Trotz Zweifeln an Motiven Nach Istanbul-Anschlag: Erdogan nimmt blutige Rache an den Kurden – 31 Tote

Die kurdische Stadt Kobane ist vom Krieg gezeichnet.

Ein halbversunkener Panzer auf dem Platz der Freien Frauen in Kobane. Das türkische Militär flog am 19. November 2022 Luftangriffe auf Stellungen in Nordsysrien.

Vor wenigen Jahren stoppten die Kurden von Kobane den Islamischen Staat in Syrien. Jetzt werden sie von der Türkei bombardiert. Als Vorwand dient der Anschlag von Istanbul – obwohl die Zweifel an den Vorwürfen groß sind.

Eine Woche nach einem Bombenanschlag in Istanbul hat die Türkei ihre lange geplante Militäroffensive gegen kurdische Einheiten in Nordsyrien gestartet.

Türkische Kampfflugzeuge bombardierten in der Nacht zum Sonntag (20. November 2022) unter anderem die Stadt Kobane. Auch Stellungen der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak seien angegriffen worden, teilte das türkische Verteidigungsministerium mit.

Türkei greift Ziele in Syrien an

„Wir beginnen jetzt mit der Operation ‚Klauenschwert‘“, verkündete Verteidigungsminister Hulusi Akar im Einsatzführungskommando der türkischen Luftwaffe. Er informierte laut einem Video auch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der schon seit Mai mit einer neuen Offensive gegen kurdische Einheiten in der Region gedroht hatte und nun den Befehl für den Beginn des Einsatzes gab.

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Die Angriffe richteten sich nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums gegen Stützpunkte der PKK und der YPG, die Ankara als syrischen Ableger der PKK betrachtet. Nach Angaben des von kurdischen YPG-Einheiten angeführten Militärbündnisses SDF wurde unter anderem Kobane im Nordosten Syriens bombardiert.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden bei fast 25 Angriffen in den nordsyrischen Provinzen Aleppo, Rakka und Hassakeh mindestens 31 Menschen getötet, darunter 13 SDF-Kämpfer und zwölf Kämpfer der syrischen Regierungstruppen. Das SDF-Bündnis gab zunächst nur den Tod von elf Zivilisten bekannt. Das syrische Verteidigungsministerium erklärte, bei türkischen Angriffen in Aleppo und Hassakeh seien mehrere Soldaten getötet worden. Eine genaue Zahl nannte das Ministerium nicht. Das türkische Militär machte zunächst gar keine Angaben zu Toten oder Verletzten.

Istanbul: Bei Anschlag starben sechs Menschen

Die Türkei hatte am Montag eine angebliche PKK-Anhängerin aus Syrien für den Anschlag in Istanbul verantwortlich gemacht, bei dem am Sonntag vergangener Woche sechs Menschen getötet und mehr als 80 weitere verletzt worden waren.

Die Frau soll ihre Anweisungen demnach in Kobane erhalten haben. Sowohl die PKK als auch die syrischen Kurden wiesen jegliche Verantwortung für den Anschlag zurück.

Auch Experten hatten schon kurz nach dem Anschlag die Motive der Kurden in Zweifel gezogen. Und trotzdem nutzte Erdogan ihn nun, um seine lang geplante Offensive zu begründen.

Das türkische Verteidigungsministerium erklärte, die nun bombardierten Regionen in Nordsyrien und im Nordirak würden „von Terroristen als Stützpunkte für Angriffe auf unser Land genutzt“. Die Türkei berief sich daher auf das in Artikel 51 der UN-Charta verankerte Recht auf Selbstverteidigung.

Das Ministerium veröffentlichte im Onlinedienst Twitter ein Foto eines startenden Kampfjets mit den Worten „Stunde der Abrechnung“. In einem weiteren Tweet des Ministeriums hieß es: „Die Nester des Terrors werden durch Präzisionsangriffe dem Erdboden gleichgemacht.“ Ein Video zeigte eine Explosion nach einem Angriff.

Die Türkei versucht seit Jahren, an ihrer Grenze zu Syrien eine „Pufferzone“ einzurichten und die kurdischen Einheiten von dort zurückzudrängen. Die YPG-Miliz, die bei der Vertreibung der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) aus Syrien und auch aus Kobane eine entscheidende Rolle spielte, wird von den USA unterstützt. Die Türkei wirft ihr vor, ein Ableger der PKK zu sein, und stuft sie deshalb als „terroristisch“ ein. (ach/dpa)

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