Gequält, misshandelt, missbraucht So geht es dem Jungen aus dem Sex-Verlies heute

Sex-Verlies-Opfer

Bernhard Müller war eines der Opfer.

Saarbrücken – Er wurde gequält, misshandelt, immer wieder missbraucht. Was Bernhard Müller vor 16 Jahren als kleiner Junge im Hinterzimmer der „Tosa-Klause“ in Saarbrücken erlitt, ist unvorstellbar.

Und dass er das Grauen überlebte, grenzt an ein Wunder. Sein Freund Pascal, mit dem Bernhard durch diese Hölle ging, ist ermordet worden.

Pascal wurde nie gefunden

Die Leiche des damals fünf Jahre alten Jungen wurde nie gefunden. Bernhard Müller aber hat überlebt. Nur: Wie lebt ein Mann, dem als kleines Kind Derartiges angetan wurde?

Wir möchten mit ihm reden. Nach einigem Zögern ist Bernhard Müller, inzwischen 22 Jahre alt, dazu bereit. Wir begegnen einem jungen, freundlichen Mann.

Sex-Verlies-Opfer Kind

Der kleine Pascal wurde in der „Tosa-Klause“ immer wieder missbraucht.

Kleiner Kinnbart, leicht gegelte Haare, ein offener Blick hinter einer modischen Brille. Eine Sprachbehinderung macht ihm zu schaffen. Er sagt: „Einschränkungen, die mit dem zu tun haben, was ich erlebt habe.“

Er und Pascal haben Entsetzliches erlebt. Und Bernhard Müller leidet bis heute unter den Folgen des Martyriums. Eine Trauma-Therapie habe ihm sehr geholfen. „Das war sehr intensiv, das war nicht leicht. Und es hat lange gedauert, sehr lange – von 2004 bis 2012.“

Noch immer kann er nicht über alle Taten sprechen

Heute lebt er allein in einer kleinen Wohnung. „Mit Unterstützung, damit ich nicht wieder ins Bodenlose falle“. Die Gefahr bestehe weiterhin. Es gebe da immer noch Dinge, über die er nicht sprechen könne.

Inzwischen tritt der 22-Jährige auch in der Öffentlichkeit auf. Zuletzt in Schwalbach, wo am Rande des Friedhofs ein Gedenkstein an das Leiden Pascals, die anderen Opfer sexueller Gewalt und die vermissten Kinder erinnert. Die Idee dazu kam von der „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“.

Sex-Verlies

In diesem Haus wurden mehrere Kinder über Jahre hinweg sexuell missbraucht und misshandelt.

Bernhard war gerade 15 Jahre alt, als er gefragt wurde, ob er nicht etwas zum Gedenken an Pascal schreiben wolle. Er wollte. Aber er ahnte da wohl nicht, wie schwer ihm das fallen würde. „Das hat unglaublich lange gedauert, bis ich das auf Papier gebracht hatte. Ich musste immer wieder heulen.“

Schmerzhafte Erinnerungen

Mit der Hilfe des Steinbildhauers Bruno Johannes Harich meißelte er dann eigenhändig mehrere Buchstaben in folgende Sätze:

„Lieber Pascal, wir beide waren noch so klein, als wir das Allerschlimmste, den Missbrauch an uns Kindern, erleben mussten. Jetzt lebe ich mit diesen schmerzhaften Erinnerungen, die mich nicht loslassen wollen – und du bist nicht mehr da. Ich bewahre dich in meinem Herzen, Dein Freund B.M.“

Während der Enthüllungsfeier in Schwalbach sprach eine Tante Pascals von der „Ohnmacht über einen Freispruch aus Mangel an Beweisen“ für die zwölf Angeklagten, die wegen Missbrauchs und mutmaßlicher Tötung vor Gericht standen. Auch an Bernhard ging das nicht spurlos vorüber. „Für mich brach damals eine Welt zusammen“.

Auftritte machen Mut

Und heute? „Ich frage mich immer noch, wie es sein kann, dass da ein Kind verschwindet und nicht gefunden wird“. Das sei ja kein Einzelfall: Mit dem Gedenkstein und seinem öffentlichen Auftritt will er Opfern ähnlicher Taten „Mut machen, die Täter anzuzeigen“.

Aber auf dem Gedenkstein ist auch von „schmerzhaften Erinnerungen, die mich nicht loslassen wollen“ die Rede. Wie geht er heute mit dem Erlittenen um?

„Ich habe mühsam gelernt, vieles zu vergessen. Ein Therapeut hat mir dabei sehr geholfen.“ Dass er sich tatsächlich kaum noch erinnere, wollen viele nicht glauben. „Es ist aber so!“

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Der Gedenkstein, der an Pascall und all die anderen vermissten Kinder erinnert.

Er sei ein Mensch, dem etwas Schreckliches passiert sei. „Dass ich beeinträchtigt bin, das ist nicht zu ändern. Ich bin wie ich bin mit meinem Päckchen – das ist einfach so.“ Aber er will sich nicht länger „in diese Opferrolle pressen lassen“.

Und fügt fast flehend hinzu: „Ja, ich bin Opfer. Aber es muss doch auch für mich möglich sein, ein geregeltes Leben zu führen!“ Und er will nicht dauernd beschützt werden.

Das sind seine Zukunftspläne

Und seine beruflichen Pläne? Er will Helfer im Gartenbau werden, Spezialgebiet Blumen und Zierpflanzen. Eine Imker-Ausbildung hat er schon. „Mit Zertifikat“, wie er stolz hinzufügt.

Schritt für Schritt zurück in eine normale Zukunft. Das wird mit der düsteren Vergangenheit nicht einfach. Er weiß das. Und lächelt doch.

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