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Ich kenne diese SchamSonja Baum über Grenzen, Macht und die Schuldfrage

Copyright: Laura Thomas

Sonja Baum steht in „Prima Facie“ am Theater im Bauturm als Strafverteidigerin Tessa Ensler auf der Bühne. Ihr Monolog ist beeindruckend - und lässt die Zuschauenden zwischen Betroffenheit und Scham mitfühlen.

Ich habe lange nicht mehr einen Theaterabend erlebt, der mich so beschäftigt hat wie „Prima Facie“ am Theater im Bauturm. Sonja Baum steht 90 Minuten allein auf der Bühne. Ihre schauspielerische Leistung ist beeindruckend. Aber es ist nicht nur die Performance, die in starker Erinnerung bleibt.

Es sind Fragen nach Grenzen, Macht und der Schuld, die Betroffene von sexueller Gewalt so häufig bei sich selbst suchen. Ein Thema, das mir auch als Sexualtherapeutin immer wieder begegnet. In Suzie Millers Stück spielt sie die erfolgreiche Strafverteidigerin Tessa Ensler. Sie kennt die Regeln vor Gericht – bis sie selbst sexuelle Gewalt erlebt und das Rechtssystem aus einer anderen Perspektive kennenlernt.

Die Schilderung der Tat bleibt auch für die Schauspielerin eine Herausforderung. Schon beim Textlernen habe sie bemerkt, wie sie der Passage ausweicht. Auf der Bühne versucht sie, das Geschehen zu beschreiben, ohne jede Emotion zusätzlich aufzuladen. Trotzdem: „Ich merke aber , dass das irgendwo bei mir landet. Es macht so einen Bogen zu mir zurück.“

Wenn aus Grenzüberschreitungen Selbstvorwürfe werden

Im Gespräch erzählt Sonja Baum auch von eigenen Erfahrungen mit übergriffigem Verhalten. Privat- ja - und auch beruflich. Letzteres ist deshalb besonders schwierig, weil es sich meistens um Machtverhältnisse handelt, vor 20 Jahren noch viel mehr als heute. „Da ist es nicht so leicht Grenzen zu setzen, zumindest nicht ohne Konsequenzen zu fürchten.“  Und wenn wenig Handlungsspielraum da ist – vielleicht kommen sie dann, die Selbstzweifel? Sie stellt klar, dass sie selbst keine Vergewaltigung erlebt habe. Doch verschwommene Grenzen kenne sie gerade aus ihrem Beruf – und die Selbstzweifel danach: Habe ich etwas ausgestrahlt? Habe ich mich falsch verhalten?

„Man sucht die Schuld ja sofort bei sich.“

Dabei denke ich selbst an eine Bekannte, die mir von ihrer Zeit bei einem großen öffentlich-rechtlichen Rundfunksender erzählt hat. Sie war damals Mitte 20. Nach ihrer Erinnerung habe ein Vorgesetzter sinngemäß gesagt, sie gehe mit allen aus, nur nicht mit ihm. Würde sie mit ihm ausgehen, könne sie dort beruflich etwas werden. Beschwert habe sie sich nicht. Sie habe befürchtet, anschließend selbst als Problem zu gelten. Genau diese Sorge ist mir im Gedächtnis geblieben: Nicht nur die Grenzüberschreitung beschäftigt einen, sondern auch die möglichen Folgen, wenn man sie anspricht.

Grenzen ausdrücken – und respektieren

Sonja Baum beobachtet bei jungen Frauen heute mehr Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, deutlich zu sagen: bis hierhin. Doch sie ergänzt: „Aber das sind bestimmt längst nicht alle.“

Sie beschäftigt, wie früh Rollenbilder unser Gespür für eigene Wünsche und Grenzen prägen. Wenn die Mädchen das Reh auf dem T-Shirt tragen, ein Beute-Tier, Jungs hingegen den Löwen, ein Jagdtier? Vielleicht beginnt schon da das erste große Missverständnis? Und wie deutlich muss eine Frau sich dann eigentlich ausdrücken? Es ist doch mindestens genauso entscheidend, ob das gegenüber bereit ist, die Signale wahrzunehmen!

Die Schauspielerin fragt: „Eigentlich ist das Verhalten doch deutlich genug. Warum raffen die das in dem Moment nicht?“

„Prima Facie“ liefert keine fertigen Lösungen. Auch im Gespräch mit Sonja Baum bleiben Fragen offen. Doch sie will sich damit nicht zufriedengeben: „Das heißt ja nicht, dass man nicht trotzdem gucken muss: Wo sind kleine Stellschrauben?“

Das Stück „Prima Facie“ wird im Theater im Bauturm aufgeführt. Alle Infos und Spielzeiten gibt es hier:

hier zur Webseite des Theaters

Mich begleitet nach diesem Abend vor allem eine Frage: Warum suchen Menschen nach einer Grenzüberschreitung den Fehler bei sich – statt bei demjenigen, der ihre Grenze missachtet hat? Patriarchal geprägte Macht-Strukturen mit wenig Handlungsspielraum sind neben physischer Unterlegenheit sicher maßgebliche Aspekte.