Ein nettes Gespräch an der Hotelbar, ein längerer Blick am Pool oder ein Cocktail mit der sympathischen Bekanntschaft vom Nachbartisch. Im Urlaub entstehen schnell neue Begegnungen. Doch wo hört harmloses Flirten auf und wo beginnt Untreue? Paar- und Sexualtherapeutin Louisa Noack erklärt, warum es darauf keine allgemeingültige Antwort gibt.
Heimlicher Urlaubsflirt!Harmloser Sommermoment oder Beginn einer Beziehungskrise?

Copyright: Louisa Noack / image generator pro
Ein kurzer Blick oder ein nettes Gespräch gehören für viele zum Urlaubsgefühl. Entscheidend ist nicht der Moment selbst, sondern welche Bedeutung Paare ihm geben.

Der Barkeeper kennt schon deinen Lieblingsdrink, die Sonne verschwindet langsam im Meer und am Nebentisch sitzt jemand, mit dem sich das Gespräch überraschend leicht entwickelt. Ihr lacht, erzählt euch von euren Reisen und merkt gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Vielleicht fragst du dich in diesem Moment: Ist das eigentlich noch in Ordnung?Gerade in den Sommermonaten höre ich diese Frage in meiner Praxis immer wieder. Nicht, weil Menschen im Urlaub automatisch untreuer werden, sondern weil Ferien etwas mit uns machen.
Urlaub verändert unseren Blick auf die Welt
Zu Hause bestimmen Termine, Arbeit, Haushalt und Verpflichtungen den Alltag. Im Urlaub fällt all das plötzlich weg. Wir schlafen länger, entdecken neue Orte, probieren ungewohntes Essen und erleben jeden Tag kleine Abenteuer. Diese Mischung sorgt dafür, dass wir entspannter, offener und kontaktfreudiger werden. Psychologen sprechen vom sogenannten Fresh-Start-Effekt: Neue Umgebungen geben uns das Gefühl, für einen Moment eine andere Version unserer selbst zu sein. Deshalb kommen wir am Strand, auf dem Campingplatz oder beim Abendessen oft leichter mit anderen Menschen ins Gespräch als im Alltag.
Flirten ist nicht automatisch Fremdgehen
Viele wünschen sich eine klare Grenze. Die gibt es allerdings selten. Für manche beginnt Untreue erst mit einem Kuss, für andere schon dann, wenn heimlich Nachrichten geschrieben oder emotionale Gespräche geführt werden, von denen der Partner nichts weiß. Studien zur Partnerschaft zeigen immer wieder, dass weniger die Handlung selbst entscheidend ist als das gemeinsame Verständnis davon, was in einer Beziehung erlaubt ist. Jedes Paar setzt seine eigenen Grenzen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn einer glaubt, Regeln stillschweigend verändern zu können.
Die entscheidende Frage lautet: Würdest du davon erzählen?
In meiner Praxis stelle ich oft eine ganz einfache Frage: Würdest du deinem Partner erzählen, dass du gestern Abend zwei Stunden mit dieser Person an der Hotelbar gesessen hast? Viele denken kurz nach. Und genau in diesem Moment liegt häufig die Antwort. Wer nichts verheimlichen muss, bewegt sich meist innerhalb der eigenen Beziehungsgrenzen. Wer dagegen sofort überlegt, wie sich die Begegnung möglichst unauffällig verschweigen lässt, sollte sich fragen, warum. Oft ist nicht der Flirt das eigentliche Problem, sondern die Heimlichkeit. Sie untergräbt Vertrauen lange bevor es überhaupt zu einem körperlichen Betrug kommt.
Verlieben wir uns wirklich in den anderen Menschen?
Interessanterweise sind es oft gar nicht die Menschen selbst, die uns im Urlaub faszinieren. Wir verlieben uns vielmehr in das Gefühl von Freiheit. Die Sonne, das Meer, der Abstand zum Alltag und die vielen neuen Eindrücke sorgen dafür, dass unser Gehirn vermehrt Dopamin ausschüttet. Dieses Glücksgefühl verbinden wir dann leicht mit der Person, die gerade neben uns sitzt. Nach der Rückkehr in den Alltag verliert so mancher Urlaubsflirt deshalb erstaunlich schnell seinen Zauber. Nicht selten war es weniger die große Liebe als vielmehr die besondere Stimmung, die so berauschend wirkte.
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Treue beginnt lange vor einem Kuss
Ich glaube nicht, dass Treue bedeutet, niemals einen anderen Menschen attraktiv zu finden. Das wäre unrealistisch. Entscheidend ist vielmehr, wie wir mit dieser Situation umgehen. Glückliche Paare sprechen offen darüber, was für sie in Ordnung ist und wo ihre persönlichen Grenzen liegen. Sie wissen, dass Vertrauen nicht erst dann entsteht, wenn Versuchungen ausbleiben, sondern wenn beide ehrlich miteinander umgehen.
Ein Urlaubsflirt muss deshalb keine Beziehungskrise sein. Er kann sogar Anlass sein, miteinander über Wünsche, Unsicherheiten und Erwartungen zu sprechen. Denn Treue beginnt nicht erst mit dem Nein zu einem anderen Menschen. Sie beginnt mit dem bewussten Ja zur eigenen Beziehung.

