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Zehn Jahre nach seinem TodKölner Autor rechnet ab: Roman ist ein Wunder

Dieter Bongartz leitete die Kölner Schreibschule der SK Stiftung Kultur. Hier ist er 20024 mit Jugendlichen im Literaturhaus zu sehen. Er starb im November 2015.

Copyright: Christoph Hennes

Dieter Bongartz leitete die Kölner Schreibschule der SK Stiftung Kultur. Hier ist er 2004 mit Jugendlichen im Literaturhaus zu sehen. Er starb im November 2015.

Ein Roman, der alles auf den Kopf stellt. Ein Kölner Schriftsteller konfrontiert seine Familie – und das zehn Jahre nach seinem Ableben.

Das ist eine echte literarische Überraschung! In Zeiten, wo kaum noch jemand zum Buch greift, veröffentlicht der März-Verlag den komplexen Roman eines vor einem Jahrzehnt verstorbenen Kölner Schriftstellers.

Das Werk heißt „Vaterland“ und stammt von Dieter Bongartz. Er war eher als Filmemacher und Drehbuchschreiber bekannt, leitete aber auch in Köln die Schreibschule für junge Talente. Bongartz hatte ein Herz für die Menschen am Rand der Gesellschaft und eckte mit seiner Kritik am bürgerlichen Leben oft an. Am 18. November 2015 starb er in Köln.

„Vaterland“ ist eine Abrechnung mit der eigenen Familie

In seinem letzten Werk entfaltet sich ein ebenso zarter wie schonungsloser Bewusstseinsstrom, wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichet. „Vaterland“ ist eine Abrechnung mit der eigenen Familie, verfasst im Schatten seiner unheilbaren Krebserkrankung. Er schont niemanden. Weder die Familie mit ihrem Glauben an die gute alte Zeit, in der angeblich alles „besser, menschlicher, gesitteter, harmonischer“ war. Noch seinen Vater, der als Kriegsveteran mit halbseitiger Lähmung von der Ostfront heimkehrte und seine Nazi-Vergangenheit lieber verdrängte.

Und auch sich selbst konfrontiert der Erzähler: Kurz vor dem Tod wird ihm klar, dass „Ironie Feigheit bedeutet, Bequemlichkeit, Rückzug“ und wie sehr er sich selbst getäuscht hat.

Für die Leser ist „Vaterland“ zunächst eine harte Nuss. Ein unbekannter Autor, der die altbekannte Geschichte einer deutschen Mitläufer-Familie erzählt? Ein Sohn, der sich am Nazi-Vater abarbeitet? Klingt erstmal ermüdend. Die ersten Seiten fühlen sich bleiern an, denn Bongartz webt Gedankenfetzen und skurrile Bilder in den Text. Der Stil erinnert an große Namen wie Günter Grass oder Bertolt Brecht. Der Haken: Kaum jemand kennt Dieter Bongartz, und in krisengeschüttelten Zeiten ist die Geduld für einen schwierigen Anfang gering.

Ein Buch, das heute wichtiger ist als je zuvor

Doch es wäre ein Fehler, das Buch wegzulegen. Wer dranbleibt, wird belohnt. Die anfängliche Last der Geschichte entwickelt sich zu einem fesselnden Strudel. Hier vermischen sich die Verbrechen der Nazis und nationalistische Verblendung mit ganz menschlichen Wünschen, Ängsten und der Suche nach Liebe. Am Schluss verschwimmen alle Grenzen. Die einfachen Wahrheiten von Schwarz und Weiß lösen sich auf.

Mit seiner eigenen Krebsdiagnose im Nacken hat Dieter Bongartz aus Nazi-Historie, Familiengeschichte und zutiefst menschlichen Abgründen ein einzigartiges Zeugnis geschaffen. In einer Zeit, in der Nationalismus und Faschismus wieder auf dem Vormarsch sind, ist dieses Werk relevanter als bei seinem Tod vor einem Jahrzehnt. Der Autor wurde nur 62 Jahre alt.

Durch Zufall erfährt die Nachwelt von seinem Buch

Dass die Nachwelt davon erfährt, ist auch dem Zufall geschuldet: Richard Stoiber, Chef des im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichneten März-Verlags, schrieb als Teenager in der von Bongartz geleiteten Kölner Schreibschule, einem von der SK-Stiftung Kultur finanzierten Zusammenschluss schreibbegeisterter Jugendlicher, die sich alle zwei Monate für ein Wochenende in Köln zum Schreiben traf. „Lustigerweise hatte Dieter Bongartz mich schon einmal gefilmt, als ich ein Baby war. Da hat er eine Dokumentation über Meschenich gedreht – die zwei Welten am Kölnberg und im bürgerlichen Teil Meschenichs“, erzählt der Verleger.

In einem der bürgerlichen Einfamilienhäuser des vergessenen Stadtteils war Stoiber großgeworden. Die Schreibschule sei eine „prägende Erfahrung“ gewesen, „fast eine Sensation“ – auch, weil Dieter Bongartz „uns mit seinem unglaublichen Literaturwissen und seiner Menschenkenntnis beeindruckt hat“.

Es vergingen viele Jahre bis zur Veröffentlichung

Noch kurz bevor er starb, gab Bongartz das Manuskript zu „Vaterland“ an Stoiber weiter, der damals als Lektor für Matthes&Seitz arbeitete. Eine Veröffentlichung kam jedoch nicht zustande. Viele Jahre vergingen. Ein Treffen mit der früheren Agentin von Bongartz brachte die Erinnerung an den Roman zurück.

Durch Patrick Findeis, Bongartz' Schwiegersohn, der die Kölner Schreibschule leitete, bekam Stoiber das Manuskript erneut in die Hände. „Beim Lesen wurde mir schnell klar, wie brillant es ist, wie souverän der Umgang mit Sprache, sodass der Text selbst in den assoziativsten Gedankenströmen nie auseinanderfällt – und, dass wir es zu seinem zehnten Todestag veröffentlichen wollen“, sagt Stoiber.

Bisher teilt der Roman das Schicksal vieler Werke von unbekannten Schriftstellern: Die großen Zeitungen ignorieren es, in den Buchläden bleibt es liegen. Doch das entmutigt Richard Stoiber nicht. „Das ist vielleicht der Vorteil eines Verlags, der immer prekär gearbeitet hat“, sagt Richard Stoiber. „Wir machen solche Bücher dann trotzdem, wenn wir von ihnen überzeugt sind.“ (red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

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