Einem 23-Jährigen wird vorgeworfen, seine eigene Familie terrorisiert zu haben.
„Er hat ein gutes Herz“Kölner (61) mit Tränen-Aussage gegen den eigenen Sohn

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Der Beschuldigte mit Verteidigerin Anne Kieven beim Prozessauftakt im Landgericht Köln
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Es waren bewegende Szenen, die sich am Montag in Saal 13 des Kölner Landgerichts abspielten. „Er hat ein gutes Herz“, sagte ein Vater über seinen Sohn, der nur wenige Meter entfernt auf der Anklagebank saß. Dann begann der 61-Jährige zu weinen. Der Sohn hatte ihn mehrfach bedroht und verletzt, dem 23-Jährigen droht die Einweisung in die geschlossene Psychiatrie oder eine Entziehungsanstalt. Der Vater zeigte sich an diesem Tag im Zeugenstand im emotionalen Ausnahmezustand. Er liebt seinen Sohn immer noch sehr – gleichzeitig hat er große Angst vor ihm.
Kölner Vater im Zeugenstand: „Mein Sohn ist krank“
Ruhig und bedächtig, mit einem traurigen Blick, hatte der Vater den Gerichtssaal betreten. „Sie haben ein umfassendes Aussageverweigerungsrecht“, sagte der Vorsitzende Richter Jan Orth, „der Beschuldigte ist Ihr Sohn, Sie müssen hier also gar nichts sagen.“ Ein Schweigen würde dem Sohn weder positiv noch negativ ausgelegt, sondern ganz neutral zur Kenntnis genommen, betonte der Richter. Doch der 61-Jährige wollte aussagen: „Mein Sohn ist krank und ich möchte, dass ihm geholfen wird.“ „Ich bin nicht krank!“, rief der Beschuldigte und musste zur Ruhe ermahnt werden.
Laut den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hatte der 23-Jährige seine Familie über Monate terrorisiert. Der traurige Höhepunkt ereignete sich am 31. März dieses Jahres in der elterlichen Wohnung in Humboldt-Gremberg. Der Beschuldigte soll in der Nacht im Wohnzimmer randaliert, einen Schrank umgeworfen und Kabel aus der Wand gerissen haben. Gegenüber seiner Mutter soll er gedroht haben, seinen Vater umzubringen. Eine volle Glasflasche mit Knoblauchsoße flog durch die Luft und traf den Vater am Hinterkopf. Er erlitt eine Schwellung und wurde in der Klinik behandelt.
Der Sohn soll außerdem in die Küche gerannt und nach Messern gesucht haben, um den Vater damit zu attackieren. „Er fand aber kein Messer“, sagte der Staatsanwalt – der Vater hatte die Küchenmesser vorsorglich versteckt. Der Sohn habe daraufhin angekündigt, sich eine Schusswaffe zu besorgen und den Vater von einem Obdachlosen erschießen zu lassen. Der Vater flüchtete schließlich ins Schlafzimmer, während seine Ehefrau versuchte, den Sohn zu beruhigen. Auf der Straße nahmen alarmierte Polizeibeamte den Beschuldigten fest. Der Vater erwirkte bei Gericht ein Kontaktverbot.
Kölner Beschuldigter räumt nicht alle Vorwürfe ein
Laut Staatsanwaltschaft verstieß der Sohn gegen die Anordnung des Familiengerichts. Die besagte, dass er sich seinem Vater nicht nähern und die elterliche Wohnung meiden sollte. Weitere Todesdrohungen sollen gefolgt sein. Der finale Vorwurf: Mitte April soll der Sohn mit dem Taxi an der Anschrift der Eltern aufgetaucht und auf der Straße randaliert haben. Der Vater solle gefälligst das Taxi bezahlen. Der Sohn soll laut den Schilderungen des Vaters die Hose runtergelassen und angekündigt haben, seine tote Großmutter zu schänden. Kurz darauf wurde der Mann verhaftet.
Der 23-Jährige wurde zunächst in eine Justizvollzugsanstalt gebracht, dann im Juni auf Anordnung von Richter Orth in ein psychiatrisches Krankenhaus in Essen verlegt. Beim Anhörungstermin im Landgericht soll der Beschuldigte abermals ausgerastet sein. „Er möchte sich vorweg für sein Verhalten bei diesem Termin entschuldigen“, sagte Verteidigerin Anne Kieven. Der Mandant habe große Sorgen vor der Unterbringung in der Psychiatrie gehabt, Mithäftlinge hätten ihm große Angst davor gemacht. Denn: Bis ein Patient die Forensik verlassen kann, können sehr viele Jahre vergehen.
Die Vorwürfe räumte der Beschuldigte nicht gänzlich ein. Die Flasche habe er dem Vater jedoch nicht gezielt gegen den Kopf geworfen. „Er hatte auch nicht vor, sich danach eines Messers zu bedienen“, so die Anwältin. Der Konsum von Cannabis und Kokain habe die Ausbrüche begünstigt, „es tut ihm leid, dass er seine Familie derart terrorisiert hat.“ Unter ihm gelitten hatten nicht nur die Eltern, sondern auch seine sechs jüngeren Geschwister. Kieven: „Er hat eingesehen, dass die Drogen ihn zu einem anderen Menschen machen und er möchte auch im Rahmen einer Therapie an sich arbeiten.“
„Ich habe gelernt meine Wut zu kontrollieren und ich möchte keine Drogen mehr nehmen“, sagte der Beschuldigte dann auch in eigenen Worten. „Nehmen Sie Ihre Medikamente?“, fragte Richter Orth. „Ja, aber ich brauche die nicht, die machen mich schlapp und müde“, war die Antwort. Er habe diese auch nur verschrieben bekommen, da es Auseinandersetzungen mit Mitpatienten gegeben habe – „mit denen komme ich nicht klar.“ Ob er dort Besuch bekommen habe, wollte der Richter wissen. Die Mutter und ein Bruder hätten ihn in der Klinik in Essen besucht, der Vater aber bisher nicht.
Kölner hat Angst vor dem Sohn, den er so nicht kannte
„Hatten Sie Angst vor Ihrem Sohn?“, fragte Orth den im Zeugenstand sitzenden Vater. „Ja, natürlich, weil ich ihn so nicht kannte“, antwortete dieser. Der Sohn sei immer „brav, höflich und hilfsbereit“ gewesen. Als der Vater unter Tränen aussagte, dass der Sohn tief in seinem Inneren immer noch ein guter Junge sei, meldete der sich plötzlich zu Wort. Als könnte er die Worte seines Vaters nicht ertragen, rief er: „Ich brauche eine Pause!“ Er müsse eine Zigarette rauchen. Der Richter kam diesem Wunsch nach und ordnete die Pause an. Danach wurde der Vater des Beschuldigten weiter befragt.
Strafrechtlich hat der 23-Jährige bereits einiges auf dem Kerbholz. Das Amtsgericht verurteilte ihn wegen des Besitzes einer halbautomatischen Schusswaffe. Die „Glock“ habe er verkaufen wollen. Auch hatte er mehrfach gefälschte iPhones im Internet angeboten und verkauft. Auf den Kölner Ringen beschimpfte er eine Personengruppe als „scheiß Schwule“ und spuckte in deren Richtung. Auch wegen Drogenhandels im Bereich Neumarkt wurde der Mann verurteilt – Polizisten fanden verpacktes Kokain in seiner Unterhose. Er stand zuletzt unter zwei laufenden Bewährungen.
Der Beschuldigte hatte die Hauptschule absolviert, war später auf dem Berufskolleg aber am Realschulabschluss gescheitert. Er arbeitete bei einer Firma für Gebäudereinigung, als Möbelpacker und im Sicherheitsdienst. Einen angestrebten Ausbildungsplatz zum Schreiner oder Dachdecker bekam er nicht. „Er leidet unter Nervenschädigungen, sodass er sich zeitweise kaum bewegen konnte“, steht in einem früheren Urteil. „Woher kam das denn?“, wollte Richter Orth wissen. „Vom Lachgas, aber das nehme ich nicht mehr“, erklärte der 23-Jährige. Der Prozess wird fortgesetzt.
