollen die Führung übernehmen.

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In St. Mauritius ist die Seniorin regelmäßig.
Ihr Engagement in der Kirche geht jedoch über den Altardienst hinaus. Frau Kalmes ist zusätzlich als Lektorin tätig und trägt in St. Mauritius regelmäßig die Lesungen vor. Darüber hinaus versieht sie einmal wöchentlich in St. Gereon einen Aufsichtsdienst, achtet auf Ordnung, weist Gästen bei Bedarf den Weg zu den sanitären Anlagen oder gibt Auskunft über das Kirchengebäude.
Gemeinschaft, die nach der Messe weitergeht
St. Mauritius ist für Leonore Kalmes zu einer Art Heimat geworden. Die Gottesdienste werden in der Regel von Jesuitenpater Klaus Jochum gehalten, was für Kontinuität sorgt. „Hier ist nicht andauernder Wechsel“, betont sie. Verlässlichkeit und Kontinuität sind für sie das Fundament einer funktionierenden Gemeinde. Nach dem Gottesdienst sitzen die Besucher häufig noch beisammen, entweder im idyllisch begrünten Innenhof oder unter den Arkaden. In der Sakristei ist der Kühlschrank stets gefüllt mit Käsewürfeln, Wurst, Säften, Sekt und Wein. „Wir kennen uns hier, jeder bringt mal was mit, wir tauschen uns dann noch aus“, berichtet Kalmes. Das ist ihr Verständnis von Gemeinschaft. „Und für die muss jeder was tun, auch darum mache ich das hier.“
Sich selbst würde Leonore Kalmes nicht als übermäßig fromm beschreiben, aber als gläubig. Der Dienst am Altar ist für sie eine Art „Kontaktpflege nach oben“, erklärt sie und deutet mit dem Finger gen Himmel. „Wir wissen alle: Wenn man Kontakte nicht pflegt, ebbt das ab, man entfremdet sich. Und so ist das mit Gott für mich auch. Dieser regelmäßige Dienst in der Kirche bedeutet für mich eine wichtige, kontinuierliche Kontaktpflege.“ Ihr Glaube gilt einem gütigen, nicht einem richtenden Gott. Eine prägende Erinnerung stammt aus ihrer Anfangszeit in Köln, als ein Priester in St. Aposteln von der Kanzel herab mahnte: „Ihr müsst nicht meinen, dass der liebe Gott euer Kollege ist.“ Diesen Satz hat sie nie vergessen und hat diese Kirche seither gemieden. Wenn sie mit Gott im Zwiegespräch ist, redet sie ganz normal. Dann fragt sie auch mal: „Was hast du dir denn jetzt dabei gedacht?“
„Ein Beruf, der mir auf den Leib geschnitten war“
Auf die Frage, ob ihr Glaube jemals ins Wanken geraten sei, schüttelt Kalmes den Kopf. „Ich habe so viel Glück gehabt. Ich bin gesund, ich hatte einen guten Mann, ich hatte einen Beruf, den ich gelebt habe, zwei gesunde Kinder“, resümiert sie. Als der Krieg ausbrach, war sie drei Jahre alt; später wurde sie zusammen mit ihrer Mutter für fünf Jahre nach Burgsinn bei Würzburg evakuiert. Ihre Kindheit verbrachte sie in Düsseldorf-Oberkassel, für das Studium zog sie nach Köln. 40 Jahre lang arbeitete sie als Grundschullehrerin in Leverkusen-Schlebusch. „Das war ein Beruf, der mir auf den Leib geschnitten war“, sagt sie. Auch das Fach Religion hat sie unterrichtet.
Ihren späteren Ehemann traf sie bei einer Jugendfreizeit in der Eifel. Während sie für den Abwasch zuständig war, schälte er Kartoffeln. Ihm war direkt bewusst: Das ist die Richtige. Sie hingegen zögerte noch etwas. Neun Jahre später gaben sie sich das Ja-Wort. „Er war mein Goldstück“, schwärmt Kalmes, „ich kam für ihn immer an erster Stelle, das war ungewöhnlich für die damalige Zeit.“ Nachdem die beiden Töchter erwachsen waren, verlegte das Paar seinen Wohnsitz von Gremberg ins Herz von Köln. Auch nach dem Ableben ihres Gatten wohnt Kalmes weiterhin „in der Wohnung im Schatten der Domtürme“.
Von ihrer Wohnung aus ist alles schnell erreichbar: St. Mauritius, St. Gereon, der Dom und die zahlreichen Kölner Museen, die sie gerne besucht. Seit 30 Jahren gilt ihr großes Interesse der Kunstgeschichte, weshalb sie sich ehrenamtlich in einem Museumskreis einbringt. „Da hab ich noch ein Pöstchen“, erzählt sie verschmitzt. Dort kümmert sich Kalmes um die Finanzen der Gruppe, mit denen der Kunsthistoriker bezahlt wird, der die Mitglieder einmal monatlich durch Ausstellungen in der Region leitet.
„Religion und Kunstgeschichte sind eigentlich meine zwei Säulen“, fasst die Seniorin zusammen. Die eine Säule bringt sie regelmäßig zum Altar, die andere in die Kunstsammlungen, und beides ist für sie miteinander verbunden. Ein Gefühl wie Langeweile kennt sie nicht. Und wenn ihre Gemeinde sie ruft, ist sie zur Stelle. (red)
