Die Tage werden kürzer, die Nächte länger und plötzlich hängen in Köln wieder Spinnweben in den Schaufenstern. Halloween steht vor der Tür.
Lust auf Gänsehaut?Warum wir uns manchmal gruseln müssen, um etwas zu fühlen

Copyright: Louisa Noack / Montage
In ihrer Kolumne „Liebe. Leben. Köln.“ schreibt Louisa Noack über Liebe, Beziehungen und die kleinen Geschichten, die das Leben in Köln jeden Tag bereithält. Warum wir uns an Halloween freiwillig erschrecken lassen und was das mit dem Mut zu tun hat, sich auf echte Gefühle einzulassen.

Wir verkleiden uns als Monster, schauen Horrorfilme und bezahlen sogar Geld dafür, uns erschrecken zu lassen. Aber warum eigentlich? Vielleicht, weil wir manchmal ein bisschen Angst brauchen, um uns wieder richtig lebendig zu fühlen.
Ich gebe zu: Ich liebe den Herbst. Dieses Rascheln der Blätter, den Geruch von Regen, die ersten Abende, an denen man ohne schlechtes Gewissen auf dem Sofa versacken darf. Und dann kommt Halloween. Plötzlich laufen erwachsene Menschen mit Kunstblut im Gesicht durch Köln, bestellen Cocktails mit Namen wie „Bloody irgendwas“ und freuen sich darauf, dass ihnen in irgendeinem Gruselkabinett jemand einen ordentlichen Schrecken einjagt. Verrückt eigentlich. Wir verbringen den größten Teil unseres Lebens damit, unangenehme Gefühle zu vermeiden, und an Halloween stellen wir uns freiwillig dafür an. Manchmal sogar mit VIP-Ticket.
Natürlich musste ich darüber mit Zoe, 19, meiner Gen-Z-Expertin, sprechen. Sie liebt Halloween. „Es geht doch gar nicht nur ums Gruseln“, erklärte sie mir. „Du kannst dich verkleiden, jemand ganz anderes sein und mit deinen Freunden eine richtig gute Nacht haben.“ Ich musste grinsen. Während wir Erwachsenen ständig darüber nachdenken, wie wir auf andere wirken, ziehen sich junge Menschen einfach ein Vampirgebiss rein und haben Spaß. Vielleicht ist das schon die erste Lektion: Nicht immer alles so verdammt ernst nehmen. Und manchmal ist es sogar ganz befreiend, für einen Abend jemand anderes zu sein.
Psychologisch ist das Ganze ziemlich spannend. Wenn wir uns erschrecken, reagiert unser Körper mit Alarmbereitschaft. Das Herz schlägt schneller, Adrenalin wird ausgeschüttet, unsere Sinne werden geschärft. Und wenn wir gleichzeitig wissen, dass uns eigentlich nichts passieren kann, wird aus der Angst plötzlich ein aufregendes Erlebnis. Fachleute sprechen dabei auch von recreational fear, also der freiwillig gesuchten Angst. Wir erleben starke Gefühle in einem sicheren Rahmen. Und genau das kann Spaß machen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir beim Horrorfilm die Augen zuhalten und trotzdem zwischen den Fingern hindurchschauen.
Später erzählte ich Franco, dem italienischen Barbesitzer meines Vertrauens, von meinen Gedanken. Er lachte. „Louisa, die Leute brauchen doch gar kein Halloween, um sich zu gruseln. Manchmal reicht schon ein erstes Date.“ Ich musste laut lachen. Aber natürlich hatte er einen Punkt. Denn beim Verlieben passiert körperlich manchmal etwas ganz Ähnliches. Herzklopfen, feuchte Hände, ein flaues Gefühl im Magen. Wir wissen nicht, was kommt, verlieren ein bisschen die Kontrolle und hoffen trotzdem, dass es gut ausgeht. Nur dass wir beim Horrorfilm ziemlich sicher sein können, dass der Abspann irgendwann kommt. Bei der Liebe ist das bekanntlich komplizierter.
Und vielleicht steckt genau darin etwas, das wir im Alltag zunehmend verlieren: die Bereitschaft, uns auf Gefühle einzulassen, die wir nicht vollständig kontrollieren können. Wir planen unsere Wochenenden, optimieren unsere Beziehungen, sortieren Menschen nach Dating-Profilen und möchten am liebsten schon vorher wissen, ob sich ein Risiko lohnt. Bloß keine Enttäuschung. Bloß keine Unsicherheit. Bloß nicht verletzlich sein. Dabei gehören auch diese Gefühle zum Leben. Wer sich nie traut, Angst zu haben, verpasst manchmal auch das Kribbeln davor. Und wer sich niemals verletzlich zeigt, macht es anderen schwer, wirklich näherzukommen.
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Natürlich bedeutet das nicht, dass wir uns ständig in unangenehme Situationen bringen sollten. Angst ist schließlich auch ein wichtiges Warnsignal. Aber es gibt einen Unterschied zwischen echter Gefahr und dem aufregenden Gefühl, etwas Neues zu wagen. Zwischen einer Grenze, die wir schützen müssen, und einer Komfortzone, die wir gelegentlich verlassen dürfen.
Deshalb kommt hier mein heißer Tipp für diese Woche: Lass dich ruhig ein bisschen auf Halloween ein. Ob bei einer Gruselparty, einem Horrorfilmabend oder einem nächtlichen Spaziergang durch Köln. Schnapp dir deine Freunde, dein Date oder den Menschen, dessen Hand du beim nächsten Schreckmoment besonders gerne festhalten möchtest. Du musst dich dafür nicht gleich in eine blutverschmierte Zombie-Braut verwandeln. Obwohl ich zugeben muss: Das wäre zumindest mal ein ungewöhnlicher Einstieg beim ersten Date. Warum nicht in die Wolkenburg? Die Party ist - so finde ich - jedes Jahr spektakulär.

Copyright: Nils Krüger / Offenblende
Gruseln kann auch richtig Spaß machen. Eine Nacht in der Wolkenburg bringt auf jeden Fall mal richtig Abwechslung.
Und falls du Halloween eigentlich überhaupt nicht magst, habe ich noch einen Gedanken für dich: Vielleicht müssen wir gar nicht immer mutiger werden. Vielleicht reicht es manchmal schon, wieder mehr zu fühlen. Zu lachen, zu staunen, uns zu erschrecken, uns zu verlieben. Denn das Leben wäre doch ziemlich langweilig, wenn wir immer schon vorher wüssten, was hinter der nächsten Tür wartet.

