Kratom-Vergiftungen schocken die USA. Aber Experten sagen: Ihr schaut auf die falsche Substanz!
Gefährlicher IrrtumUS-Behörde warnt vor Kratom – doch das wahre Gift ist ein anderes

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Personen tauschen Geld für Kratom-Blätter.
Die US-Gesundheitsbehörde CDC läutet die Alarmglocken: Immer mehr Menschen in den Vereinigten Staaten erleiden Vergiftungen, die mit Kratom in Verbindung gebracht werden. Fachleute sehen darin jedoch einen fatalen Irrtum. Sie befürchten, dass undifferenzierte Verbote jenen schaden, die auf die natürliche Pflanze zur Linderung von Schmerzen oder im Kampf gegen eine Abhängigkeit angewiesen sind.
Der Grund für diese dramatische Zunahme liegt höchstwahrscheinlich bei 7-Hydroxymitragynin, kurz 7-OH. Diese Substanz ist größtenteils künstlich hergestellt und findet sich nur in winzigen Mengen im natürlichen Kratomblatt. Laut Christopher McCurdy, Chemiker und Pharmakologe an der University of Florida, wird 7-OH seit etwa 2024 in Getränken und anderen Artikeln „als Kratom oder als überlegenes Kratom-Alkaloid vermarktet“. Die Folge: Bei den Giftnotrufen, die der CDC-Report auswertet, werden beide Stoffe in einen Topf geworfen. Das berichtet „the Guardian“.
Die riskante Kopie
Die Trennung zwischen 7-OH und der echten Kratom-Pflanze (Mitragyna speciosa), die in Südostasien seit Ewigkeiten als Schmerzstiller dient, ist „wohl die wichtigste wissenschaftliche Unterscheidung im Moment“, erklärt Austin Zamarripa, Professor für Psychiatrie an der Johns Hopkins University. Er warnt, dass diese unklare Kennzeichnung ein „ernsthaftes Problem für die Verbrauchersicherheit“ darstellt. Denn 7-OH birgt Risiken, die man von Opioiden kennt: schwere Abhängigkeit, heftige Entzugserscheinungen und die gefährliche Verlangsamung der Atmung, die bei einer Überdosis tödlich sein kann.
Im Gegensatz dazu gilt die natürliche Pflanze in diversen Studien an Tieren und Menschen als vergleichsweise harmlos. Bereits 2018 stoppte Brett Giroir, der damalige Gesundheitsminister, einen Vorstoß der Drogenbehörde DEA, Kratom zu verbieten. Er argumentierte, die Beweislage sei zu dünn. Eine FDA-Pilotstudie am Menschen, bei der McCurdy mitwirkte, bestätigte ein Jahr später: keine ernsten negativen Effekte. Die häufigste Beschwerde war Erbrechen, eine bekannte Nebenwirkung.
„Als ob mein Körper in Flammen steht“
Obwohl die Unterschiede zwischen 7-OH und der Naturpflanze so deutlich sind, haben zahlreiche US-Bundesstaaten Generalverbote für sämtliche Kratom-Erzeugnisse erlassen oder planen dies. Das treibt jene zur Verzweiflung, für die es ein unverzichtbares Mittel ist. Eine neue Erhebung unter Konsumenten zeigt: Rund die Hälfte leidet an chronischen Schmerzen, circa 40 Prozent befinden sich im Kampf gegen eine Sucht.
Zahlreiche Betroffene erzählen, wie sie mit Kratom ihre Abhängigkeit von Opioiden, Alkohol oder Stimulanzien bekämpfen. Einer von ihnen ist Jeff Maslan (68) aus Kalifornien. Wegen schwerer Arthrose wird er seit seinem 40. Lebensjahr immer wieder operiert. Er schilderte, wie er nach jeder Operation in die Opioid-Abhängigkeit rutschte und zusätzlich zum Wundschmerz den qualvollen Entzug durchlitt. Heute, sagt Maslan, hilft ihm Kratom, genau diese Entzugssymptome zu bekämpfen.
Auch Steven, ein Kalifornier Ende 40, hat eine schmerzhafte Herzkrankheit. Nach acht Jahren wurde ihm plötzlich sein Oxycodon-Rezept entzogen – neue Opioid-Regeln. Der Entzug war die Hölle, gerade mit seinem Herzleiden. „Ich habe meine Herztabletten erbrochen. Ich habe stark geschwitzt und hatte extreme Schmerzen“, berichtet Steven. Er ergänzt, er „hätte so ziemlich alles getan“, damit es aufhört.
Hilfe statt High-Gefühl
Völlig verzweifelt besorgte sich Steven Kratom. Nach der Einnahme geschah das Unglaubliche: „war der Entzug einfach weg. Mein ganzer Körper fühlte sich nicht mehr an, als stünde er in Flammen, meine Haut krabbelte nicht mehr.“ Anders als bei Opioiden, erklärt Steven, verschaffe ihm Kratom kein „warmes, wohliges Gefühl“. Es sorge schlicht dafür, dass er wieder am Leben teilnehmen kann.
Andere wiederum nutzen die Pflanze, um von illegalen Drogen wegzukommen. Misty Brown, eine Aktivistin, die vor mehreren Parlamenten für Kratom sprach, erzählte ihre Geschichte: Nachdem ihr Arzt sie wegen des Verdachts auf Rezeptmissbrauch nicht mehr behandelte, kaufte sie Opioid-Pillen auf der Straße. Sie besorgte sich Kratom, weil sie sich einen Rausch erhoffte. „Ich bin völlig zufällig in meine Genesung geraten“, so Brown. Das Kratom machte sie nicht high, doch nach der Einnahme war das Verlangen, ihre Dealer zu kontaktieren, verschwunden.
Fachleute bestätigen: Die natürliche Pflanze allein löst kaum einen euphorischen Zustand aus. Auch die Klassifizierung als Opioid weisen sie zurück. Zwar dockt der Wirkstoff teilweise an Opioid-Rezeptoren an, aber er stimuliert zugleich andere Bereiche im Gehirn. Das macht seine Wirkung vielschichtig. Es könnte die Erklärung sein, weshalb Kratom weniger berauschend wirkt als Opioide und manche Konsumenten sogar von einem Energieschub sprechen.
Zamarripa mahnt aber auch zur Vorsicht bei der Nutzung im Entzug. Bei Todesfällen, in denen Kratom nachgewiesen wurde, waren fast ausnahmslos weitere Drogen wie Fentanyl im Spiel – ein möglicher Hinweis auf einen Rückfall. Auch Kratom selbst birgt ein Suchtpotenzial, wenn auch ein geringeres als bei klassischen Opioiden. Ein weiteres Problem: In manchen Produkten wurden Schwermetalle entdeckt.
Trotzdem plädiert Zamarripa dafür, natürliches Kratom legal zu belassen. „Diese Produkte können für einige Personen einen bedeutenden Nutzen bieten, und dieser Nutzen könnte verloren gehen, wenn der Zugang zu stark eingeschränkt wird“, meint er. Er ergänzt, dass „konzentrierte 7-OH-Produkte“ wohl anders behandelt werden müssten. Steven, der durch Kratom seltener ins Krankenhaus muss, findet für die pauschalen Verbote einen treffenden Vergleich: „Es gibt Maiskolben, es gibt Maissirup mit hohem Fruchtzuckergehalt, es gibt Whiskey, sie alle werden aus Mais hergestellt, aber sie sind alle völlig verschieden.“ (red)
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