Kommentar zum umstrittenen Gas-Deal Am Ende verbindet Deutschland und Katar eine ganz große Liebe

Robert Habeck (Die Grünen) und Scheich Mohammed bin Hamad bin Kasim al-Abdullah Al Thani, Minister für Handel und Industrie von Katar, treffen sich im März 2022 in Doha zum Gespräch.

Robert Habeck (Die Grünen) und Scheich Mohammed bin Hamad bin Kasim al-Abdullah Al Thani, Minister für Handel und Industrie von Katar, treffen sich im März 2022 in Doha zum Gespräch. 

Dieser Shitstorm, diese Kritik, der Ruf nach „Doppelmoral“ – das alles war schon Monate vor dem neuerlichen Gas-Deal mit Katar abzusehen. Robert Habeck ist sich der heftigen Kritik sehr wohl bewusst – und hat den Deal trotzdem durchgezogen. Gut so. Denn am Ende verbindet Deutschland und Katar eine große Liebe. Ein Kommentar. 

Wie kann man nur zu dieser Unzeit ein Gas-Deal mit den bösen Saudis aus Katar schließen? Während diese vermaledeite WM in dem Land stattfindet, bei dem mehrere Hunderte (laut WM-Organisationschef) oder Tausende (laut „Guardian“-Bericht) Gastarbeiter auf WM-Baustellen umgekommen sind? Während der „One Love“-Binden-Debatte, in dem nicht nur gegen die Fifa geschossen, sondern auch die Feigheit der deutschen Nationalmannschaft angeprangert wird?

Sogar Habeck selbst sei doch noch im Frühjahr „fröhlich“ nach Katar gereist und habe um „Gas gebettelt“, so schimpfte ein wichtiger Schweizer Chefredakteur jüngst. Und im Herbst sage er dann: „Manuel Neuer, es wäre gut, wenn er die Kapitänsbinde trägt“. Das sei „Doppelmoral vom Feinsten“.

Gas-Deal mit Katar: Deutschland steckt tief in der Zwickmühle

Auf der einen Seite also wird Katar als Unrechts-Staat beschimpft, auf der anderen machen wir Geschäfte mit ihm. Ausgerechnet während der umstrittenen WM im ebenso umstrittenen Emirat Katar hat Qatar Energy ein Abkommen über LNG-Lieferungen nach Deutschland unterschrieben – über das US-Unternehmen Conoco Phillips ab 2026. Geht doch gar nicht, oder?

Alles zum Thema Katar

Ist das Doppelmoral? Ja, das ist es. Es ist sehr einfach, das Habeck und der Ampel vorzuwerfen. Doch was wäre Alternative? Haben wir überhaupt eine? Nach dem Deal jedenfalls steht fest: Katar und Deutschland verbindet eine große Liebe: Die Liebe zur Realpolitik. Die Liebe zum Geschäft. Trotz der scharfen Kritik aus Deutschland hat es Habeck geschafft, den Vertrag mit Katar einzutüten. Und hat bereits seit März im Emirat für den Deal geworben. 

Katar: Wir sollten nicht vergessen, warum wir den Deal eingehen müssen

Und das ist gut so. Deutschland steckt tief in der Zwickmühle, man sollte nicht vergessen, warum wir händeringend auf der Suche nach neuen Gas-Lieferanten sind: Putins brutaler Angriffskrieg seit dem 23. Februar hat die Welt verändert, die einstigen russischen Gasimporte, die 55 Prozent aller deutschen Importe 2021 ausmachten, brachen weg. 

Diese zu ersetzen, ist eine echte Mammutaufgabe: Wenn wir nicht wollen, dass die Lichter ausgehen oder die Heizungen in Millionen Haushalten oder aber die Industrie in unserem Land zum Erliegen kommt, brauchen wir Alternativen. Alles andere hätte dramatische Folgen – die aktuellen Rekord-Preise, die Millionen Deutsche massiv belasten, wären nur der Anfang. Seit Monaten ist Habeck im Dauereinsatz, damit solche Szenarien nicht eintreten. Deutschland muss auch für die Energie-Politik der Vergangenheit bitter bezahlen.

Gas-Deal mit Katar: Es gibt keine lupenreine Lösung

Ab 2026 soll es Lieferungen geben, anders als beim Katar-Deal mit China (27 Jahre) „nur“ 15 Jahre. Dann sollten die größten Engpässe beseitigt sein. Doch sie werden helfen, den angespannten Markt zu beruhigen, denn Gas werden wir in Deutschland noch eine ganze Weile brauchen – so viel steht fest. Und je diverser, je vielfältiger die Quellen, desto besser. Das zeigt das Beispiel Russland. Das Geschäft mit Katar ist nur ein Baustein von vielen, Putins Gas zu ersetzen. Ein Baustein, auf den Deutschland mittelfristig nicht verzichten kann. 

Und wer kritisiert, dass man sich nach Russland nun vom nächsten Unrechts-Staat abhängig mache, der sollte sich klarmachen, dass das Gas aus Katar nicht einmal drei Prozent des bisherigen Gasbedarfs ausmacht. Und eine „Doppelmoral“ würde auch dann bestehen, wenn Deals mit den USA (ökologisch bedenkliches Fracking-Gas) oder Australien (mit seiner mehr als fragwürdigen Flüchtlingspolitik) abgeschlossen werden.

Gas-Deal mit Katar: Die Welt ist kein Bullerbü

Sollten Energiekonzerne nur dort einkaufen, wo moralisch, ökologisch und politisch alles unseren Ansprüchen genügt? Sollten deutsche Produkte auch nur dorthin verkauft werden, wo alles super ist? Was bleibt dann übrig für Handel, für Wirtschaft?

Nein, es gibt keine lupenreine, keine moralisch einwandfreie Lösungen, kein Schwarz und Weiß. Es gibt nur eine Politik der Kompromisse. Die Welt ist kein Bullerbü. 

Realpolitik ist keine Politik, für die es viel Applaus und Zuspruch gibt. Und Handel funktioniert nie einseitig, sondern fußt auf Gegenseitigkeit. Aber es sind Lösungen. Das heißt aber nicht, dass wir schweigen sollten. Es wird nun umso wichtiger, dass Politikerinnen und Politiker und auch Robert Habeck den Mund aufmachen, um Menschenrechtsverletzungen oder Unrecht anzuklagen. Dazu sollte es niemals eine Alternative geben.

Sie verwenden einen veralteten Browser. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um Ihren Besuch bei uns zu verbessern.