„Machen aus Kleinigkeiten gleich ein Drama“Julian F. M. Stoeckel: Klartext zu Übertoleranz und Perfektion

Julian F. M. Stoeckel im Savoy Hotel am 26. Januar 2024

Beim EXPRESS.de-Interview im Januar 2024 im Kölner Savoy-Hotel erzählt uns Julian F. M. Stoeckel, dass er in Anlehnung an alle großen Diven am liebsten „Die Stoeckel“ genannt werden möchte.

Schrille Erscheinung mit Tiefgang und klarer Meinung: Moderator und Entertainer Julian F. M. Stoeckel sprach mit EXPRESS.de über Toleranz, „Pronomengedöns“ und darüber, was sich in unserer Gesellschaft in seinen Augen dringend ändern muss.

von Alexandra Miebach (mie)

Er ist ein Paradiesvogel, wird wegen seines exzentrischen Auftretens oft als oberflächlich, narzisstisch und unnahbar abgestempelt.

Nun backt Entertainer Julian F. M. Stoeckel (36) bei „Das große Promibacken“ (mittwochs, 20.15 Uhr, Sat.1 oder zum Streaming auf Joyn) mit anderen Stars um die Wette. Im Interview lernen wir ihn von einer ganz anderen Seite kennen.

Julian F. M. Stoeckel: „Ich möchte immer gewinnen“

Du bist jetzt bei „Das große Promibacken“ dabei. Hast du vorher schon gebacken?

Julian F. M. Stoeckel: Als ich das Angebot bekommen habe, musste ich erstmal schallend lachen, weil ich weder backe, noch koche – geschweige denn einkaufen gehe. Ich mache das einfach nicht gerne. Erstmal kam das also gar nicht infrage. Dann hat die Produktion ein bisschen an mir gebaggert und ich habe erfahren, dass wir vorher ein professionelles Coaching bekommen. Und weil mir oft die Sachen, die ich erstmal nicht machen wollte, am meisten Spaß machen, habe ich zugesagt. Ich hatte eine wahnsinnig tolle Bäckerin, Franziska Oeser, die mich gecoacht hat – und plötzlich konnte ich backen. Ich könnte hier jetzt eine zweistöckige Torte mit verschiedenen Geschmäckern hinstellen. Ich könnte eine Konditoreikette eröffnen. (lacht)

Wie war das Training für dich?

Julian F. M. Stoeckel: Mir ist erstmal alles schwergefallen. Ich habe kein Gefühl fürs Backen, für Mengen, für Garzeiten. Geduld habe ich auch nicht. Wenn dann was nicht geklappt hat, bin ich fast in die Luft gegangen – es hat mich wahnsinnig gemacht. Ich habe Franziska um den Verstand gebracht und mich selbst auch. Aber ich habe in ihr auch eine Freundin gewonnen. 

Würdest Du sagen, dass Du Perfektionist bist?

Julian F. M. Stoeckel: Wenn ich mich zu etwas bereiterkläre, möchte ich das auch gut machen. Mich packt dann der Ehrgeiz. Ich bin nicht der Mensch, der dann immer sagt, dass er gewinnen möchte. Ich mache einfach.

Isst du eigentlich gerne süß?

Julian F. M. Stoeckel: Ich esse lieber Käse zum Dessert. Ich stehe nicht so sehr auf Süßes. Ich esse sehr gerne und trinke sehr gerne guten Wein, wenn ich dann noch Süßigkeiten essen würde, würde ich aufgehen wie ein Hefezopf.

Willst Du auch privat backen?

Julian F. M. Stoeckel: Gute Frage. Ich habe eine wahnsinnig kleine Küche, deswegen würde es mir zu Hause keinen Spaß machen. Aber ich habe Freunde, die wahnsinnig tolle Küchen haben. Da könnte ich eine Geburtstagstorte backen. Aber die Motivation, mich jetzt wieder jeden Tag in die Küche zu stellen, ist nicht so da.

Du moderierst die Nackt-Dating-Show „Naked Attraction“. Wie stehst Du zu Nacktheit im TV?

Julian F. M. Stoeckel: Als die Sendung 2017 erstmals auf den deutschen Markt kam, war der Aufschrei riesig. An weibliche Brüste im TV war man schon gewöhnt – z. B. durch „Tutti Frutti“. Aber an eine nackte Vulva oder einen Penis kann man sich irgendwie nicht gewöhnen, obwohl wir das doch alle haben. Und das ist auch kein Drama. Ich finde, diese Hysterie gegen das Nacktsein im TV komisch. Ich finde, inzwischen ist die Sendung die Großmutter der Dating-Shows – im Vergleich zu den Formaten, in denen es eigentlich nur um Saufen und Sex geht. Da wirkt meine Sendung harmlos.

Julian F. M. Stoeckel: Wir haben keine Paradiesvögel mehr

Wie wichtig ist das Aussehen bei der Partnerwahl?

Julian F. M. Stoeckel: Ich glaube, dass wir dazu neigen, einen Körper zu sehen und uns dann zu überlegen, ob wir den anziehend finden. Aber in der Show war die interessanteste Runde die, in der es um die Stimmen geht. Wenn die nicht gefällt, fällt auch der Sex-Appeal eines Menschen. Der Körper macht einiges aus, aber nicht alles.

Sind die Deutschen prüde?

Julian F. M. Stoeckel: Tja, darüber kann man einen gesellschaftlichen Diskurs führen. Ich finde, dass wir in den letzten zehn bis 15 Jahren spießiger geworden sind. Gucken wir mal in die 20er oder näherliegend in die 80er Jahre: quirlige Kultur, exzentrische Leute. Denken wir an schillernde Figuren wie Rudolph Moshammer. Das ist alles weg. Wie viele berühmte deutsche Paradiesvögel gibt es heute noch? Olivia Jones, Julian F. M. Stoeckel, Harald Glööckler und vielleicht noch Ross Antony – aber wir werden immer weniger. Nicht mehr viele wollen konsequent anders, bunt und lustig sein. Wir kommen in eine Epoche, in der ich das Gefühl habe, wir entwickeln uns zurück in eine langweilige, gleichbleibende und ständig nur so dahinplätschernde Gesellschaft, die teilweise kein Rückgrat mehr besitzt. Ich finde das sehr traurig und deprimierend.

Also sollten wir wieder mehr aus uns herauskommen?

Julian F. M. Stoeckel: Unbedingt. Die Menschen glauben ja heute, anders zu sein, wenn sie zum Beispiel vegan leben oder Baggy-Jeans aus den 90ern tragen. Nein, das hat nichts mit anders sein zu tun! Das Anderssein ist eine Lebensphilosophie, die weit über oberflächliche, banale Themen hinausgeht. Ich wünsche mir, dass wir exzentrischen, spannenden Persönlichkeiten wieder mehr Raum geben. Ich wünsche mir, dass es wieder mehr spektakuläre Persönlichkeiten gibt ...

... weg vom Einheitsbrei ...

Julian F. M. Stoeckel: Genau, unbedingt. Weg auch davon, dass wir immer alles richtig machen wollen. Wir wollen richtig gendern, wir sprechen alles richtig aus, setzen Sternchen und was wir alles machen. Aber am Ende bleibt so viel Lustiges, Freies, Spannendes weg, weil wir uns damit beschäftigen, alles richtigzumachen. Ich wünschte, dass wir lockerer werden. Wir waren doch schon mal viel weiter.

Julian F. M. Stoeckel: „Mir ist egal, was ihr zu mir sagt“

Also genderst du nicht?

Julian F. M. Stoeckel: Ich werde am Set ständig gefragt, was mein Personalpronomen ist. Letztens habe ich zu einer Regisseurin gesagt: „Ich bin DIE Stoeckel“. Sie sagte dann: „Okay, also she/her“. Da geht es aber nicht um Pronomen. Das DIE ist kulturhistorisch. Bei allen großen Diven – Die Dietrich, Die Callas, Die Knef, Die Gabor – wurde der Vorname gestrichen und ein DIE davorgesetzt. Das ist etwas Künstlerisches und hat mit dem Pronomengedöns nichts zu tun. Mir ist egal, was ihr zu mir sagt. Hauptsache, ihr beleidigt mich nicht und werdet nicht frech.

Sind die Deutschen tolerant?

Julian F. M. Stoeckel: Ich bin seit 20 Jahren im Showgeschäft und war immer schon schrill. Ich habe aber auch noch nie Ausgrenzung erfahren – noch nie. Wir sind in einer Welt, in der wir vielleicht sogar übertolerant sind. Wir machen immer gleich aus Kleinigkeiten ein Drama. Man wird nie allen gefallen, das muss man akzeptieren. Die politische Lage hierzulande ist turbulent. Die AfD bekommt viel Zuspruch.

Macht dir das Angst?

Julian F. M. Stoeckel: Ich hoffe, dass wir nicht so geschichtsverdrossen und doof sind, dass wir die Fehler, die schon mal gemacht worden sind, wiederholen. Ich will nicht daran glauben müssen, dass wir als deutsche Gesellschaft so doof geworden sind, dass wir solchen Rattenfängern hinterherlaufen und glauben, dass sie die Offenbarung für all unsere Probleme sind. Ich weiß nicht, ob es der richtige Weg ist, die AfD zu verbieten. Denn wenn man versucht, etwas im Keim zu ersticken, wird es im Untergrund erst richtig lodern und das ist dann nicht kontrollierbar. Wir müssen die AfD einbauen, uns mit allen an einen Tisch setzen und versuchen, uns auf einen demokratischen Konsens zu einigen. Was auch dazugehört, ist, dass die Jugend politisch gebildet wird. Wenn man nicht mal die letzten Kanzler kennt – das haben wir ja im Dschungelcamp gesehen – dann wird's unheimlich.

Auch die Bauernproteste beschäftigen die Politik. Du hast für eine Sendung mit deinem Freund Marcell auf einem Bauernhof gelebt und mitgeholfen. Wie war das für dich?

Julian F. M. Stoeckel: Mein erster Impuls war: „Ach du Scheiße, ist das dreckig. Die Matsche, ihh, kalt.“ Ich bin dort wahnsinnig herzlich empfangen worden und habe alles mitgemacht. Ich habe gebacken, die Kühe sauber gemacht, gemolken. Ich habe gelernt, dass diese Leute wahnsinnig ackern – und zwar für das, was wir essen und trinken. Das dürfen wir nicht vergessen und deswegen verdienen sie unsere Unterstützung.

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Du bist Berliner. Ein Leben auf dem Land – wär das was für die Zukunft?

Julian F. M. Stoeckel: Ich liebe das Stadtleben. Aber auf Dauer wird mir das tatsächlich zu rau – Gewalt, Drogen, Überfälle. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Ich suche ja eh eine schöne Immobilie, für ein Mehrgenerationenhaus. Wenn mir jetzt jemand ein Grundstück mit einem schönen Herrenhaus anbieten würde, 30 bis 40 Autominuten von Berlin entfernt, würde mir das gut gefallen. Das könnte ich mir vorstellen. Bezahlbarer Wohnraum ist zu selten, das sollte – finde ich – auch gesetzlich geregelt werden, das darf nicht sein. Wenn es irgendwann so weit ist, sehe ich mich wie eine Art Landfürstin in einem Herrenhaus und bitte dort zum Tee.

Julian F. M. Stoeckel: Der RTL-Dschungel machte ihn berühmt

Julian Frederik Moritz Stoeckel (kurz, Julian F. M. Stoeckel) wurde am 20. März 1987 in West-Berlin geboren. Er stammt aus einer Ärztefamilie. Auf Anraten der Schauspielerin Witta Pohl entschied er sich für eine Karriere im Show-Business. Erste Auftritte als Komparse hatte er im Alter von 16 Jahren. Später war er in verschiedenen TV-Formaten zu sehen, unter anderem bei „Klinik am Alex“ (2008) und „Berlin – Tag und Nacht“ (2011).

Große Bekanntheit erlangte er durch seine Teilnahme bei „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ im Jahr 2014. Seitdem ist er gern gesehener Gast in verschiedenen Shows und auf dem roten Teppich. Seit 2023 moderiert er die Dating-Show „Naked Attraction“ auf TLC. Julian F. M. Stoeckel lebt mit seinem Lebensgefährten Marcell Damaschke in Berlin.