„Gehen daran kaputt“ Klinik-Mitarbeitende schildern in Köln dramatische Erfahrungen

Zwei Streikende vor der Kölner Uniklinik in einem gemeinsam getragenen T-Shirt mit der Aufschrift "Wir können uns nicht teilen!"

Seit Wochen läuft die Tarifauseinandersetzung an den NRW-Unikliniken. Beschäftigte greifen nun zu einem neuen Mittel. Hier ein Foto eines Uniklinik-Streiks in Köln am 21. Juni 2022.

Am Montag (4. Juli) machten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Uniklinik in Köln anonym Erlebnisse publik, die ihnen nach eigenen Angaben bei der Arbeit widerfahren sind. 

Verzweiflung, Tränen im Schwesternzimmer und einsam sterbende Patienten oder Patientinnen: Uniklinik-Beschäftigte haben mit dramatischen Erfahrungsberichten aus ihrem Alltag auf die Gefahren von Personalmangel in Krankenhäusern hingewiesen.

Mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trugen am Montag (4. Juli) in Köln in einer Kirche Texte vor, die nach Angaben der Organisatoren von Kolleginnen und Kollegen verfasst worden waren – anonymisiert, da sie den Anspruch hatten, aus dem Innersten der Kliniken zu berichten.

Köln: Uniklinik-Beschäftigte tragen dramatische Erfahrungsberichte vor

„Wir sehen alle, wie wir selbst daran kaputt gehen. An einem Beruf, der eigentlich so schön sein könnte“, sagte eine Sprecherin. Von „Fließbandarbeit“ war die Rede, in der keine Zeit für Trauer bleibe. Ein Corona-Patient sei allein gestorben, weil es unmöglich gewesen sei, ihm aufgrund der Personal-Lage noch Gesellschaft zu leisten.

„Ich habe dem Patienten von draußen beim Sterben zugucken müssen, weil zu wenig Personal da war“, hieß es in dem Text. Auch für Essen oder Getränke bleibe mitunter keine Zeit.

Eine Autorin berichtete in den auch online veröffentlichten Dokumenten, wie sie nach dem Tod eines Kindes in der Notaufnahme zurück auf die Station gegangen sei. Dort habe man „funktionieren“ müssen. „Als ich später weinend im Schwesternzimmer zusammenbrach, hatte keine andere Schwester auch nur eine Minute Zeit, mich zu trösten.“

In einem anderen Text wurde berichtet, wie eine Frau bei einer Untersuchung krampfte. „Sofort rannte ich in den Untersuchungsraum, holte die Patientin aus dem Gerät, hielt sie fest und schrie um Hilfe“, hieß es. „Doch leider hörte mich niemand, denn ich war allein.“

Hintergrund der „Schwarzbuch Krankenhaus“ genannten Aktion ist die laufende Tarifauseinandersetzung an den NRW-Unikliniken. Mit Streiks machen Verdi und Beschäftigte seit Wochen Druck bei den Verhandlungen mit den Arbeitgebern über einen sogenannten Tarifvertrag Entlastung.

Köln: „Schwarzbuch Krankenhaus“ erfährt auch prominente Unterstützung

Auch Promis unterstützten das „Schwarzbuch Krankenhaus“, etwa der bekannte Kriminalbiologe Mark Benecke. Einen Text las der Kabarettist Christoph Sieber vor. „Dass eine Kirche so voll ist, das hat’s in Köln wahrscheinlich auch schon länger nicht mehr gegeben“, merkte er angesichts des Zulaufs der Aktion an. Das Bistum von Kardinal Rainer Maria Woelki befindet sich seit geraumer Zeit in einer Krise.

Mehrere Kliniken reagierten auf die Aktion und die Vorwürfe – etwa, dass Menschen wegen Personalmangels Schaden nehmen würden. „Die im ‚Schwarzbuch Krankenhaus‘ enthaltenen anonymen Schilderungen enthalten keine konkreten Angaben zu den jeweiligen Krankenhäusern, zum Zeitpunkt des Geschehens oder zu den beteiligten Personen.“

Insofern sei eine Zuordnung und damit inhaltliche Aufarbeitung der beschriebenen Fälle nicht möglich, erklärte ein Sprecher der Uniklinik Köln. Beschäftigte könnten aber auf mehreren Wegen kritische Situationen melden. „In allen Fällen wird nach Möglichkeiten gesucht, sofort Abhilfe zu schaffen.“

Die Unikliniken unterstützten zudem das Vorhaben, „mit einem Personalaufbau in der Pflege die Personalschlüssel im Rahmen des Tarifvertrags Entlastung deutlich zu verbessern“, hieß es weiter. Die Universitätsmedizin Essen erklärte, man arbeite „seit vielen Jahren permanent und intensiv an der Verbesserung der Patientensicherheit“.

„Als eine von wenigen Unikliniken werden bei uns sämtliche gemeldete Fälle systematisch aufgearbeitet und analysiert, um fehlerbeeinflussende Faktoren zu identifizieren und abzustellen“, hieß es. „Besonders wichtig ist uns dabei eine auf Vertrauen basierende Fehler- und Sicherheitskultur.“ (dpa)

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