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Der Tag, der alles veränderteWie drei Kölner den 9/11-Horror in New York überlebten

Rauch steigt aus den brennenden Zwillingstürmen des World Trade Center auf.

Copyright: Richard Drew/AP/dpa

Rauch steigt aus den brennenden Zwillingstürmen des World Trade Center auf, nachdem am 11. September 2001 entführte Flugzeuge in die Türme in Manhattan geflogen sind.

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Einer von ihnen war nur Stunden zuvor auf den Türmen. Ein anderer rannte um sein Leben, als das Inferno begann. Die dramatischen Erlebnisse von drei Kölnern am 11. September in Manhattan.

Ein gewaltiger Aufprall zerstört um 8.46 Uhr Ortszeit die friedliche Morgenstimmung in New York. Der American-Airlines-Flug 11 ist in den Nordturm vom World Trade Center gekracht. An der First Avenue wird es in einem Café schlagartig still. Fernsehbildschirme zeigen, wie dunkler Qualm aus dem Hochhaus strömt. Kurz darauf züngeln erste Flammen aus der Fassade. 

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ erinnert an den 11. September 2001 und wie ihn drei Kölner in New York erlebt haben.

Mitten im Chaos: „Es schneit“

An dem Tag sitzt Walther von Donat im Madison, seinem Lieblingscafé. Er vermutet erst ein Unglück, vielleicht ein Feuer. Doch dann meldet CNN ein Flugzeug im Hochhaus. Sofort verlässt von Donat das Lokal. Er beobachtet, wie Ambulanzen Richtung Süden eilen und Leute an geparkten Wagen den Radionachrichten zuhören. Die nahe Feuerwache ist wie leer gefegt, sämtliche Fahrzeuge sind ausgerückt.

Tim Stinauer kommt zur gleichen Zeit mit seinem Freund Eric per U-Bahn an der Wall Street an. Ein Niederschlag aus Staub und Papier empfängt sie beim Aussteigen. „Es schneit“, scherzt Stinauer noch. Doch dann erblicken sie die riesige Qualmwolke und rennen zum World Trade Center.

Sein Freund schreit: „Ein Flugzeug! Ein Flugzeug! Das gibt es ja gar nicht!“. Fassungslos sieht Stinauer, wie Teile vom Hochhaus abbrechen und etwas Unfassbares geschieht: Sind das wirklich Menschen, die an der Außenwand in die Tiefe stürzen?

Währenddessen ist Christian Solmecke schon unterwegs nach Boston. Erst am Tag zuvor stand er oben auf dem World Trade Center. Er schoss Bilder und genoss den Ausblick. New York war für den damals 27-Jährigen das Highlight seines Trips an die US-Ostküste. Die Reise war ein Geschenk seiner Freundin, die heute seine Frau ist, für das erfolgreich absolvierte Erste Staatsexamen. Auf dem Programm standen Boston, die Niagara-Fälle und das World Trade Center.

Eigentlich war der Besuch der Türme für den 11. September geplant, doch sie disponierten kurzfristig um und fuhren schon einen Tag früher hoch. Seine Frau, so erzählt Solmecke, der heute als Honorar-Professor für IT-Recht tätig ist, habe danach häufig über Vorsehung und Schicksal gegrübelt.

Christian Solmecke hält seine Freundin im Arm, beide posieren am Gelände des World Trade Centers.

Copyright: Christian Solmecke

Der Kölner Anwalt Christian Solmecke und seine Freundin waren am 10. September 2001 auf dem World Trade Center. Eigentlich wollten die beiden einen Tag später auf die Plattform der Twin Towers, haben aber kurzfristig umgeplant.

Er selbst sei da nüchterner, „der Typ Mensch mit Mathematik und Physik als Leistungskurs“ in der Schulzeit. „Überall auf der Welt passieren Dinge“, habe er damals nur kurz gedacht, „mehr nicht“, blickt Solmecke zurück. Er fügt hinzu: „Na ja, womöglich war das auch meine Art, das Unvorstellbare zu verstehen.“

9.03 Uhr: Der zweite Einschlag und die Massenpanik

Stinauer ist noch ungefähr 300 Meter vom World-Trade-Center entfernt und schaut in die entsetzten Gesichter der Menschen, als eine laute Detonation die Gegend erzittern lässt. Auch aus dem Südturm züngeln nun Flammen. Wie hunderte andere versucht der Kölner zu fliehen. Direkt neben ihm stürzen drei oder vier Personen und fallen übereinander. Es bricht eine panische Flucht aus.

Passanten starren fassungslos auf die rauchenden Türme des World Trade Center.

Copyright: Tim Stinauer

Passanten starren fassungslos auf die rauchenden Türme des World Trade Center.

„Gleich fallen dir Trümmer vor die Füße, treffen dich am Rücken, am Kopf. So schnell kann man doch gar nicht wegrennen!“, notierte Stinauer in sein Tagebuch. Der frühere Reporter für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ verfasste es während der Tage der Attacken und stellte es der Redaktion Jahre später bereit.

9.59 Uhr: Der Südturm stürzt ein

Inzwischen hat Walther von Donat seine Hotellobby erreicht und ist unterwegs zu einem Businesstermin. Eine gewaltige Rauchwolke verschlingt die Straßenzüge. Leute liegen sich weinend in den Armen, so beschrieb der 85-jährige Unternehmer aus Odenthal bei Köln die Geschehnisse von damals vor einigen Jahren gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, nicht lange vor seinem Tod.

Er sagte: „Merkwürdigerweise verspürte ich überhaupt keine Angst“. Flug 77 schlägt um 9.37 Uhr ins Pentagon ein, und um 9.59 Uhr kollabiert der Südturm. Auf der Fifth Avenue sieht von Donat Menschenmassen, die von Downtown nordwärts ziehen. Ihr Marsch ist still und diszipliniert. Lower Manhattan verschwindet hinter ihnen in einer Wolke aus Staub und Qualm.

Walther von Donat, der mittlerweile leider gestorben ist, hat den 11.September in Manhatten miterlebt.

Copyright: Christopher Arlinghaus

Walther von Donat, der mittlerweile leider gestorben ist, hat den 11.September in Manhatten miterlebt.

Staub, Asche, Papiere und Schuhe bedecken den Asphalt. Der Journalist Stinauer flüchtet zum Hudson River, wo ihn innerhalb von Momenten eine riesige Staubwolke einhüllt. Um ihn herum herrscht Orientierungslosigkeit, niemand weiß, wohin. Instinktiv rettet sich Stinauer auf ein kleines Boot. Mit dem T-Shirt vor Mund und Nase gepresst, duckt er sich in eine Ecke. Sein Tagebucheintrag lautet: „In diesem Moment stand ich die größte Angst meines Lebens aus“. Eine Beamtin erkundigt sich, ob er wisse, wie man das Wasserfahrzeug steuert. Stinauer erwägt sogar, ins Wasser zu springen und zu versuchen, den Fluss zu durchschwimmen.

Flucht übers Wasser und die schreckliche Nachricht

Während Stinauer im Staub kauert und von Donat durch Manhattan irrt, ist Solmecke schon auf der Fahrt nach Boston. Im Radio reden die Moderatoren hastig und nervös. Er und seine Frau hören die Worte: „Oh my God, they collapsed“. Diese Nachricht ist so unglaublich, dass sie es für einen Irrtum halten. „Wir dachten, das haben wir bestimmt falsch verstanden, weil wir noch nicht so gut Englisch gesprochen haben - die Türme können ja schließlich nicht zusammengebrochen sein.“

Das Boot, auf das Tim Stinauer geflüchtet war, legt inzwischen ab. Weg aus dem gefährlichen Bereich. Der Kölner denkt bei sich: „Du hast es geschafft. Du lebst noch, du bist in Sicherheit“. Doch bevor sie Jersey City erreichen, ertönt ein gewaltiges Grollen. Im Tagebuch steht: „Ein Turm des WTC (der erste? der zweite?) fiel in sich zusammen“.

Staubbedeckte Menschen sitzen an der Uferpromenade des Hudson River.

Copyright: Tim Stinauer

Staubbedeckte Menschen sitzen an der Uferpromenade des Hudson River.

Einen Tag nach den Attacken sitzt Stinauer auf einer Bank im Park in Morningside Heights. Helikopter und Kampfjets überfliegen nun die Metropole. Jedes Geräusch versetzt ihn kurzzeitig in Panik, sogar das Rumpeln der U-Bahn macht den jungen Mann nervös. Trotzdem möchte Stinauer die geplanten zehn Tage in der attackierten Stadt verbringen. Er notiert auch, dass er sich ein wenig vor dem Flug nach Hause fürchtet.

Ein verändertes Amerika und gespenstische Stille

Zuerst setzen Solmecke und seine Freundin ihre Tour durch ein gewandeltes Amerika fort. Das Paar bemerkt überall Symbole der Solidarität. Auf den typischen Anzeigetafeln, wo Läden, Schulen, Kinos oder Ämter sonst Aktuelles bekannt geben, ist nun einheitlich zu lesen: „In God We Trust“.

Rund 14 Tage danach kommen die beiden wieder nach New York. Da der Holland Tunnel nicht passierbar ist, nächtigt das junge Paar in New Jersey. Ihr Hotel ist voller Einsatzkräfte der Feuerwehr. Von ihrem Zimmer blicken sie abends auf die angestrahlten Qualmwolken über Ground Zero, dem, was von den Twin Towers übrig blieb. „Das war schon gespenstisch“, meint Solmecke. „Etwas, das mich sprachlos gemacht hat“.

Zurück an den Ort des Terrors: Der Kölner Rechtsanwalt Christian Solmecke ist 2022 noch einmal in New York gewesen und auf das One World Trade Center gestiegen.

Copyright: Christian Solmecke

Zurück an den Ort des Terrors: Der Kölner Rechtsanwalt Christian Solmecke ist 2022 noch einmal in New York gewesen und auf das One World Trade Center gestiegen.

Tags darauf reist das Paar nach Manhattan, der Tunnel ist wieder befahrbar. Der Staub bedeckt weiterhin die Läden und Gehwege, viele Orte sind nur zu Fuß zugänglich. Eine beklemmende Ruhe hat die frühere Geschäftigkeit und das laute Treiben ersetzt. Die Metropole wirkt wie in schmutzige Watte gepackt. Gleichzeitig erfährt Solmecke den großen Zusammenhalt der US-Bürger.

„Das hat mich bis heute nachhaltig beeindruckt“, sagt er. Die Leute wirkten schockiert, aber zugleich auch resolut und abwehrbereit. Auf dem Times Square versammeln sich Menschen, um einer Fernsehansprache von George W. Bush zu folgen. Solmecke möchte ebenfalls verstehen, was der amerikanische Präsident mitteilt, und gesellt sich dazu. Er erinnert sich: „Und dann war mir klar: Wir befinden uns im Krieg.“ (red)

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