Köln – Jürgen (55) gehört zu den Durchreisenden des Kölnbergs: Er ist nach einer Drogentherapie clean hierhergekommen. Und hat die Hochhäuserim Heroin-Rausch wieder verlassen. Nach nur einem Jahr. Trotzdem: Rückblickend hat ihm der Wohnkomplex das Leben gerettet. Eine Geschichte über das Scheitern und Sich-selbst-Finden am Kölnberg.
Heute sitzt Jürgen in einem alten Gutshof in Leverkusen-Fettehenne, mit grauer Schindel-Fassade und grünen Fensterläden, umgeben von Wald und Wiese. Rheinische Romantik pur. Dass er jetzt hier sitzen kann, hat er dem Kölnberg zu verdanken.
Serie: Die Menschen vom Kölnberg
Der Kölnberg – ein Stadtteil mit einem schaurigen Ruf. Gewaltverbrechen, blühender Drogenhandel, Prostitution: Themen wie diese beherrschen die Nachrichten aus Meschenich. Trauriger Höhepunkt: Eine Leiche, die von einem Balkon geworfen wurde.
Aber: In den Hochhäusern leben über 4000 Menschen aus 60 Nationen. Menschen, die hier zu Hause sind, die hier ihre Heimat gefunden haben, die sich täglich um ein würdevolles Leben bemühen. EXPRESS war vor Ort: bei den Menschen vom Kölnberg.
„Ohne den Kölnberg wäre ich tot. Wahrscheinlich irgendwo am Neumarkt in einer Ecke gestorben“, sagt er heute. Das Ende seiner Ehe ist der Anfang eines Lebens voller Kämpfe mit sich selbst. 17 Jahre lang war Jürgen mit seiner Frau verheiratet, zwei Kinder haben beide. Schon damals nimmt er Heroin. Geheim, unauffällig.

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Jürgen in seinem neuen Leben: In einem renovierten Gutshaus wohnt er zusammen mit sechs weiteren Mitbewohnern.
„Ich habe ein Doppelleben geführt. Am Frühstückstisch war ich Ehemann und Vater. Danach bin ich in meine mnZweitwohnung gefahren, habe gespritzt und bin dann arbeiten gegangen“, erinnert sich Jürgen. Doch dann stirbt seine Ehefrau an Krebs. Die Trauer erstickt er in Unmengen Drogen,ein Jahr lang.
Doch Jürgen versucht clean zu werden, mit aller Kraft. Er will den Kopf freikriegen. Er bricht alle Zelte ab in seiner Heimat Wuppertal und kommt nach Köln. Hier will er ein Ende des Konsums erzwingen, will neu anfangen. Er begibt sich in eine Drogentherapie. Ein Jahr lang bleibt er stark. Rauschfrei bestreitet er seinen Alltag in einer kleinen Wohnung am Rudolfplatz, die ihm die Drogenhilfe für ein Jahr zur Verfügung stellt. Doch das Jahr ist schnell rum, Jürgen muss sich nach einer neuen Bleibe umsehen.
Nicht leicht für jemanden, der wenig besitzt. Und täglich mit Sucht und Trauer zu kämpfen hat. „Nach der Therapie war ich erst einmal ohne Wohnsitz“, sagt er. Sein Glück: Bekannte sagten ihm, am Kölnberg seien Wohnungen frei.
Ort der Verführung
Kölnberg – eine Chance auf einen Neuanfang? Gerade der Kölnberg? 2008 betrat er das erste Mal das Viertel. „Mir gefiel der Kölnberg direkt. Viel Grün drum herum, schöne Wohnungen. Perfekt für mich, der nichts hatte.“ Doch die Gegend stellt Jürgen vor eine schwere Herausforderung: „Ich habe im Fahrstuhl sofort erkannt, wer Drogen nimmt, wer nicht. Und schnell herausgefunden, wer auch Drogen verkauft.“

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Sparen statt Drogen: Mit dem Geld will Jürgen reisen.
Am ersten Tag im neuen Heim klingelt es an der Tür. Jemand will ihm etwas abkaufen. Jürgen hängt ein Schild an die Tür: „Hier keine Drogen“. Er will auf keinen Fall schwach werden. Nach vier Wochen jedoch bricht der Wille: Er fällt erneut in ein tiefes Loch, wird rückfällig. Ein Jahr lang. Diesmal aber richtig tief. So kommt so weit, dass er die Möbel verscherbelt, um Geld zu bekommen. Das Wenige, das er besitzt, setzt er in Rausch um.
„Zum Schluss hatte ich eine Matratze. Ansonsten waren die Zimmer leer“, erinnert er sich. Aus wenig wurde nichts.
Ort des neuen Mutes
Doch gleichzeitig verändert ihn das Viertel. „Der Kölnberg ist der Wendepunkt in meinem Leben“, sagt er. Nirgends so sehr wie hier merkt er, wie die Abhängigkeit ihn auffrisst. Der Kölnberg lässt Jürgen mit der Zeit auch mutig werden. „Ich sagte mir: Mach Schluss. Sonst liegst du bald tot in einer Ecke.“
Kölnberg: Vom Vorzeige-Projekt zur Abseits-Siedlung

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Am Anfang stand die Hoffnung: Die Unternehmen Shell und Olefin wollten zu Beginn der 1970er Jahre rund 800 bis 1000 neue Arbeitsplätze in Meschenich schaffen – Wohnraum für die zu erwartenden Neubürger. Der Kölnberg wurde für rund 80 Millionen Mark gebaut, 1973 entstanden die ersten drei Hochhäuser. Doch dann die Ernüchterung: Shell und Olefin expandierten doch nicht im Kölner Süden. Sie investierten an der holländischen Küste. An eine Einstellung des Projekts war jedoch nicht zu denken, der Bau nicht mehr zu stoppen. Geplant als exklusive Hochhaussiedlung, entwickelte sich der Komplex schnell zur Pleite: Die Wohnungen konnten schwer vermietet werden. Viele standen leer.Grund: die schlechte Anbindung an die City. Die Mieten wurden immer günstiger. Schon wenige Jahre nach dem Bau herrschten Vandalismus und Wertverfall. „Hätten wir das gewusst. Man hängt sich doch nicht freiwillig solche Probleme ans Bein“, bekennt Architekt Wilfried Rehle 1986 rückblickend im „Kölner Stadt-Anzeiger”.
Fünf Jahre ist es her, als er den Kölnberg verließ. Er geht in eine Entgiftung nach Bergisch Gladbach. Und wohnt mit sechs weiteren Mitbewohnern in dem charmanten Gutshaus. Bis heute. Der Kölnberg ließ ihn zurück ins Leben treten: Vier Tage die Woche arbeitet er in einer Gärtnerei. Und das Beste: Er hat wieder Kontakt zu seinen Kindern.
„Die vielen Rückfälle in meinem Leben haben ein Ende. Der Kölnberg ließ mich mit meiner Vergangenheit abschließen.“


