„Massiver, industrieller & organisierter Betrug“ Neue Erkenntnisse zum Final-Chaos von Paris

Nach dem Chaos rund um das Stade de France vor dem Champions-League-Finale in Paris gab es viele Schuldzuweisungen. Wer trägt die Verantwortung für die Vorfälle? Jetzt gibt es neue Erkenntnisse.

Ist jetzt klar, warum die Situation beim Einlass ins Stadion vor dem Champions-League-Finale zwischen dem FC Liverpool und Real Madrid (0:1) eskalierte?

Ein gewaltiger Betrug mit Eintrittskarten soll nach Erkenntnissen der französischen Regierung zum Chaos in Paris geführt haben. Es habe sich bestätigt, sagte der französische Innenminister Gerald Darmanin am Montag (30. Mai 2022), dass die „Hauptursache für die Verzögerung ein massiver, industrieller und organisierter Betrug mit gefälschten Tickets war“.

Die Europäische Fußball-Union (UEFA) kündigte zudem eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle an. Damit beauftragt wurde am Montag der ehemalige portugiesische Umweltminister Tiago Brandao Rodrigues.

Zuvor gab es massiven Druck aus allen Richtungen. Die skandalösen Vorfälle im Vorfeld des Champions-League-Finals in Paris beschäftigen auch die Politik. Nach dem Chaos am Samstag (28. Mai 2022) hatte die britische Regierung die Europäische Fußball-Union UEFA zu einer offiziellen Untersuchung der Vorgänge aufgerufen.

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Im Internet ist auf zahlreichen Videos zu sehen, wie Polizisten wahllos Fans mit Pfefferspray ansprühen – auch solche, die lediglich ihre Tickets an den Drehkreuzen scannen wollten. Die Polizei registrierte rund um das Finale zwischen FC Liverpool und Real Madrid 105 Festnahmen und 238 Verletzte.

Sportministerin fordert Aufklärung durch UEFA und Polizei

„Es ist im Interesse aller Beteiligten, zu verstehen, was passiert ist, und die Lektionen daraus zu lernen“, schrieb die britische Kultur- und Sportministerin Nadine Dorries (65) am Sonntag (29. Mai 2022). Die UEFA müsse in Kooperation mit den beteiligten Polizeibehörden und den Beschäftigten im Stadion herausfinden, was schiefgelaufen sei und warum. Die Aufnahmen der Szenen von Samstagabend seien „sehr besorgniserregend“, so Dorries.

Auch andere Politiker meldeten sich zu Wort. „Ich war von diesen Bildern entsetzt, dass die französische Polizei Pfefferspray gegen Fans einsetzte, darunter Kinder und Behinderte“, sagte Staatssekretär Chris Philp (45) bei Sky. „Und von den Bildern, die ich gesehen habe, gab es keine offensichtliche Rechtfertigung für diese Art von Verhalten.“

Ein Fan klettert an einem Zaun des Stadions in Paris hoch.

Vereinzelt versuchten Fans vor dem Finale am 28. Mai 2022 über die Zäune des Stade de France zu klettern.

Liverpools Bürgermeisterin Joanne Anderson (52) hat das Vorgehen der französischen Polizei als „überaus widerlich“ kritisiert. Die Polizei sei „wirklich brutal“ vorgegangen, zudem sei die Organisation des Fußballspiels „chaotisch“ gewesen, sagte Anderson, die selbst im Stadion war, der BBC. Die Liverpool-Anhänger müssten eine Entschuldigung erhalten. „Unsere Fans wurden in Bezug auf ihr Verhalten stereotypisiert. Ich werde immer wütender, je mehr Geschichten ich höre“, sagte Anderson. „Fans müssen mit mehr Respekt behandelt werden.“

Die UEFA erklärte das Chaos beim Einlass durch das hohe Aufkommen von Fans ohne gültige Tickets. Die Drehkreuze am Eingang für Liverpool-Fans seien blockiert gewesen, weil Tausende Anhänger mit gefälschten Tickets diese nicht passieren konnten. Auch der französische Innenminister Gerald Darmanin (39) gab die Schuld einzig den Fans. Dieser Darstellung widersprachen jedoch zahlreiche Augenzeugen. Fanvertreter kritisierten eine einseitige Darstellung der UEFA.

Abgeordneter: „UEFA und die französischen Behörden sollten sich schämen“

Ein britischer Labour-Abgeordneter für Liverpool, Ian Byrne (50), rief sogar die französische Regierung dazu auf, eine grundsätzliche Untersuchung zu den Vorgängen einzuleiten. Byrne, der selbst in Paris dabei war, sagte, er habe noch nie zuvor eine so „feindliche Umgebung“ erlebt. „Da waren Leute, die seit dreieinhalb Stunden auf den Einlass warteten, die eingekesselt wurden, gegen die Pfefferspray und Tränengas eingesetzt wurde – dies war ein Fußballanlass“.

„Wir sind zurück in der Zeit von 1989, als Lügen und Verleumdungen über Hillsborough sehr schnell verbreitet wurden und dieses Narrativ gesetzt wurde“, sagte Byrne. Bei der Katastrophe von Hillsborough 1989 wurden 97 Liverpool-Fans getötet und Hunderte verletzt. „Die UEFA und die französischen Behörden sollten sich schämen, was am Samstagabend passiert ist.“

Gary Lineker sprach von „Gemetzel“ rund ums Stadion

Für die englische Stürmerlegende Gary Lineker (61), selbst für die BBC vor Ort, ist klar: Man hätte dieses Weltereignis „nicht schlechter organisieren können“. Vor dem Stadion sei es „sehr gefährlich“ gewesen, die Olympia-Stadt von 2024 habe ein „absolutes Gemetzel“ erlebt.

„Von der Party zum Fiasko“, schrieb die französische Sportzeitung L'Equipe. Die britische Sun ätzte gegen das „Stade de Farce“. Es gibt aber auch Videos, auf denen Personen zu sehen sind, die Ordnerketten durchbrachen und über Zäune kletterten. Die Polizei sprach von abgewehrten „Eindringlingen“. Der Anpfiff verzögerte sich um 37 Minuten.

Die französische Sportministerin Amelie Oudea-Castera (44) berief für Montag ein Treffen mit Vertretern aus den Bereichen Sicherheit und Fußball ein. „Priorität hat, sehr genau herauszufinden, was schiefgelaufen ist, um alle Lehren daraus zu ziehen“, sagte die ehemalige Tennisspielerin.

Französische Ministerin: Liverpool-Fans waren schuld am Chaos

30.000 bis 40.000 Liverpool-Fans seien ohne Ticket oder mit gefälschten Karten zum Stade de France gedrängt und hätten dort für massive Sicherheitsprobleme gesorgt, sagte die Ministerin RTL. Geklärt werden müsse noch, wo die gefälschten Tickets in derart hoher Zahl herkamen. Die Ministerin warf dem FC Liverpool außerdem vor, sich anders als Real Madrid nicht gut um die Begleitung seiner Fans gekümmert und diese sich selber überlassen zu haben.

Die Ministerin bedauerte allerdings den Einsatz von Tränengas, von dem auch unbeteiligte Fans, Familien und Kinder betroffen waren. Zugleich bekräftigte sie, dass Frankreich in der Lage sei, große Sportereignisse zu organisieren und verwies etwa auf die Fußball-Europameisterschaft 2016. (msw/dpa/sid)

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