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„Ich brauche Zeit für mich“Beziehungspause oder Trennung auf Raten?

Copyright: Louisa Noack /KI-generiert

Abstand statt Nähe: Eine Beziehungspause kann helfen, die eigenen Gefühle zu sortieren. Ohne klare Absprachen droht sie jedoch schnell zur Trennung auf Raten zu werden.

Man ist noch zusammen, irgendwie. Nur sehen, hören und lieben soll man sich erst einmal weniger. Kann eine Beziehungspause tatsächlich eine Liebe retten oder verschiebt sie nur das Ende? 

Ich brauche gerade ein bisschen Zeit für mich.“ Puh. Es gibt Sätze, bei denen in einer Beziehung sofort sämtliche inneren Alarmanlagen anspringen. Denn was bedeutet das jetzt? Ein paar Tage Ruhe? Vier Wochen Abstand? Darf ich schreiben? Darf ich jemand anderen küssen? Und vor allem: Sind wir eigentlich noch zusammen?

Ich erlebe in Gesprächen immer wieder, dass Menschen eine Beziehungspause völlig unterschiedlich verstehen. Für den einen ist sie eine echte Chance: raus aus festgefahrenen Konflikten, Gedanken sortieren, herausfinden, was man selbst eigentlich noch möchte. Für den anderen ist sie bereits der erste Schritt zur Trennung, nur eben ohne das endgültige Wort aussprechen zu müssen. Und genau da liegt das Problem. Nicht der Abstand ist gefährlich. Die Unklarheit ist es.

Abstand kann helfen – aber er löst kein Problem

Eine Pause klingt zunächst verführerisch. Wenn jedes Gespräch im Streit endet, wenn man sich gegenseitig nur noch auf die Nerven geht oder seit Monaten dieselben Probleme diskutiert, scheint Distanz plötzlich die Lösung zu sein. Erst einmal runterkommen. Sich vermissen. Vielleicht merken, was man aneinander hat.

Das kann funktionieren. Eine kleine qualitative Studie über Menschen in einer ungeklärten ehelichen Trennung fand durchaus Vorteile des zeitweisen Getrenntseins. Gleichzeitig beschrieben die Betroffenen die Situation aber als einsam und vor allem als mehrdeutig und auf Dauer nicht tragfähig. 

Das finde ich entscheidend: Abstand allein repariert keine Beziehung. Wenn wir vier Wochen nicht miteinander sprechen und danach genau dort weitermachen, wo wir aufgehört haben, hatten wir keine Beziehungspause. Wir hatten Urlaub vom Problem.


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Eine sinnvolle Pause braucht deshalb einen Zweck. Wollen wir herausfinden, ob wir uns vermissen? Soll jeder überlegen, ob er die Beziehung noch möchte? Müssen wir aus einer eskalierenden Konfliktdynamik heraus? Oder braucht einer schlicht mehr persönlichen Freiraum? Wer nicht weiß, wofür er eine Pause macht, wird hinterher kaum beurteilen können, ob sie etwas gebracht hat.

„Wir schauen einfach mal“ ist keine gute Vereinbarung

Noch wichtiger sind klare Regeln. Das klingt wenig romantisch, aber Beziehungspausen brauchen erstaunlich viel Organisation. Wie lange dauert sie? Haben wir Kontakt? Sehen wir uns? Was erzählen wir Freunden und Familie? Und die Frage, die gern umkreist wird wie ein heißer Kochtopf: Dürfen wir in dieser Zeit mit anderen Menschen schlafen oder daten?

Es gibt darauf keine allgemeingültige richtige Antwort. Aber es muss eine gemeinsame geben. Denn wenn einer vier Wochen lang glaubt, man ziehe sich zurück, um die Beziehung zu retten, während der andere Tinder installiert, haben wir anschließend wahrscheinlich ein größeres Problem als vorher. Eine Pause darf nicht bedeuten, dass einer alle Freiheiten eines Singles bekommt, während der andere emotional in einer Beziehung wartet.

Forschung zu Beziehungsambivalenz passt ziemlich gut zu diesem Problem. Menschen, die gleichzeitig starke Gründe fürs Bleiben und fürs Gehen sehen, schwanken stärker in ihrem Commitment und denken häufiger über eine Trennung nach. Ihre Entscheidung wird zudem stärker davon beeinflusst, ob der jeweilige Tag mit dem Partner gerade gut oder schlecht läuft. 

Wann die Pause zur Trennung auf Raten wird

Misstrauisch würde ich werden, wenn es überhaupt kein Ziel und kein Ende gibt. „Ich melde mich irgendwann“ ist keine Beziehungspause, mit der beide vernünftig arbeiten können. Es versetzt einen Menschen in eine Warteschleife.

Auch wenn ausschließlich einer die Pause möchte und gleichzeitig keinerlei Bereitschaft besteht, über die Probleme der Beziehung zu sprechen, lohnt sich ein genauer Blick. Manchmal steckt hinter „Ich brauche Zeit“ tatsächlich etwas anderes: Ich weiß nicht, ob ich dich noch will, aber ich traue mich auch noch nicht, dich loszulassen.

Das ist menschlich. Eine Trennung ist schließlich keine Excel-Entscheidung, bei der man Vor- und Nachteile addiert und anschließend auf „Speichern“ klickt. Forschung zeigt sogar, wie verbreitet dieses innere Hin und Her sein kann. Die Psychologin Samantha Joel und Kollegen fanden, dass Ambivalenz zwischen Bleiben und Gehen mit stärkeren täglichen Schwankungen im Beziehungs-Commitment verbunden ist.  Nur darf die eigene Unsicherheit nicht dazu führen, dass der Partner wochen- oder monatelang in einem emotionalen Niemandsland lebt.

Vorsicht vor der On-off-Schleife

Eine Pause ist außerdem etwas anderes als das berühmte Schlussmachen-und-wieder-Zusammenkommen. Solche zyklischen Beziehungen sind keineswegs exotisch. In einer bekannten US-Studie mit 445 Studierenden berichteten fast zwei Drittel, schon mindestens eine On-off-Beziehung erlebt zu haben. Die On-off-Partnerschaften waren häufiger von Unsicherheit und Kommunikationsproblemen geprägt; je häufiger Paare sich trennten und wieder zusammenkamen, desto mehr negative und desto weniger positive Beziehungsmerkmale berichteten sie. Die Untersuchung bezog sich allerdings auf junge US-Erwachsene und lässt sich deshalb nicht einfach auf alle Paare übertragen. 

Das bedeutet nicht, dass ein Paar nach einer Trennung niemals wieder glücklich werden kann. Aber „Wir vermissen uns“ ist noch keine Lösung für das Problem, wegen dem wir uns getrennt haben. Genau deshalb würde ich nach einer Pause nicht zuerst fragen: Hast du mich vermisst? Sondern: Was machen wir ab jetzt anders?

Fünf Fragen, bevor ihr auf Pause drückt

Bevor ein Paar Abstand vereinbart, würde ich fünf Dinge unbedingt klären: Warum brauchen wir diese Pause? Wie lange dauert sie? Wie viel Kontakt haben wir? Sind Dates oder Sex mit anderen erlaubt? Und wann setzen wir uns wieder zusammen und treffen eine Entscheidung?

Gerade die letzte Frage ist wichtig. Eine Pause braucht einen Endpunkt. Das muss nicht bedeuten, dass danach automatisch die Entscheidung „zusammen oder getrennt“ innerhalb von fünf Minuten fallen muss. Aber beide sollten wissen, wann sie wieder miteinander sprechen. Denn eine Beziehung ist keine Hotelreservierung, die man beliebig auf „später“ verschieben kann.

Wenn ihr alleine nicht mehr aus der Schleife kommt

Manchmal wünschen sich Paare eine Pause, weil Gespräche inzwischen sofort eskalieren oder sie selbst nicht mehr unterscheiden können, ob sie voneinander Abstand oder wirklich ein Ende brauchen. Genau an diesem Punkt kann ein neutraler Blick von außen helfen. In meiner Praxis begleite ich Paare und Einzelpersonen dabei, solche Beziehungskrisen zu sortieren. Informationen gibt es unter www.kommwirreden.de.

Das Ziel einer Beratung muss übrigens nicht immer lauten, eine Beziehung um jeden Preis zu retten. Manchmal besteht Klarheit auch darin, zu erkennen, dass zwei Menschen nicht mehr dasselbe wollen.

FAQ: Beziehungspause

Wie lange sollte eine Beziehungspause dauern?Eine wissenschaftlich festgelegte ideale Dauer gibt es nicht. Wichtiger als eine bestimmte Zahl von Tagen ist ein gemeinsam vereinbarter Zeitraum mit einem konkreten Termin, an dem wieder miteinander gesprochen wird.

Sollte man während einer Beziehungspause Kontakt haben?Das hängt davon ab, weshalb die Pause gemacht wird. Entscheidend ist, dass beide dasselbe darunter verstehen. Tägliche Guten-Morgen-Nachrichten passen schlecht zu einer Pause, in der man bewusst erfahren möchte, wie sich echter Abstand anfühlt.

Darf man während einer Beziehungspause andere daten?Nur wenn das vorher ausdrücklich vereinbart wurde. Schweigen ist hier keine Zustimmung. Wer davon ausgeht, weiterhin exklusiv zu sein, erlebt ein Date oder Sex mit jemand anderem möglicherweise als Fremdgehen.

Kann eine Beziehungspause eine Beziehung retten?Sie kann Raum schaffen, um Abstand zu gewinnen und Entscheidungen bewusster zu treffen. Forschung liefert aber keine einfache Regel nach dem Motto „Pause gleich Rettung“. Gerade wiederholte Trennungs- und Versöhnungszyklen sind in Studien mit mehr Unsicherheit und Beziehungsproblemen verbunden.

Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage gar nicht: Brauchen wir eine Pause? Sondern: Was wollen wir während dieser Pause herausfinden, das wir gerade gemeinsam nicht mehr erkennen können? Wer darauf keine Antwort hat, braucht womöglich nicht mehr Abstand. Sondern mehr Ehrlichkeit.

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