A1 Richtung Köln Laster mit 20 Tonnen Fleisch in Flammen – Sperrung dauert an

350 Mio. Euro pro Woche mit Kokain 'Ndrangheta – Die mächtigste Mafia der Welt

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Der wegen Kokainschmuggels angeklagte Pizzabäcker Mario A. (r.) beim Prozess in Köln mit Anwalt Gottfried Reims.

Pulheim – Seine Pizzen waren lecker. Die Osteria von Mario A. (46) war ein beliebter Treffpunkt im Pulheimer Stadtteil Geyen. Geht es nach der Kölner Staatsanwaltschaft, war der Pizzabäcker allerdings nicht nur am Herd ein Meister.

Mit einem Pferdetransporter soll er mit Komplizen rund 1,8 Tonnen Kokain nach Großbritannien geschmuggelt haben. Im Rahmen der weltweiten Anti-Mafia-Razzia mit dem Decknamen „Pollino“ wurde er im vergangenen Jahr festgenommen. Ihm und vier weiteren Angeklagten wird derzeit in Köln der Prozess gemacht.

Der Vorwurf: Verbindungen zur kalabrischen 'Ndrangheta – der derzeit mächtigsten Mafiagruppe der Welt.

'Ndrangheta handelt mit Drogen und Waffen

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Von Süditalien aus kontrolliert die 'Ndrangheta (bedeutet etwa so viel wie Treue und Mut) inzwischen große Teile des weltweiten Kokainhandels. Aber auch mit Waffenhandel, Geldwäsche und Korruption verdient sie Geld.

Nach Meinung von Experten hat sie andere Mafiaorganisationen wie die sizilianische Cosa Nostra oder die Camorra in Kampanien inzwischen längst überflügelt.

In Deutschland ist sie spätestens seit den Mafiamorden von Duisburg bekannt, als im August 2007 sechs Menschen vor einer Pizzeria erschossen wurden.

'Ndrangheta auch in NRW sehr aktiv

Nach Schätzungen geht man allein in Deutschland von 800 bis 1000 'Ndrangheta-Mitgliedern aus, die in Stützpunkten operieren – auch in Nordrhein-Westfalen. Genaues weiß man allerdings nicht, da die Mafiosi heute weitgehend auf spektakuläre Gewalttaten verzichten, um ungestört ihre Geschäfte machen zu können.

Meist führen sie ein normales bürgerliches Leben vor Ort, um nicht aufzufallen – oder sie reisen für ihre Jobs extra für mehrere Tage an.

'Ndrangheta verdient 350 Millionen Euro pro Woche mit Drogen

Laut einem Experten der italienischen Anti-Mafia-Polizei DIA, der aus Sicherheitsgründen unerkannt bleiben will, verdient die 'Ndrangheta nach Recherchen des Eurispes-Instituts mit dem Drogenschmuggel inzwischen 300 bis 350 Millionen Euro – pro Woche.

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Milliardärssenkel John Paul Getty III. (†) wurde 1973 von der ’Ndrangheta gekidnappt. 

Aktiv ist sie auf allen fünf Kontinenten, schätzungsweise mit rund 60.000 Mafiosi, die in etwa 90 Clans organisiert sind.

'Ndrangheta: Geschichte geht bis ins 19. Jahrhundert zurück

Begonnen hatte die im 19. Jahrhundert im armen Kalabrien gegründete 'Ndrangheta mit Entführungen und Erpressung von Lösegeld. Die Angst vor Entführungen war unter den italienischen Prominenten groß – vor allem in den späten 1970ern.

Potenzielle Ziele für Kidnapping verließen das Land – wie die Familie des Ex-Models Carla Bruni. Die heutige Frau des französischen Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy zog 1975 nach Frankreich.

'Ndrangheta infiltrierte auch den Immobilien- und Bausektor

Laut dem DIA-Experten landeten von den geschätzt 800 Milliarden Lira (heute etwa 413 Millionen Euro) Lösegeld, das die italienischen Mafiosi mit Entführungen erpressten, 65 bis 70 Prozent in den Händen der 'Ndrangheta. Dieses Geld wurde sofort wieder investiert: teilweise in Luxusgüter wie Villen oder teure Autos.

Der größte Teil wurde aber dazu genutzt, in den Kokainschmuggel einzusteigen. Von „Filialen“ in den Herkunftsländern wie Bolivien, Peru oder Kolumbien wird die Ware bis heute in Kooperation mit südamerikanischen Clans vor Ort gekauft und nach Europa geschmuggelt – einer der wichtigsten Absatzmärkte. Die 'Ndrangheta infiltrierte auch den Immobilien- und den öffentlichen Bausektor.

'Ndrangheta-Mitglieder schnitten Kidnapping-Opfer ein Ohr ab

Die Beute aus der Entführung von John Paul Getty III. in Höhe von rund 2,9 Millionen Dollar floss etwa in ein Wohnviertel an der kalabrischen Küste mit dem Spottnamen „Getty Village“. Der Milliardärsenkel (starb 2011 im Alter von 54 Jahren) war 1973 als 16-Jähriger in Rom entführt und fünf Monate in den kalabrischen Bergen gefangen gehalten worden.

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 Im Hafen von Antwerpen wurden 2019 rund 61,8 Tonnen Kokain sichergestellt.

Sein rechtes Ohr schnitten die Kidnapper ab, um Druck auf die Familie auszuüben, die zunächst geforderten 17 Millionen Dollar zu zahlen.

'Ndrangheta: Mafia-Bosse wollen keine Aufmerksamkeit erregen

Heute legen die Bosse Wert darauf, möglichst wenig Aufsehen zu erregen, damit ihre Millionen-Geschäfte mit dem Kokain reibungslos laufen. Auch dieses schmutzige Geld wird schnell investiert, das heißt „gewaschen“.

Mit den Milliarden kaufen die Clans zum Beispiel Immobilien wie Hotels oder auch Pizzerien und nötigen die Betreiber, zu überhöhten Preisen Wein, Mehl oder Olivenöl aus Kalabrien zu kaufen oder ihnen bei Schmuggelgeschäften behilflich zu sein. Auch wird versucht, auf die Politik Einfluss zu nehmen und „Freunde“ in wichtige politische Ämter zu schleusen.

'Ndrangheta: Treue bis in den Tod

Ihnen auf die Schliche zu kommen, ist für Ermittler äußerst schwierig – obwohl es immer wieder gelingt, teilweise seit vielen Jahren untergetauchte Bosse zu fangen und ihnen den Prozess zu machen. Aussteiger oder Kronzeugen gibt es nur wenige.

Die kriminelle Effizienz verdankt die 'Ndrangheta vor allem ihrer familiär strukturierten, auf Blutsverwandtschaft basierenden Organisation – und Aufnahmeritualen, bei denen Neulinge mit Heiligenbildchen in der Hand Verschwiegenheit und Treue bis zum Tod schwören müssen.

'Ndrangheta-Mitglieder sind oft sehr gläubig

Die Katholische Kirche und die „Ehrenwerte Gesellschaft“– auch das schloss sich Jahrzehnte nicht aus. Der lange Arm der Mafia reichte sogar bis in den Vatikan. Ein perverser Pakt mit dem Teufel, gegen den sich nur wenige mutige Priester stemmten, die dafür oft mit dem Leben bezahlten.

Brutale und gewissenlose Gangster, die – ohne mit der Wimper zu zucken – morden, geben sich gerne fromm, gehen zur Beichte und spenden Geld für ihr Seelenheil. Kirchliche Heirat und die katholische Erziehung der Kinder sind ein Muss in diesen Kreisen.

Von Papst Franziskus exkommuniziert

Das änderte sich erst allmählich. Im Juni 2014 exkommunizierte Papst Franziskus bei einem Besuch in Kalabrien mit harschen Worten sogar alle 'Ndrangheta-Mitglieder, nachdem der kleine Coco Campolongo (3) mit seinem Großvater und einer Begleiterin offenbar im Zuge einer Mafia-Fehde in seinem Auto nahe der Stadt Cassano all’Jonio erschossen worden war. Der päpstliche Bannstrahl mag die Mafiosi ärgern, ihre kriminellen Machenschaften werden sie deswegen nicht einstellen.  

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