Patient (90) hat letzten Wunsch  Düren: Mutter & Tochter gehen auf unglaubliche Reise

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Düren – Es ist eine dieser Geschichten, die ans Herz gehen. Die zwischen Hunger, Gewalt, Pandemien und Streit noch an das Gute im Menschen und in der Welt glauben lassen. Es ist die Geschichte von Mutter Miri (51) und Tochter Jamie D. (22) – zwei Pflegerinnen aus Disternich (Kreis Düren), die es einfach nicht übers Herz brachten, den letzten Wunsch von einem ihrer Patienten unerfüllt zu lassen.

Kreis Düren: Pflegerinnen erfüllen emotionalen letzten Patienten-Wunsch

„Er wohnt seit zehn Jahren in dem Altersheim. Trotzdem hat er nie mit jemandem über seine Vergangenheit gesprochen. Das weiß ich von den Mitarbeitern”, sagt Miri im EXPRESS-Gespräch über den 90-jährigen Mann, der sie und ihre Tochter zu einer unglaublichen Reise motivierte.

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Tochter Jamie (l.) und Mutter Miri brachten zusammen eine unglaubliche Aktion zustande.

Die beiden Frauen sind als Pflegerinnen bei der Firma Felten Personalservice (Sitz in Herdecke, NRW) angestellt, werden zeitweise an Altersheime oder Krankenhäuser vermittelt, wenn Personal benötigt wird. „Wir sind Pflegekräfte mit Herz, das Motto 'Persönlich, menschlich, nah' (Slogan der Firma, d. Red.) wird bei uns im Alltag wirklich gelebt”, so D. weiter.

Bewohner (90) vertraut sich Pflegerinnen im Altersheim an

Und die Nähe kommt an: Im Juli 2020 vertraut sich Bewohner -Altenheim-Bewohner Klaus C. (Namen geändert) der 51-Jährigen an. Mit Tränen in den Augen erzählt er ihr von seinem letzten Wunsch: einmal am Grab seines Bruders (†1945) stehen und trauern dürfen.

Klaus C. ist mit Jahrgang 1930 klassisches Kriegskind, war in der Hitlerjugend. Bei Kriegsende 1945 ist er 15 Jahre alt. „Er sagte, er sei am Anfang stolz gewesen, in der Hitlerjugend zu sein. Erst mit der Zeit hat er gemerkt, was wirklich dahinter steckte”, erzählt D. aus dem persönlichen Gespräch.

Bruder fällt 1945 im Alter von gerade einmal 19 Jahren

Doch noch mehr als seine eigene Geschichte treibt den 90-Jährigen das Schicksal seines Bruders um. Er, Stefan, ist fünf Jahre älter und zieht in den Krieg. Im Januar 1945 fällt er im Alter von gerade einmal 19 Jahren in der verheerenden Schlacht im Hürtgenwald (Nordeifel), wie 12.000 weitere Deutsche und 12.000 US-Amerikaner.

„Er hat erzählt, wie sehr er seinen Bruder vermisst”, sagt D. Und: Seit 75 Jahren konnte er das Grab des Verstorbenen nicht besuchen. Weil – wie bei vielen Gefallenen des 2. Weltkriegs – die genaue Ruhestätte nicht bekannt war. Bis jetzt!

Grab des Bruders (†19) liegt nicht in Deutschland, sondern in Belgien

„Ich habe das alles abends meiner Tochter erzählt. Und für uns war klar: Wir müssen etwas tun”, so die 51-Jährige. Da Geburts- und Todesdatum des Verstorbenen bekannt sind, kann die Suche beginnen. Und tatsächlich: Nach unzähligen Telefonaten und eigenen Recherchen im Netz gibt es ein Ergebnis.

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Der Soldatenfriedhof in Lommel (Belgien) ist etwa 16 Hektar groß,. fast 40.000 gefallene Deutsche sind hier begraben.

Stefan C. ist in Lommel (Belgien) begraben. Dort, im Norden des Landes, befindet sich der größte deutsche Soldatenfriedhof Westeuropas; knapp 40.000 deutsche Gefallene sind hier auf 16 Hektar beigesetzt.

23. Juli 2020: Die emotionale Reise nach Lommel beginnt

Am 23. Juli beginnt die Reise, die Miri und Jamie wohl nie vergessen werden. Sie müssen sie alleine antreten, weil der Gesundheits-Zustand von C. eine Reise nicht mehr erlaubt. Doch sein letzter Wunsch soll erfüllt werden.

Mit dem Auto fahren sie die drei Stunden nach Lommel. In Block 6 liegt das gesuchte Grab, auch die Reihe ist bekannt. Eine „blinde” Suche wäre bei 40.000 Gräbern zum Scheitern verurteilt gewesen.

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Die beiden Pflegerinnen legen Blumen am Grab nieder und halten inne. „Im Stillen habe ich mit dem Verstorbenen gesprochen und ihm gesagt, dass ich im Namen seines Bruders hier bin und er ihn sehr liebt und vermisst”, erzählt D. dem EXPRESS. Ein emotionaler Moment, der einen Tag später (24. Juli) noch getoppt wird.

Überraschung: Collage mit Bildern an Patienten übergeben

Dann überraschen Mutter und Tochter den 90-Jährigen im Altersheim mit einer Collage der Bilder; er wusste bis dato von der Aktion nichts. „Jetzt weiß ich, dass es Engel gibt”, sagt der Bewohner, bevor er in Tränen ausbricht und die Frauen in den Arm nimmt.

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Mit diesem Brief und einer Collage aus den Bildern vom Grab überraschten Mutter und Tochter den 90-Jährigen.

„Die ganze Aktion hat sich definitiv gelohnt. Ich glaube, wir machen viel Gutes, aber das war etwas ganz Besonderes”, so Miri. 

Der letzte Wunsch ist erfüllt, wenn auch „nur” stellvertretend. Die Erinnerung an seinen Bruder kurz vor dem eigenen Tod so frisch wie eh und je. Und ja, das rückt auch das eigene Leben wieder in Perspektive, wie der 90-Jährige seinen beiden „Engeln” schon berichtete: „Jetzt kann ich in Ruhe sterben.”

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