Sieben Jahre chinesisches Gefängnis Von der High Society in den Horror-Knast

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Robert Rother, gebürtiger Dortmunder, überstand den chinesischen Knast. Als einer der ersten Deutschen spricht er über die fürchterlichen Haftbedingungen. 

Peking – Mit 13 Jahren eröffnete er sein erstes Aktiendepot; mit 17 seine erste Firma; mit 20 verkaufte er seine Anteile für 200.000 Euro. Düsseldorf adé, China und das ganz große Geld warten auf mich!

Und Robert Rother (37), der moppelige Schulabbrecher aus Westfalen, den Dollar und Yuan stets mehr interessierten als Goethe und Schiller, lebte schließlich seinen Traum. Er gehörte zur High Society im Land des Lächelns.

Robert Rother: Von der High Society zum Knastbruder

Mit 30 verging ihm das breite Grinsen, für das er so bekannt war. Beim deutschen „König von China“ klickten die Handschellen. Sieben Jahre und sieben Monate erlebte er im chinesischen Knast die Hölle auf Erden.

„Es war so geil, ganz oben zu sein, sagen zu können: Alter, du hast es geschafft! Du gehörst zur High Society! Das machte mich blind und größenwahnsinnig“, erinnert er sich heute selbstkritisch.

Robert Rother: Chinesin half ihm bei seinem Aufstieg

Der Start im Land der Morgenröte war alles andere als leicht. Der Pfiffikus hatte zwar tausend Ideen im Kopf, scheiterte jedoch oftmals krachend.

Doch dann traf er sie: Zheng Li, die sich auf Englisch Angelina nannte. „Gott, war das eine Frau! Ein Wunderweib! Eine Zauberfee! Diese Frau bringt Dich zu neuen Ufern und dem Traum einer Investmentfirma näher“, erkannte er schon beim ersten Gespräch im Starbucks.

Sie wurde seine Lehrmeisterin und erklärte ihm, wie man in die High Society gelangt. Wichtigstes Motto: Nicht kleckern, sondern klotzen und protzen – und niemals aufhören zu saufen, wenn der oberste Boss am Tisch noch nicht genug hat.

Robert Rother: Ferrari und Hubolt als Eintrittskarte 

„Mein erster Ferrari, ein schwarzer 430 für 600.000 Dollar und meine fette Hublot Big Bang am Handgelenk waren die Eintrittskarten in die feine Gesellschaft“, erinnert er sich. „Und die Finanzkrise damals war der Türöffner zum ganz großen Geld.“ Wenige Monate nach der Krise habe er zusammen mit seiner Partnerin 800.000 Dollar gemacht.

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Vor Gericht lachte Rother noch. Im Knast nicht mehr. Da nahm er schnell 20 Kilo ab. 

Das „Geschäft“ blühte: Rother legte Schwarzgeld im Ausland an, pumpte Staatsdienern zu Wucherzinsen Geld für Landflächen, die bald drauf als Bauland ausgewiesen wurden und einen tausendfachen Gewinn erzielten. Im Spielcasino schöpfte er Insidertipps ab und verschob Schwarzgeld ins Ausland.

Rother lebte ein Leben auf der Überholspur

Rother leistete sich ein 300-Quadratmeter-Appartement mit Angestellten und Seeblick in „Portofino“. „Die Chinesen bauen alles nach. Portofino sieht aus, wie sich Chinesen das Original in Italien vorstellen.“

Ein Leben auf der Überholspur – und wenn er im Suff mal einen Ferrari schrottete, egal. Er hatte ja noch einen zweiten – und einen Maserati. „Ich konnte irgendwann nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheiden, zwischen Gut und Böse“, schreibt er in seinem Buch „Drachenjahre“.

Robert Rother: „Wollte der Bloomberg von China werden“

Sein ganz großer Coup sollte eine Nachrichten-Webseite für China-Investoren werden. „Ich wollte der Bloomberg von China werden, habe die Lizenzen von der chinesischen Regierung gekauft, Millionen investiert“, erinnert er sich. „Das ging echt ab, weil ich der erste war, als China seinen Finanzmarkt für Ausländer öffnete.“

Doch mit dieser Seite sei er der Staatsmacht, die stets die Medienkontrolle behalten will, ein Dorn im Auge gewesen, vermutete er. Kurz vor seiner Verhaftung habe er den Tipp bekommen, dass man ihn ruhig stellen wolle.

Robert Rother wird in einer Bar festgenommen

Es ist der 20. Mai 2011. Beamte nehmen ihn in seiner Lieblingsbar „Lili Marleen“ fest  – Vorwurf: „Vertragsbetrug und Schneeballsystem“. Vieles, was er gemacht habe, sei sicherlich am Rande der Legalität gewesen, gibt er im Gespräch mit uns zu. Aber diese Vorwürfe seien ein Witz.

Damals ahnte der Geldverschieber nicht, was ihm blühen würde. „Ich war in der U-Haft mit 14 Leuten in einer Zelle zusammengepfercht.“

Rother wurde ans Bett gefesselt

Sie hätten auf der Pritsche Schulter an Schulter gesessen, mussten ihr Geschäft vor den Augen der anderen über einem Loch verrichten. „Ständig fiel das Wort Todesstrafe. Als ich mich wegen der Medizinversorgung beschwerte, wurde ich mit schweren Hand- und Fußketten an Bettpfosten gekettet, bis ich mich entschuldigte.“

Rother, bis dato nicht sonderlich gläubig, klammerte sich an die Bibel, den Koran, hinduistische und buddhistische Schriften. „Sie können Dir Deine Würde nicht nehmen, das, was Du im Herzen hast“, erkannte er.

Der Knastalltag war hart 

Seine Vorwürfe wiegen schwer: Während der Gerichtsprozess lief, habe man ihm seine Wohnung ausgeraubt, sich Besitztümer und Geld in Millionenhöhe unter den Nagel gerissen. Das ist aber harmlos gegen das, was der Gefangene nach dem Urteil – acht Jahre – im Knast von Shenzhen erlebte.

Neun Stunden pro Tag musste Rother im Akkord Draht auf Eisenringe ziehen. Zwei Euro gab’s dafür im Monat. Das Essen: Reispampe mit abgelaufenem Gemüse. Freizeit: 19 bis 21 Uhr – Umerziehungskurse mit Marx und Co. Wer sich quer stellte, kam tagelang auf einen „eisernen Stuhl“, dessen Streben auf der Sitzfläche mittig angespitzt waren und die sich langsam ins Gesäß bohrten.

Chinesisches Gefängnis: Folter mit Elektroschocks

„Gehirn frittieren“, hieß eine andere Foltermethode mit dem Elektroschocker, der bei seinen Mitgefangenen an der Schläfe eingesetzt worden sei. Davon sei er, der Deutsche und somit „Edelgefangene“, aber verschont geblieben. Vor allem Chinesen habe es erwischt. Das habe er auch immer wieder dem Mitarbeiter des deutschen Konsulats gesagt, der ihn regelmäßig aufsuchte.

Das Auswärtige Amt will davon indes nichts gehört haben. Rother reagiert im Gespräch mit uns zum ersten Mal verbittert: „Die Export-Geschäfte sind wohl wichtiger.“

Rother wurde vorzeitig entlassen

Am 19. Dezember 2018 kam der Deutsche frei – fünf Monate wurden ihm wegen guter Führung erlassen. Er zog zu seiner Mutter nach Wangerooge, leckte seine Wunden und fing an, sich auf seine Weise zu rächen: Er schrieb ein Buch über die unmenschlichen Haftbedingungen.

Der 37-Jährige lebt jetzt aus dem Koffer, derzeit bei einem Freund in Hamburg. Er will eine neue Firma aufbauen: Eine Art „Talentschmiede“. Er wolle besondere Menschen finden, nachhaltig fördern und Kontakte herstellen. Aber – jede Wette – bestimmt nicht nach China.

Chinesisches Gefängnis: Folter ist an der Tagesordnung

Offiziell ist Folter in der Volksrepublik China verboten, doch Menschenrechtsverletzungen gehören in chinesischen Gefängnissen zum Alltag, bestätigen auch Amnesty International und die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte.

Folter und Misshandlungen seien an der Tagesordnung. Beinahe jeder Inhaftierte müsse Schläge, Tritte und das Überdehnen der Gelenke erdulden. Viele Häftlinge würden zu Arbeiten gezwungen, die ihre physischen Möglichkeiten übersteigen. 

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