Sun Diego a.k.a. Spongebozz Dieser Schwammrapper ist der Held auf den Schulhöfen

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Rapper Sun Diego alias Spongebozz

Köln – Auf den Schulhöfen dieses Landes läuft seine Musik hoch und runter: Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, hat sich Dimitri Chpakov alias Sun Diego alias Spongebozz zu einem der beliebtesten Rapper in Deutschland entwickelt. Chpakov rappt über Drogen, Waffengewalt und Mafiakartelle – und das in einem Schwammkostüm.

Debütalbum „Planktonweed Tape“ auf Platz 1

Damit trifft er den Nerv der Zeit: Sein Debütalbum „Planktonweed Tape“ landete auf Platz 1 der Albumcharts und verkaufte sich 70.000 Mal, sein zweites Album „Started from the Bottom / KrabbenKoke Tape“ lief ähnlich erfolgreich. Auf Youtube werden seine Lieder millionenfach geklickt.

Dass hinter diesem Alter Ego weit mehr steckt als nur ein spaßiges Gimmick, das auf technisch hohem Niveau Gangstarap-Klischees bedient, wird klar, wenn man Chpakovs Autobiographie liest.

Spongebozz' Autobiographie

„Yellow Bar Mitzvah: Die sieben Pforten vom Moloch zum Ruhm“ erscheint am 26. Februar und erzählt die Geschichte eines Mannes, der auch noch heute – als erfolgreicher Rapper und Vater eines Sohnes – im Zwiespalt zwischen Kunst und Kriminalität lebt. Oder wie es Chpakov zusammenfasst: „Vom meistgehassten Mann zu eim` gemachten Schwamm.“

In deinem Buch sprichst du erstmals ausführlicher über deine Konfession – das Judentum. Wie wichtig ist dir deine Herkunft?

Mir und meinen Fans ist Herkunft sehr wichtig. Es ist meine Identität. Irgendwann wollen die Leute wissen, wo du herkommst, was du machst, wer du bist.

Interessant vor dem Hintergrund, dass Deutschrap nicht gerade als judenfreundliches Genre gilt...

Ja, aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Wenn ich Jude bin, dann bin ich es. Dann sage ich es.

Hast du selbst Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht?

In der Schule wurde ich leicht gehänselt, weil ich Jude bin. Ein paar Sprüche hier, ein paar Sprüche da. Aber nichts Größeres. Im Rap an sich findet viel Antisemitismus statt. Ich habe einem Rapkollegen einen meiner Merchandise-Artikel gezeigt, einen Sweater mit einem Judenstern auf der Schulter. Er war sich sicher, dass ich das Judentum nicht cool machen könnte, weil es in der Szene nicht präsent ist. Witzigerweise war dieser Sweater aber der Bestseller.

Früher warst du noch als Sun Diego in der Szene unterwegs und hast unter anderem mit Kollegah an dessen Album „Bossaura“ gearbeitet. Der Erfolg zu dieser Zeit war überschaubar, du wurdest gehasst. Jetzt als Spongebozz gehst du – für viele sehr überraschend – vollkommen durch die Decke. Wie fühlt sich das eigentlich an?

Das erste, was ich dachte, war: „Endlich haben sie gecheckt, dass etwas dahinter ist.“ Ich sehe es realistisch: Die Zeit war damals noch nicht reif für meine Musik. Schon damals hieß es ja: Der Typ rappt unfassbar gut, nur diese Autotune-Scheiße nervt. Mit der Geburt von Spongebozz habe ich den Autotune-Teil weggelassen und Leute in Online-Battleturnieren kaputtgemacht. Das zieht Schaulustige an. Ich muss aber auch zugeben: Manches von früher klingt scheiße.

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Reporter Martin Henning (l.) sprach mit Spongebozz.

Hättest du zu Sun-Diego-Zeiten gedacht, dass du später mal im Schwammkostüm rappen und von deinem ersten Album 70.000 Einheiten  verkaufen würdest?

Nein. Als ich mit Kollegah „Bossaura“ produziert habe, habe ich mal aus Spaß eine Strophe mit der Spongebob-Stimme gerappt. Seine Reaktion: „Bro, das klingt wie ein Maschinengewehr.“ Da war mir klar, dass ich vielleicht irgendwann mal mit dieser Stimme rappen könnte – aus Spaß. Zudem ist es ein cooler Charakter. Mir war klar, dass die Maske ein Mysterium darstellen würde und das Interesse weckt. Wie groß es werden würde, konnte ich nicht ahnen.

Wenn jemand vor zehn Jahren in einem Schwammkostüm über Drogenverkauf, Waffen und Mafia gerappt hätte, wäre der Spott groß gewesen...

Ich denke, Qualität setzt sich immer durch. Egal, ob sich die Person ein Schwammkostüm überzieht oder nicht.

Hast du wegen deines Spongebozz-Charakters, der an Spongebob angelehnt ist, eigentlich mal eine Abmahnung von Nickelodeon bekommen?

Eines Tages wurden bei Facebook mal 20 Fotos von mir gesperrt, als ich den Spongebob-Kopf auf Filmcover gesetzt habe. 2014 oder 2015 habe ich mich bei der Presseabteilung von Nickelodeon gemeldet. Da hieß es nur: Alles cool, unsere Rechtsabteilung weiß Bescheid und ist am Fall dran. Die haben sich nie mehr gemeldet.

In deinem Buch sprichst du über mehrere einschneidende Erlebnisse. Neben der Flucht aus deinem Heimatland, der Ukraine, war es auch die Zeit mit deinem Stiefvater Igor, der für die Mafia arbeitete und später im Gefängnis gelandet ist.

Der ging immer rein, raus, rein, raus. Der hat in Deutschland bestimmt schon seine zehn Jahre abgesessen. 2011 hat er seinen Mitbewohner entwaffnet und ihm mit einem Messer die Kehle durchgeschnitten. Dann wurde er wegen Mordes angeklagt, das Gericht hat aber auf Notwehr entschieden und nach sechs Monaten U-Haft kam er wieder raus.

2013 erlittst du – vermutlich aufgrund extremen Stresses – eine Hirnhautentzündung.

Die Folgen spüre ich heute noch. Wenn ich mich zum Schuhe binden bücke, merke ich, wie mein Kopf schwerer wird und ich Schmerzen bekomme. Einmal bin ich für einen Geschäftstermin 1600 km nach Polen gefahren und hatte auf dem Weg eine Attacke. Die Schmerzen sind so schlimm, dass nicht einmal Tabletten helfen. Auf dem Rückweg habe ich in Berlin angehalten, weil ich nicht mehr konnte. Ich bin dann mit dem Zug weitergereist. Die Zugschaffnerin stand während der gesamten Fahrt neben mir, weil ich weggekippt bin und sie Sorgen um mich hatte. Als ich damals ins Krankenhaus gegangen bin, hat der Arzt gesagt: Eine Stunde später und du wärst gestorben.

Und dann gab es noch einen mutmaßlichen Mordanschlag auf deine Frau und deinen Sohn.

Die Vorderräder meines Autos sind gleichzeitig bei 180 km/h auf der Autobahn geplatzt. Meine Frau war mit meinem Sohn unterwegs, sie sind beide unverletzt geblieben. Die Leute bei der Unfallaufnahme haben gesagt, dass sie so etwas noch nie gesehen haben. Ich habe dann im Internet über Reifensabotage recherchiert. Die Täter drehen Schrauben in die Reifen. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit erhitzt sich die Luft durch das langsame Entweichen aus dem Reifen, bis diese platzen. Wir waren anschließend bei der Polizei, die hat das aber gar nicht gejuckt. Die haben mich gefragt, ob jemand für den Anschlag in Frage kommen könnte. Ich habe gesagt, ich habe einen Verdacht, den möchte ich aber nicht aussprechen. Die haben eine Anzeige geschrieben und sich nie mehr gemeldet.

Im Deutschrap wächst seit einigen Jahren der Einfluss von Großfamilien. Du bist sehr gut mit der Saado-Familie befreundet und betonst am Ende deines Buches, dass du „im Gegensatz zu vielen anderen Gangsta-Rappern“ kein Schutzgeld bezahlst. Ist es mittlerweile üblich, dass Rapper für ihren Schutz bezahlen?

Das ist von heute auf morgen explodiert. Andere Rapper wollen unbedingt mit Großfamilien zu tun haben und sich einen Rücken suchen. Manchmal ist es aber auch andersherum. Die Hintermänner haben auch immer mehr Lust, vor die Kamera zu treten. Dass meine Jungs auch in meinen Videos zu sehen sind, war mein persönlicher Wunsch. Die hatten schon viele Anfragen von anderen Rappern, doch bitte in ihren Videos aufzutreten, hatten aber nie Lust. Zwischen den Saados und mir passt es auf menschlicher Ebene einfach sehr gut. Das sind für mich Leute auf Augenhöhe, die sollen keine Kugeln für mich fangen, es sind Brüder.

In deinem Buch ist auch von deinem ehemaligen Weggefährten Kollegah die Rede. Ihr liegt seit einigen Jahren im Streit. Du schlägst im Buch aber sehr versöhnliche Töne an.

Nicht versöhnlich – das ist einfach Fakt. Die gemeinsame „Bossaura“-Zeit war geil. Auch wenn wir momentan Streit haben, wir haben zusammen Mucke gemacht. Ich hätte ihm im Buch auch eine mitgeben können, das ist aber einfach eine rationale Sicht auf die Dinge.

Viele deiner Fans fragen sich natürlich, ob du in Zukunft noch einmal mit ihm zusammenarbeiten wirst.

Aus technischer Sicht kann man sich das vorstellen. Aus menschlicher Sicht gerade nicht. Und das Menschliche ist eine Voraussetzung für eine Zusammenarbeit. Wenn Kolle mal das Verlangen hat, zu reden, kann er sich meine Nummer geben lassen und mich anrufen.

Für dich könnte es geschäftstechnisch im Moment kaum besser laufen. Dein neues Signing Juri schürt in einem Song mit den Worten „Eine Mio, zwei Alben, FC BBM Transfer“ das Gerücht, er habe eine Million Euro Vorschuss bekommen. Stimmt das?

Ich weiß nicht, ob das Finanzamt das so gerne hören möchte. Aber ja, kann man so sehen.

Was möchtest du mit deiner Musik noch erreichen?

Mein Ziel ist: Irgendwo läuft mein Lied, die Leute lächeln und fühlen sich gut.

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