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„Schaue anders auf den Fußball“ZDF-Kommentatorin über Katar-WM und Herzensverein FC

Claudia Neumann mit Headset auf der Tribüne.

Claudia Neumann am 18. September 2020 in der Münchner Allianz-Arena.

Claudia Neumann ist eine Pionierin auf dem Gebiet von Sport-Übertragungen. Im EXPRESS.de-Interview spricht sie unter anderem über die WM in Katar und ihren Herzensverein, den 1. FC Köln.

von Christof Ernst (che)

Frauen moderieren Sportsendungen, interviewen Fußballspieler, kommentieren Live-Übertragungen. Das war bis vor einigen Jahren noch keine Selbstverständlichkeit. Claudia Neumann (59) ist eine der Pionierinnen auf dem Gebiet, auch wenn sie das nicht gerne hört.

Obwohl sie seit über 30 Jahren Sport-Ereignisse kommentiert, muss sie sich immer noch im Netz die Kommentare hirntoter Machos gefallen lassen. Auch darüber sprachen wir Mitte März 2023 mit der Reporterin, die ständig unterwegs ist, passend an der Autobahnraststätte Siegburg.

Claudia Neumann: Der 1. FC Köln ist mein Verein

Frau Neumann, Sie sind in Düren geboren, in Neunkirchen-Seelscheid aufgewachsen und wohnen in Hessen. Was und wo ist für Sie Heimat? Claudia Neumann: Eindeutig Neunkirchen-Seelscheid. Die Familie lebt auch heute noch auf den Dörfern drumherum verteilt.

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Was bedeutet der 1. FC Köln für Sie? Neumann: Mein Verein! Der FC ist sozusagen meine Fußballsozialisierung. Ich war die klassische Bolzplatz-Fußballerin, spielte Mittelstürmerin und war allerdings recht lauffaul. Das Gewinnen war mir gar nicht so wichtig, ich wollte einfach nur schöne Tore schießen. Meine Leidenschaft war der Fallrückzieher. Das habe ich mir bei Schalke-Stürmer Klaus Fischer abgeguckt. Ich wusste übrigens damals gar nicht, dass es den organisierten Mädchen- oder Frauenfußball schon gab.

Wer ist der beste FC-Spieler aller Zeiten? Neumann: Ich denke schon Wolfgang Overath, vor allem wenn man an seine erfolgreiche Zeit in den 1970er Jahren denkt. Was für ein sportliches Drama, dass er 1978, als Köln Deutscher Meister und Pokalsieger wurde, als Spieler nicht mehr dabei war.

Bei so viel FC-Liebe: Müssten Sie als TV-Kommentatorin nicht neutral sein? Neumann: Das bin ich auch! Der FC ist halt mein Herzensverein aus der Vergangenheit. Eine schöne Erinnerung. Heute schaue ich ganz anders auf den Fußball, auch wenn die Leidenschaft für das Spiel an sich immer bleiben wird. Als die Kölner in einer Phase waren, wo sie permanent auf- und abgestiegen sind, bin ich auch sehr kritisch mit dem Verein umgegangen.

Claudia Neumann: „Fifa und DFB haben einen erbärmlichen Rückzieher gemacht“

Frage an die Fachfrau: Wie stabil ist der FC aktuell? Neumann: Trotz aller momentanen Probleme ist der Verein auf einem guten Weg. Und Trainer Steffen Baumgart passt mit seiner Emotionalität sehr gut zum 1. FC Köln. Ein Typ, nah bei den Menschen.

Wer ist der beste Spieler der Welt? Neumann: Wenn man die letzte WM zugrunde legt, ist das sicher Lionel Messi. Seine Spielart ist schon faszinierend, obwohl ich ihn als Typ nicht so sehr mag. Cristiano Ronaldo ist als Spieler ganz anders, viel gerader und nicht so verschnörkelt. Er hat viele Jahre lang die Massen fasziniert, auch mit seiner Extrovertiertheit. Ich habe ihn erstmals bei der EM 2004 in Portugal live spielen sehen. Jedem, der ihn sah war klar, dass das ein Großer wird. Nehmen Sie hier an der EXPRESS.de-Umfrage teil:

Er, Messi und die anderen Top-Spieler kassieren unanständig viel Geld. Neumann: Unanständig ist vielleicht der falsche Begriff. Aber ich kritisiere komplett das Fußballgeschäft, wie es sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Ich frage mich: Wo ist das gekippt? Vielleicht war das 2016 die astronomische Ablöse für Neymar, der für 222 Millionen Euro vom FC Barcelona zu Paris Saint Germain wechselte.

Sie haben bei der WM in Katar demonstrativ das Regenbogen-Trikot angezogen. Eine geplante Aktion? Neumann: Mir ging es nicht singulär um das Land Katar, sondern um Solidarität, nachdem Fifa und DFB einen erbärmlichen Rückzieher gemacht hatten. Für Menschen, die sich tatsächlich ausgegrenzt fühlen war das nämlich ein heftiger Nackenschlag. Tradition und Kultur sind deutlich zu trennen von Menschenrechten. Zu Ihrer Frage: Nein, das war keine geplante Aktion. Das T-Shirt war eigentlich nur zum Joggen gedacht.

Claudia Neumann: „So etwas passiert gelegentlich“

Sie haben als Erste bei einer Frauen-WM kommentiert, waren die Erste bei einem Champions-League-Spiel und die erste Frau, die ein Männer-Länderspiel kommentiert hat. Sehen Sie sich als Pionierin? Neumann: So etwas kann man nicht planen. Das hatte in meinem Fall eine gewisse Logik. Ich bin in einer Zeit groß geworden, als das Privatfernsehen aufkam. Ich war erst bei RTL und bin dann zu Sat.1 und ran. Da gab es innovative Leute wie Uli Potofski oder Reinhold Beckmann, die frischen Wind brachten. Ich habe erst in der Redaktion mitgearbeitet, dann durfte ich die ersten Filme und später größere Reportagen machen. So kam das eine zum anderen. Und dann habe ich auch live kommentiert.

Dieser Job ist nicht ohne Risiko: Wenn Sie, wie kürzlich geschehen, aus dem tunesischen FC-Spieler Ellyes Skhiri einen Marokkaner machen, ist der Shitstorm unausweichlich. Neumann: So etwas passiert gelegentlich, auch anderen Kollegen. Ein guter Freund und Eintracht-Frankfurt-Fan hat kürzlich den Spieler Lindström zu Lindquist gemacht. Aber natürlich hat mich das geärgert, zumal ich sogar bei der WM ein Spiel der Tunesier mit Ellyes Skhiri kommentiert habe. Aber der war am Tag des FC-Spiels für mich einfach ein Marokkaner.

Lesen Sie die Kommentare in den sozialen Netzwerken? Neumann: Nein, reine Zeitverschwendung. Das hat aber auch damit zu tun, dass ich dort gar nicht präsent bin. Ich habe keine Accounts, also reagiere ich auch nicht darauf.

Claudia Neumann: „Die Rheinländer sind anders“

Sie wurden Anfang Februar 59 Jahre alt. Ist das Alter für Sie ein Problem? Neumann: Nein, das nicht. Aber die Zeit rast, das beschäftigt mich eher. Gerade, wenn ich hier in Neunkirchen-Seelscheid zu Besuch bin. Da schwelge ich schonmal in Erinnerungen an Fußballspielen, Tennismatches und Radtouren, die wir früher hier gemacht haben.

Diese Besuche in der Heimat: Dienen die dazu, die Seele baumeln zu lassen? Neumann: Ja, und das mit der Heimat stimmt wirklich. Mich hatte es ja zuerst nach Hamburg verschlagen und jetzt wohne ich seit Jahrzehnten in Hessen und kann bestätigen: Die Rheinländer sind anders. Sie wärmen meine Seele. Ich habe vor einiger Zeit im Schloss Auel übernachtet, ging morgens joggen, und die Menschen, die mir entgegenkamen, sagten: „Hallo“. Ich war positiv geschockt! Das passiert Ihnen in Hessen oder Rheinland-Pfalz nicht. Und was Köln betrifft: Das ist keine schöne Stadt, aber ich kenne niemanden, der mal hier gelebt hat, der nicht nach wie vor eine große emotionale Nähe zu Köln hat.

30 Prozent Frauen in Spitzenfunktionen

Claudia Neumann ist nicht nur am Mikrofon eine Fachfrau, sondern setzt sich darüber hinaus für mehr Rechte der Frauen speziell im Fußball-Business ein. Die Initiative heißt „Fußball kann mehr“ und wird neben Claudia Neumann unter anderem von Nationalmannschafts-Torhüterin Almuth Schult (32) und Ex-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb (43) unterstützt.

Einige der wichtigsten Forderungen: 30 Prozent Frauen in Spitzenfunktionen, gleiche Bezahlung „für den gleichen Job auf jeder Hierarchiestufe“ und eine geschlechtergerechte Sprache auf allen Ebenen des Fußballs.