Oscars schwer in ModeFashion-Geschichte(n) aus neun Jahrzehnten – Gewinnerin trug Robe für 3,7 Mio Euro

Rita Ora kommt in einem transparenten Cut-out-Kleid von Donna Karan am 22. Februar 2015 zur Vanity-Fair-Party nach der Oscar-Verleihung.

„Hallöchen Popöchen“ – scheint die Sängerin und Schauspielerin Rita Ora 2015 zu denken, als sie bei der Vanity Faitr-Party nach der Oscar-Verleihung ihre Kehrseite betrachtet. Diese ist vom Donna Karan-Kleid mit transparenten Einsätzen in Szene gesetzt.

Seit 1929 werden in Los Angeles die Academy Awards, die Oscars, verliehen. Die Geschichte des Filmpreises ist auch eine Geschichte der Mode – und des Zeitgeistes.

von Stefanie Monien (smo)

Die attraktivste Auslegeware des Jahres ist knapp hundert Meter lang und gut zehn Meter breit, drapiert auf dem Hollywood-Boulevard in Los Angeles.

Im Jahr 2023 allerdings war der rote Teppich, der zur Vergabe der Academy Awards (volkstümlich Oscar-Verleihung) führt, beige. Champagnerfarben, sagten die Initiatoren. Leberwurstpastell traf's eher. 2024 ist er wieder Rot! Aber egal, auf was die zur 96. Übergabe der Goldkerle geladenen Promis stolzieren: Das gekettete Geläuf ist wurscht – Spot auf die Kleider!

Oscars: Angelina Jolie ohne Preis, aber mit legendärem Kleid

Denn die schönsten Geschichten schreibt immer noch das Leben – die glamourösesten dagegen ein Oscar-Dress. Wenn in der Nacht zum 11. März 2024 im Dolby Theatre zum inzwischen 96. Mal die goldigen Gesellen verliehen werden, rücken die Filme zunächst in den Hintergrund. Vorhang auf! Und zwar für die Couture-Coups, denn Kleider sind und waren beim Oscar stets mehr als bloß Staffage.

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Man denke nur an Angelina Jolies hochgeschlitztes Versace-Kleid 2012, das noch Jahre später in Form von Memes durchs Internet geistert und Jolie den Spitznamen „The Leg“ einbrachte. Das Bein hatte gar einen eigenen Twitter-Account. Eigentlich, so erzählt die heute 47-Jährige, habe sie ein anderes Kleid bei den Oscars tragen wollen: „Aber ich entschied mich dann für das bequemere“.

Bequem waren die Kleider bestimmt nicht immer, wie man den wundervoll-nostalgischen Fotos aus dem knapp drei Kilo schweren Bildband „Oscars – Glamour auf dem roten Teppich“ (Prestel Verlag; 59 Euro) der Designerin und Modejournalistin Dijanna Mulhearn entnehmen kann.

Die Oscars und die Modemacher: Symbiose in Samt und Seide

Ganz adrett und unschuldig die Anfänge der Academy Awards, die am 16. Mai 1929 erstmals verliehen wurden: unglamourös im Bankettsaal des Roosevelt Hotels, die Mode bestimmt von Bubikragen und Pelzverbräumung.

Die Kriegswirren überstanden die Damen aus textiler Sicht ungerührt, auch wenn Stoff-Rationierung zu Kreativität zwang. Kreativität war und ist ein ganz großes Thema bei den Oscar-Roben, die Modeschöpfer wetteiferten darum, ihre Couture am Promileib präsentieren zu dürfen.

Hubert de Givenchy war Hausschneider von Audrey Hepburn („Frühstück bei Tiffany“), Christian Dior der von Marlene Dietrich („Jigsaw“). Cher auf dem Oscar-Teppich ohne die zeigefreudigen und karnevalesken Kreationen ihres Kostümbildners Bob Mackie? Undenkbar!

Showbiz und Mode – eine Symbiose, die für beide Seiten zum Erfolgsgeschäft wurde. Ob Versace, Valentino, Lagerfeld oder später der Näh-Rebell Alexander McQueen: Die Roben und ihre Macher überstrahlen so manches Mal den Filmpreis. So schreibt Giorgio Armani im Vorwort zu Mulhearns Buch: „Meiner Erfahrung nach inspirierte der rote Teppich schon immer zu neuen Ideen und förderte auf diese Weise den Fortschritt.“

Vor allem wohl den finanziellen: Mit umgerechnet 940 000 Euro schlägt das Oscar-Outfit einer A-Prominenten mit Couture, Collier, Coiffeur zu Buche. Allein das Dior-Kleid aus Seidendamast von Jennifer Lawrence 2013 kostete 3,7 Millionen Euro. Die Oscar-Statuette hat übrigens einen reinen Materialwert von 283 Euro. Allerdings ist der werte Herr auch weitgehend unbekleidet.

Oscars: Bette Davis im Hauskleid – der erste Klamotten-Skandal 

Kleider machen Leute – und vor allem starke Frauen. Wie die legendäre Bette Davis. Zehnmal für den Oscar nominiert, zweimal gewonnen (1936 für „Dangerous“ und 1939 für „Jezebel“).

Und 1936 wählte sie aus Protest gegen die Gängelung der Schauspielerinnen von den Filmstudios ein Kleid von Orry Kelly, das nach ihren eigenen Worten „eine Hausangestellte tragen“ würde. Derart „unpassend“ angezogen versetzte sie die Oscar-Snobiety in Schnappatmung – die Academy Awards hatten ihr erstes „Skandal-Kleid“.

Kollegin Olivia de Havilland, die den Oscar 1947 für „Mutterherz“ und 1950 für „Die Erbin“ gewann, hatte Warner Bros. 1944 erfolgreich verklagt, das daraus resultierende „de Havilland-Gesetz“ räumte Schauspielerinnen mehr Freiheit bei der Rollenwahl ein. Zu den Oscars 1947 kam der Star aus „Vom Winde verweht“ in einem Modell der afroamerikanischen Designerin Ann Lowe – die Prinzessinnen-Robe, über die de Havilland ein Kurzjäckchen trug, würde zum Dauerbrenner auf den roten Teppichen werden.

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Jane Fonda bei den Oscars: Die Mutter des politischen Protestes

Stellvertretend für viele Promis, die bei den Oscars mehr oder weniger offen gegen politische Missstände eintraten, sei hier Jane Fonda erwähnt. 1972 erhielt sie den Oscar für „Klute“ trug einen Yves-Saint-Laurent-Hosenanzug, der von Protesten gegen den Vietnamkrieg inspiriert war.

46 Jahre später, und scheinbar kaum gealtert, kam Jane Fonda in einer Balmain-Kreation mit Zacken-Ausschnitt und einer Botschaft am Busen: Eine der Mütter aller Hollywood-Proteste trug einen „Times Up“-Button. Wie #MeToo richtet sich auch diese Kampagne gegen sexuelle Übergriffe im Showbiz.

Oscar-Outfits: Hier haben Frauen zu Recht die Hosen an

Zum ersten Mal wurden 1966 die Oscars im Farb-TV gezeigt. Julie Christie stach aus den adrett-rüschigen A-Linien heraus, als erste Frau überhaupt nahm sie den Oscar (für „Darling“) in Hosen entgegen!

Der Jumpsuit, den sie nach einem Zeitungs-Schnittmuster zusammen mit einer Freundin selbst genäht hatte, läutete die „Swingin’ Sixties“ ein – und gab einen Vorgeschmack auf die Hippie-Ära. Junge Frauen in aller Welt waren begeistert, schneiderten sich „Onesies“ (Einteiler).

Weniger auffällig, aber umso beeindruckender der Auftritt von Hattie McDaniel, 1940 ausgezeichnet als beste Nebendarstellerin in „Vom Winde verweht“ (insgesamt räumte das Südstaaten-Epos acht Oscars ab).

Als erste Afroamerikanerin bekam sie den Preis, musste trotzdem das „nur Weißen vorbehaltene“ Hotel durch den Nebeneingang betreten, durfte nicht mit ihren (weißen) Filmkollegen Vivien Leigh, Clark Gable oder Leslie Howard an einem Tisch sitzen. Als Symbol der Reinheit trug McDaniel Gardenien im Haar und am Revers.

Zeigefreude bei den Oscars: die kalkulierte Provokation

Ob aus Kalkül oder Spaß an der freudigen Freizügigkeit: Bei den Oscar-Kleidern gab’s und gibt’s Modelle, bei denen man sich fragt, ob die Trägerin an Hitzewallungen oder Vergesslichkeit leidet. Cher – Oscar für „Mondsüchtig“ – trug 1988 ein gar luftiges Pailletten-Ensemble ihres Lieblingsdesigners Bob Mackie.

Gwyneth Paltrow, die in einem Transparent-Fummel von Alexander McQueen bei den Oscars 2002 aufsteppte, erklärte später reichlich    kleinlaut: „Ich hätte wirklich einen BH tragen sollen“.

Galionsfigur aller „Durchblickerinnen“ war 1969 Barbra Streisand, Oscar für „Funny Girl“, im damaligen Tüll-Trend. Von Designer Arnold Scaasi derart kühn als zeigefreudiger Hosenanzug interpretiert, dass eher biedere Hollywood-Legenden wie Olivia de Havilland Schnappatmung bekamen. Aber die kamen ja auch aus einer anderen Zeit. Modisch und moralisch ...