Ehrenamtler geschockt „Menschenunwürdig“: Das Corona-Drama der Flüchtlinge in Köln

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Klaus Adrian engagiert sich in der Flüchtlingshilfe.

Köln – Die Corona-Krise führt schonungslos vor Augen, wie abgehängt Teile der Gesellschaft sind.

In sämtlichen Branchen geht die Existenzangst um.

Und wer denkt an die Schwächsten der Schwachen, die Obdachlosen und Flüchtlinge in den Unterkünften, wo viele Menschen auf engem Raum hausen und das Virus umso leichteres Spiel hat?

Köln: Ehrenamtler schildert Zustände bei den Flüchtlingen

Klaus Adrian stellt fest: Kaum jemand.

Wegen der Verordnungen darf der Flüchtlingshelfer derzeit seine Schützlinge in den Einrichtungen nicht treffen: Es herrscht Besuchsverbot.

In einem aktuellen Schreiben der Kölner AGISRA (Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung), das dem EXPRESS vorliegt, heißt es gar:

In den Landeserstaufnahmeeinrichtungen leben die Bewohner*innen auf engstem Raum und haben keine Möglichkeit sich vor einer Ansteckung mit COVID-19 zu schützen. In einigen Unterkünften gibt es bereits Corona-Fälle und die daraus folgenden Quarantänemaßnahmen sind menschenunwürdig.

Was uns die Menschen berichten, widerspricht einem verantwortungsvollen Gesundheitsschutz.

Deshalb fordern wir, dass die geflüchteten Menschen endlich dezentral, quarantänegerecht und familiengerecht untergebracht werden.

Wir haben Klaus Adrian gebeten, von seinen Erfahrungen zu berichten. Das Interview.

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Das Besuchsverbotsschild am Eingang.

Können Sie schildern, wie die Lage der Flüchtlinge in der Corona-Zeit ist?

Klaus Adrian: Geflüchtete sind stark verunsichert und haben nicht nur Angst um ihre eigene Gesundheit, sondern vor allem um die unter anderen in Afrika lebenden Verwandten.

Dort ist das Gesundheitssystem meist nicht in der Lage, mit einer größeren Anzahl Patienten umzugehen.

Was sind die großen Schwierigkeiten, auch für Sie selbst?

Da das Internet oft die einzige Möglichkeit ist, den Kontakt zu Infos, Verwandten, Schule etc. herzustellen, macht sich der Umstand besonders schmerzlich bemerkbar, dass viele Bewohner in Unterkünften schlechtes oder kein WLAN  besitzen.

Für uns Ehrenamtler ist die Situation deswegen extrem schwierig, weil unser normaler Kontakt verunmöglicht wurde.

Es gibt kaum Möglichkeiten, außer über Internet oder Telefon den Kontakt aufrecht zu erhalten.

Da aber viele über kein ausreichendes Internet in den Unterkünften verfügen, ist auch das oft unmöglich.

Was würden Sie sich von seiten der Behörden und der Bevölkerung für Ihre Arbeit wünschen?

Wir wünschen uns, dass in den Unterkünften deutlich entzerrt wird, damit das, was von allen Menschen zur Zeit verlangt wird möglich wird: Abstand halten!

Wir hätten uns gewünscht, dass man die Belegungsdichte reduziert, indem man Geflüchtete auf weitere Unterkünfte verteilt. Dass es in Unterkünften wie etwa in der Herkulesstraße und in der Schönhauser Straße zu Corona kommt, wundert niemand.

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Eine der Unterkünfte in Köln: Das Hotel Mado nahe der Zülpicher Straße.

Wie ist die Versorgungslage?

Eine Versorgung mit Internet, Endgeräten für Schüler, unter anderem Laptops, Drucker) in Zeiten von Homeschooling ist meist nicht vorhanden und müsste dringend angeschafft werden.

Wir sind der Meinung, dass dies zur Grundausstattung gehört und über das Sozialamt bzw. das Jobcenter finanziert werden müsste.

Enthüllt: Schockierende Mail über Zustände in Bayenthal

EXPRESS liegt zudem die flehende Mail eines Mitarbeiters an Minister Laumann vor.

In der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) in Köln-Bayenthal herrschen demnach unhaltbare Zustände, „die das Leben der Geflüchteten in Gefahr bringen und sie in menschenunwürdiger Weise der Bedrohung durch das Corona-Virus aussetzen.“

O-Ton: „Familien, schwangere Frauen, Alleinstehende, auch Kranke und ältere Menschen müssen zum Teil schon seit Monaten in einer Containerunterkunft ausharren, die eigentlich nur für einen kurzen Aufenthalt vorgesehen ist.

In dieser Unterkunft leben etwa 480 Menschen in unerträglicher Enge und Nähe zueinander. (...)

Was die Geflüchteten schildern, widerspricht einem verantwortungsvollem Gesundheitsschutz vollständig.

Verpflegungssituation

Die Mahlzeiten müssen von allen in einem einzigen Raum eingenommen werden, wobei für jede Mahlzeit ein Zeitfenster von 1,5 - 2 Stunden zur Verfügung steht.

Die Tische stehen dicht beieinander und es wird selbst hochschwangeren Frauen oder Familien mit kleinen Kindern nicht gestattet, das Essen mit auf das Zimmer zu nehmen.

Die Frauen erzählen uns, dass sie aus Angst vor Ansteckung die Mensa nicht mehr aufsuchen, sondern versuchen, von dem wenigen Taschengeld (105 € für eine vierköpfige Familie pro Woche) für sich und die Kinder Nahrungsmittel zu kaufen, die sie dann – natürlich ohne Kochmöglichkeit – auf den Zimmern einnehmen.

Wohnsituation

In der Familienabteilung bewohnt jede Familie – auch fünf Personen oder mehr – ein Container-Segment von 12 qm, Alleinstehende teilen sich ein solches Segment zu vier Personen. Es fehlt an der notwendige Ausrüstung für Neugeborene, selbst die Zubereitung von Warmwasser ist verboten.

10 Familien – also 40 bis 50 Personen - teilen sich 4 Toiletten und 4 Duschen. Die sanitären Anlagen sind unzumutbare Infektionsorte; sie werden zwar einmal täglich oberflächlich gereinigt, nicht aber Flächen und Griffe desinfiziert.

Desinfektionsspender gibt es, aber sie sind meistens leer.

Masken stehen nur für das Personal zur Verfügung, nicht für die Bewohner.

Die Spielangebote für Kinder sind eingestellt, schulische Angebote gab es noch nie, die Außenanlage ist viel zu klein und bietet den Kindern keine Bewegungsmöglichkeit.

Die Rat suchenden Frauen und alle Menschen in der Einrichtung haben Angst vor Ansteckung, können aber die empfohlenen Schutzmaßnahmen nicht umsetzen. Es fehlt z.B. die Möglichkeit Abstand zu halten.

Untragbare Quarantänemaßnahmen 

Aus anderen Landeseinrichtungen, u.a. Bielefeld und Königswinter ist bekannt, was das im Fall einer Quarantäne bedeutet: Die Menschen dürfen ihre Zimmer nicht mehr verlassen, sie bekommen das Essen gebracht, aber keine Getränke, nicht mal Teebeutel. Sie können sich nichts mehr selbst kaufen, keine ergänzenden Nahrungsmittel für die Kinder, zusätzliche Seife etc.

Was aber das Schlimmste ist, sie können keine Handy-Karten kaufen und sind dadurch völlig von der Außenwelt abgeschnitten.

Die Einrichtungen bieten nur eine medizinische Mindestversorgung, externe Ärzte können nicht mehr aufgesucht werden und auch keine Beratungsstellen, keine Unterstützer, die die Herkunftssprache sprechen.

Die Stimmung ist jetzt schon sehr aufgeladen, voller Konflikte und Aggressionen. Wie soll im Fall einer Quarantäne noch Schutz vor häuslicher Gewalt erreicht werden? Wie soll das Kindeswohl geschützt werden?

Das Beispiel Köln-Bayenthal steht für alle Landesunterkünfte. Die Gesundheitsvorsorge und die Sicherheit der dort lebenden Menschen wird nicht gewährleistet, darum die Forderung: Bringen Sie die Geflüchteten dezentral unter. Sie bedürfen in der Coronasituation unserer besonderer Fürsorge. Handeln Sie bitte, bevor wir eine ähnliche Situation wie bei Westfleisch bekommen.“

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