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„Blutspur über den ganzen Gang“Dieser Film deckt blanken Horror in US-Gefängnissen auf

„The Alabama Solution - Die Hölle hinter Gittern“ liefert einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen des US-Justizsystems. (Bild: Home Box Office)

Copyright: Home Box Office

„The Alabama Solution - Die Hölle hinter Gittern“ liefert einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen des US-Justizsystems. (Bild: Home Box Office)

Schockierende Einblicke in ein „absolut kaputtes System“: Mittels Handyaufnahmen von Gefangenen offenbart ein HBO-Dokumentarfilm einen „endlosen Kreis aus Gewalt“ in den Gefängnissen des US-Bundesstaats Alabama. Ein Ende dieses Regimes der Angst ist nicht absehbar ...

Schreie, Blut, Dreck: Wüsste man es nicht besser, man würde sich beim HBO-Dokumentarfilm „The Alabama Solution - Die Hölle hinter Gittern“ (ab sofort bei Sky und WOW) in einem Horrorstreifen wähnen. Doch die Filmemacher Andrew Jarecki und Charlotte Kaufman liefern knapp zwei Stunden lang einen erbarmungslosen Einblick in das Grauen des US-Justizsystems in Alabama. „Ein endloser Kreis aus Gewalt“ sei ihr Alltag, berichtet Melvin Ray. Sein Mitinsasse Robert Earl Council pflichtet ihm bei: „Der Verbrauch von Leichensäcken hier ist rekordverdächtig.“ Laut ihm herrsche in den Gefängnissen „eine humanitäre Krise“.

Der HBO-Dokumentarfilm klagt ein „absolut kaputtes System“ in den Gefängnissen des US-Bundesstaats Alabama an. (Bild: Home Box Office)

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Der HBO-Dokumentarfilm klagt ein „absolut kaputtes System“ in den Gefängnissen des US-Bundesstaats Alabama an. (Bild: Home Box Office)

Weil Journalisten innerhalb von Gefängnismauern gesetzlich nicht zugelassen sind - aus Sicherheitsbedenken -, sind es ausschließlich Aufnahmen von geschmuggelten Handys, die die unmenschlichen Bedingungen hinter Gittern dokumentieren. Das ist im Oscar-nominierten Film mitunter schwer zu ertragen. Verwackelte Aufnahmen zeigen blutüberströmte Häftlinge, die von Wärtern schwer misshandelt wurden. Drogensüchtige lehnen apathisch an der Wand oder kauern in der Ecke. Häftlinge hausen in Schlafsälen mit 120 Menschen.

„Er trat seinen Kopf zu Boden und der Kopf sprang wie ein Basketball“

Einzig Handyaufnahmen Gefangener geben in der HBO-Doku Einblicke hinter Gittern. Journalisten sind in US-Haftanstalten aus Sicherheitsgründen nicht zugelassen. (Bild: Home Box Office)

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Einzig Handyaufnahmen Gefangener geben in der HBO-Doku Einblicke hinter Gittern. Journalisten sind in US-Haftanstalten aus Sicherheitsgründen nicht zugelassen. (Bild: Home Box Office)

Einer, der sein Leben in einer der Haftanstalten ließ, ist Steven Davis. „Er war total entstellt“, berichtet dessen Mutter Sandy in dem HBO-Film unter Tränen. Davis war von einem Wächter übel zugerichtet worden - und starb später an den Folgen der Attacke. „Er wurde von einem Beamten totgeschlagen. Es war Mord, und es soll die ganze Zeit unter den Teppich gekehrt werden“, bestätigt eine anonyme Quelle aus dem Donaldson-Gefängnis am Telefon. Ein Zeuge berichtet via Handy, der Wächter habe Davis mit einem Metallstock malträtiert, dann mit seinen schweren Stiefeln: „Er trat seinen Kopf zu Boden und der Kopf sprang wie ein Basketball.“

Nur Davis' Zellengenosse schildert gegenüber Menschenrechtsanwalt Hank Sharrod, Davis sei mit einer Waffe auf den Wächter losgegangen. Und das nicht ohne Grund. „Wenn ich einen von ihnen in die Pfanne haue, tun sie das Gleiche mit mir“, berichtet James Sales von der Einflussnahme der Wärter.

„Seine Mutter tut mir leid, aber wenn sie wartet, dass ich mein Leben aufs Spiel setze, um ihren Sohn zu rehabilitieren, liegt sie falsch.“ Doch er werde bald frei sein, weist er auf seine baldige Entlassung hin. Dann sei er bereit, mit Sandy Davis zu sprechen. Dazu kommt es nicht: Sales wird wenige Wochen vor seiner Entlassung tot aufgefunden. Die offizielle Auskunft lautet: natürliche Todesursache.

Wärter wird des Modes verdächtigt - und bekommt zwei Beförderungen

Hinterbliebene wie Sandy Davis erinnern an ihre Angehörigen, die hinter Gittern verstorben sind. (Bild: Home Box Office)

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Hinterbliebene wie Sandy Davis erinnern an ihre Angehörigen, die hinter Gittern verstorben sind. (Bild: Home Box Office)

Beide Fälle spiegeln prototypisch ein laut Anwalt Harrod „absolut kaputtes System“ wider. Denn Konsequenzen aus den Todesfällen gab es für das Personal des Justizvollzugs nicht. Ganz im Gegenteil: Officer Gadson, dem der Mord an Steven Davis zulastgelegt wurde, erwarteten keine juristischen Folgen - sondern gleich zwei Beförderungen.

In den Gefängnissen Alabamas seien Wächter „wie in Clans“ organisiert, klagt einer der Häftlinge an. (Bild: Home Box Office)

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In den Gefängnissen Alabamas seien Wächter „wie in Clans“ organisiert, klagt einer der Häftlinge an. (Bild: Home Box Office)

„Es sind nicht nur ein paar faule Äpfel“, weiß Robert Earl Council aus seinen drei Jahrzehnten hinter Gittern. Willkürliche Verhängungen von Einzelhaft, brutale Gewalt und ein Regime von Angst und Unterdrückung sind in den Gefängnissen Alabamas trauriger Standard. Wie „eine Gang“ seien die Wächter organisiert, klagt Raoul Poole an.

„Wir leben in ständiger Angst. Wir wissen nie, ob die Wärter uns filzen, verprügeln oder töten“, berichtet ein anonymer Gefangener. Auch Council wird im Laufe der sechsjährigen Dreharbeiten der HBO-Doku zum Opfer. „Er schlug noch einmal zu, als er schon am Boden lag. Ich sah, wie sie ihn mit dem Gesicht nach unten an den Füßen wegzerrten“, erinnert sich dessen Mitgefangener Raoul Poole. „Die Blutspur reichte den ganzen Gang hinunter.“ Council überlebte, wenngleich sein linkes Auge in Folge des Gewaltexzesses erblindete.

Staat Alabama weist Schuld von sich - und plant drei neue XXL-Gefängnisse

„Man kann keinen resozialisieren, indem man ihn zu Brei schlägt“, verurteilt Quante Cockrell die Methoden hinter Gittern. Auch deshalb hängte er seinen Job als Justizbeamter an den Nagel. Stacy George ist dagegen noch im Dienst. „Chronische Unterbesetzung und zwangsläufige Überstunden lassen die Beamten wie Zombies aussehen“, erklärt er, dass ein Beamter mitunter für 200 bis 300 Gefangene verantwortlich sei. Diese massive Personalnot führe dazu, dass beinahe jeder eingestellt werde - auch Menschen, die „Leute kontrollieren und dominieren wollen“.

„Der Staat schließt einen Vergleich nach dem anderen und die Gewalt geht weiter“, verzweifelt Häftling Melvin Ray am System. Gemeinsam mit Robert Earl Council gründete er das Free Alabama Movement und initiierte 2022 einen 23-tägigen Arbeitsstreik von Häftlingen in allen Anstalten Alabamas. Damit erreichten die Insassen immerhin, dass die Bundesbehörde eine Untersuchung einleitete.

Für Steve Marshall, Generalstaatsanwalt von Alabama, ist das unnötig. Er beteuert im HBO-Film es gebe kein „systemimmanentes Problem“ im Justizvollzug seines Bundesstaates. Man verfolge einen „Strategieplan“ - und das am liebsten unabhängig. „Wir haben Möglichkeiten, uns gegen den Übergriff des Justizsystems zu wehren“, beäugt er die Initiative von Bundesebene mit Argwohn. Ähnlich dürfte das Mindset der Gouverneurin Kay Ivey aussehen. Von einem Schuldeingeständnis fehlt bei der Republikanerin jede Spur. Ganz im Gegenteil: Sie gab drei neue Mega-Gefängnisse in Auftrag - mit einem Kostenpunkt von bis zu drei Milliarden Dollar. (tsch)

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