Wurzeln des Hasses Kölner Kabarettist über Rassismus und wie man ihn bekämpft

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Auf der Suche nach den Wurzeln des Rassismus stieß Marius Jung auf viele erschreckende Beispiele.

Köln – Marius Jung wird oft seltsam angesprochen. Ganz laut. Und ganz langsam. „Wo – kommen – du - her?“ Dabei ist er nicht schwerhörig.

In Trier geboren, im Siebengebirge aufgewachsen, seit Jahren im Herzen von Köln-Nippes zuhause, als erfolgreicher Comedian und Autor mit den Feinheiten der deutschen Grammatik sehr wohl vertraut. Aber: Marius Jung (54) ist schwarz.

Rassismus ist für viele in Deutschland Alltag

„Dieser arglose Rassismus ist vielleicht nicht böse gemeint – aber er bleibt böse“, spricht der Afrodeutsche das aus, was für viele Alltag ist.

Da ist der schwarze Mitschüler, der im Musikunterricht „Zehn kleine Negerlein“ an die Tafel schreiben musste – und die Schulleitung unternahm nichts. Da ist die Kassiererin, die kürzlich einer jungen schwarzen Mutter mit deutschem Nachnamen Kreditkartenbetrug unterstellte.

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Blut klebt an seinen Fingern. König Leopold II. hat Völkermord im Kongo begangen. Jetzt wird darüber endlich intensiv geredet. Auch das Denkmal von Kaiser Wilhelm II. an der Kölner Hohenzollernbrücke wurde im Juni 2020 mit roter Farbe beschmiert.

Doch ähnlich wie bei der „#MeToo“-Bewegung machen viele nach dem brutalen Tod von George Floyd jetzt den Mund auf, stoßen weltweit die Statuen von Kolonialherren vom Sockel.

ZDF-Doku „Rassismus – die Geschichte eines Wahns“

Aber woher stammen rassistische Ressentiments eigentlich? Wie konnte der Rassismus sich so in unseren Köpfen festsetzen? Dieser Frage ging Marius Jung für ZDF-History „Rassismus – die Geschichte eines Wahns“ (noch in der Mediathek verfügbar) nach – und förderte Dinge zutage, die im Schulunterricht endlich angesprochen werden sollten.

Dort ist der Nationalsozialismus ein großes Thema – aber was ist mit dem Kolonialismus, also quasi dem Nährboden des Herrschaftsgedankens? „Dass das solche Ausmaße hatte, habe auch ich nicht gewusst“, sagt Marius Jung im Gespräch mit uns.

Allein elf bis 15 Millionen Menschen aus Afrika seien in Europas Überseekolonien verschleppt worden, sagt er. 30 Millionen Inder überlebten die Kolonialherrschaft des weißen Mannes nicht. König Leopold II. (siehe Infokasten) führte sich im Kongo wie ein Berserker auf...

„Christen sprachen den Schwarzen kurzerhand das Menschsein ab“

Wie konnte die Gesellschaft solche Völkermorde rechtfertigen? In der Zeit der Aufklärung, beginnend im 18. Jahrhundert, versuchten zum einen Philosophen, Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit der Versklavung unter einen Hut zu bringen.

Und Christen mischten da kräftig mit. „Alle Menschen sind Gottes Schöpfung, steht zwar in der Bibel – aber die Christen sprachen den Schwarzen kurzerhand das Menschsein ab“, so Jung. „Sie wurden auf eine Stufe mit Bäumen und Tieren gestellt.“ Übrigens noch im 20. Jahrhundert!

Unglaubliche Rassismus-Beispiele in Schulbüchern

Marius Jung wurde ein Biologiebuch von 1912 zugespielt, in dem noch wortwörtlich stand: „Der Neger ist ein Tier, das spricht.“ Unfassbar! „Das haben unsere Urgroßeltern noch gelernt. Das haben sie weitergegeben. Das sitzt in den Köpfen drin.“

In Erdkundebüchern aus den 50ern hieß es, dass der „Neger schnell mit Münzen und Papiergeld umzugehen lernte“.

Rassismus: Was Immanuel Kant damit zu tun hat

Ob Schüler heute noch wissen, dass es auch im Kölner Zoo bis 1932 Völkerschauen gab, wo z. B. Angehörige der Sara-Kaba – in der zeitgenössischen Literatur „Lippenplattennegerinnen“ genannt – wie Vieh zur Schau gestellt wurden?

Der bekannte Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804) hat vielen Gymnasien in Deutschland seinen Namen gegeben. Ob den Schülern gesagt wird, dass Kant mit Thesen wie „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen“ den europäischen Rassismus befeuerte?

Protestbewegung „Black Lives Matter“: Statuen weg? Das wäre zu einfach!

Viele Rassisten, Kolonialherren und Sklavenhändler werden jetzt vom Sockel gestoßen. Auch Kants Statuen stehen im Rahmen der Protestbewegung „Black Lives Matter“ zur Diskussion. Historiker Michael Zeuske, Professor an der Universität Bonn, findet, dass man „diesen Mitbegründer des europäischen Rassismus“ auf jeden Fall in den Blick nehmen müsse.

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Kaiser Leopold II. ließ hunderten Kongolesen die Hände abhacken.

Marius Jung hingegen warnt davor, jetzt einfach alle Statuen zu entfernen. „Einen Sklavenhändler kann man mit Sicherheit einfach vom Sockel stoßen, aber Kant oder Kolumbus muss man im geschichtlichen Zusammenhang erklären, damit folgende Generationen Geschichte richtig verstehen.“

Marius Jung will Empathie wecken

Jung ist als Redner gefragt, bei Firmen und Schulen, will Empathie wecken, um für mehr Respekt zu werben. Er macht sich andererseits aber auch gern über übertriebene Political Correctness lustig.

Ein schwieriger Spagat – aber das kommt an, funktioniert auch in Corona-Zeiten online gut. Je breiter das Spektrum der Zuhörer, desto besser, findet er.
Seinem Publikum im Kabarett hält er gerne mal den Spiegel vor: „Wohlstandsausgrenzung ist doch auch eine Form von Diskriminierung.“

„Moderner Rassismus“

Die Soziologin Prof. Cornelia Koppetsch stimmt ihm zu. „Wir nehmen billigend in Kauf, dass die afrikanische Gesellschaft sich nicht weiterentwickelt und dass in Indien und Bangladesch Billigware für unsere Discounter nach wie vor unter unmenschlichen Bedingungen produziert wird – das ist moderner Rassismus.“

Wird der Tod von George Floyd jetzt endlich ein Umdenken in der Gesellschaft bewirken? Marius Jung bleibt – mit Blick auf die Historie – skeptisch. Die Geschichte lehre uns, dass da, wo ein Umbruch passiere, die Ideologie umso stärker wachse. Warum?

Rassismusforscher Professor Christian Geulen von der Universität Koblenz erklärt: „Rasse ist ein Erfolgsmodell, eine tief eingebläute Ideologie.“ Dabei gibt es laut vielen Genforschern überhaupt keine „Rassen“ – allerdings steht’s so (noch) im Grundgesetz...

Anthropologin: „Es gibt keine Menschenrassen"

Der Rassenwahnwahn uferte besonders unter den Nazis aus. Naturwissenschaftler suchten aber auch schon vorher vermeintlich objektive Kriterien, um den Rassegedanken zu untermauern. Besonders perfide: Neben Kriterien wie Hautfarbe, Kopfform, Haare, Augenfarbe und Co. wurden den „Rassen“ Eigenschaften zugeordnet („Afrikaner – schwarz, phlegmatisch, schlaff“).

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Anthropologin Prof. Veronika Lipphardt: „Es gibt keine Rassen.“

Die Anthropologin Professor Veronika Lipphardt von der Uni Freiburg erklärt: „Es gibt keine Menschenrassen, es gibt genetische Vielfalt, die man nicht in Gruppen unterteilen kann.“ Der Genpool zwischen schwarzen und weißen Menschen zum Beispiel stimme zu 99 Prozent überein.

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Es gibt kein einziges Gen, das solch „rassischen“ Unterschiede begründe. Äußere Merkmale wie Haut- oder Augenfarbe seien nur eine leicht wandelbare biologische Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten.

Leopold II. von Belgien ließ Hände abhacken

Einer der schlimmsten Kolonialherren: Der belgische König Leopold II. wütete zwischen 1888 und 1908 im Kongo, ließ Einheimischen die Hände abhacken. Etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung – 10 Millionen Kongolesen – starb.

Noch heute steht eine Statue des Königs, umringt von Schwarzen, im belgischen Nationalmuseum. Andere Skulpturen Leopolds, wie diese in Brüssel, wurden aktuell mit Farbe zum Mahnmal.

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