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Extremismus-Experte über Böller-Gewalt„Muss sagen, was kein Politiker sich bis jetzt zu sagen traut“

Über die Böller-Gewalt und das Silvester-Chaos in Berlin wird weiter heftig debattiert: Wer ist verantwortlich für die Ausschreitungen? Ein Experte für Extremismusprävention sagt im Interview, dass er sich eine Debatte wünsche, die über das Böllerverbot hinausgeht.

Wohnungen und Autos brennen, Einsatzkräfte werden mit Böllern, Steinen, Feuerwehrlöschern beworfen, ein verkohlter Reisebus steht auf der Berliner Sonnenallee: Es wird weiterhin heftig darüber diskutiert, woher diese massive Gewalt gegen die Einsatzkräfte kommt. „Eine neue Dimension der Gewalt“, so beschreiben es Politikerinnen und Politiker. 

Vor allem Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) zeigte sich schockiert: Vor allem sein Bezirk hat es besonders getroffen. „Zwar gab es von Spandau bis nach Marzahn überall Angriffe auf Einsatzkräfte, doch nirgends waren Gewalt und Chaos so groß wie in Neukölln“, sagt er dem „Tagesspiegel“. Über die Hälfte aller Feuerwehrleute soll allein dort attackiert worden sein, 33 verletzte Einsatzkräfte gab es in der Hauptstadt.

Debatte über Silvester-Gewalt: „Führen immer dieselbe Diskussion“

Doch woher kommt diese massive Gewalt? Und würde ein Böller-Verbot, über das derzeit gestritten wird, wirklich derlei Szenen in Zukunft verhindern?

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Ahmad Mansour, Psychologe und Experte für Extremismusprävention, glaubt nicht daran, wie er im Nachrichtensender „Welt“ sagte. Er selbst sei in der Silvesternacht in Berlin unterwegs gewesen und benennt nun im Interview klar, wen er für verantwortlich hält.

„Ehrlich gesagt bin ich wütend darüber, dass wir immer wieder diese Debatte führen, punktuell. Aber das ist nicht das erste Mal, dass es zu Angriffen auf Polizisten und Rettungskräfte kommt“, erklärt Mansour. Das sei längst kein Problem, das nur zum Jahreswechsel auftritt. Er wünsche sich daher nicht eine Debatte über ein Böller-Verbot an Silvester, „sondern über die Menschen, die diesen Tag nutzen, um ihre Gewaltphantasien auszuleben“.

Experte über Silvester-Gewalt: „Muss sagen, was kein Politiker sich zu sagen traut“

Mansour weiter: „Ich muss es sagen, was kein Politiker sich bis jetzt zu sagen traut. Es handelt sich meistens um Menschen mit Migrationshintergrund und es handelt sich um Flüchtlinge.“ Sie wollten ihre Respektlosigkeit und Verachtung gegenüber den staatlichen Strukturen zum Ausdruck bringen – „und darüber müssen wir reden“, so Mansour. Natürlich treffe das nur auf wenige Flüchtige oder Menschen mit Migrationshintergrund zu. „Aber es ist ein Thema, das bisher in allen Statements, die ich gehört habe, nicht erwähnt wurde.“ 

Von Regierungsseite gab es bislang noch keine Angaben dazu, welchen Gruppen die Übergriffe zuzurechnen waren. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sprach lediglich von Chaoten und Gewalttätern.

„Im Kern ein Integrationsproblem, kein Silvesterproblem“

Es gehe im Kern um ein Integrationsproblem, nicht um ein Silvesterproblem, so Mansour weiter. Eine Debatte, die auch schon nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015 in Köln geführt wurde. Warum ist scheinbar seitdem so wenig passiert? „Weil wir die Menschen viel zu wenig erreicht haben“, antwortet Mansour. Und weil die Politik noch nicht begriffen habe, dass das ein Integrationsthema sei und vieles von dem tabuisiert werde. 

„Wir sind nicht in der Lage, die Ursachen anzusprechen und die Ursachen liegen in der patriarchalischen Strukturen, liegen in der Desintegration von Menschen. Und wenn wir Dialoge darüber führen wollen, dann müssen wir auch in der Lage sein, diese Themen anzusprechen und klarzumachen, dass das nicht akzeptabel ist und diese Leute auch bestraft werden“, erklärt Mansour. Mit „wir“ meine er nicht nur eine gesamtgesellschaftliche Debatte, sondern auch die Politikerinnen und Politiker. „Ich erwarte von ihnen, dass sie in der Lage sind, diese Probleme ebenso anzusprechen wie Rassismus und Diskriminierung“. 

Jens Spahn: „Geht um fehlenden Respekt vor dem Staat statt um Feuerwerk“

Die Lösung liege für Mansour zum einen in harten Strafen. „Menschen, die bei uns Schutz suchen, sind willkommen, aber wenn wir von ihnen Schutz suchen müssen, haben wir ein Problem“.  Zweitens sollte es Dialogplattformen geben, in denen man nicht nur Begegnungen schafft, sondern auch die Werte der Gesellschaft vermittelt.

Auch der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Jens Spahn sieht einen Zusammenhang zwischen dem Silvester-Chaos und gescheiterter Integration. Die Politik in Deutschland müsse sich ernsthaft die Frage stellen, warum die Silvesterfeiern immer wieder an denselben Orten mit den gleichen Beteiligten so eskalierten, so Spahn gegenüber „t-online“.

Spahn weiter: „Da geht es eher um ungeregelte Migration, gescheiterte Integration und fehlenden Respekt vor dem Staat statt um Feuerwerk.“ (mg)