Flucht aus der DDR Mit dem selbstgebauten Ballon in die Freiheit

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Ein Teil der Ballonhülle zerriss nach der Flucht aus der DDR bei der unsanften Landung bei Naila. Experten und Schaulustige schauten sich die Konstruktion nach der gelungenen Flucht begeistert an.

Pößneck – Ihre waghalsige Flucht aus der DDR dauerte 28 Minuten – bange Minuten voller Angst, ob sie es schaffen würden. Die acht Menschen hatten Glück, der starke Nordwind trug sie in die Freiheit.

Vor 40 Jahren, am 16. September 1979, überwanden zwei Familien aus Pößneck in Thüringen mit einem selbstgebauten Heißluftballon die innerdeutsche Grenze. Ein lebensgefährliches Bravourstück, das weltweit Schlagzeilen machte – zehn Jahre vor dem Mauerfall!

Sie nähten den Ballon in ihrem Keller selbst

Es ist kurz nach Mitternacht, als Peter und Doris Strelzyk (damals 37 und 31) und Günter und Petra Wetzel (beide 24) mit ihren Kindern (zwischen 2 und 15 Jahre alt) eine Wiese bei Pößneck in Thüringen nahe der DDR-Grenze zu Bayern erreichen.

In ihrem Wartburg mit Anhänger lagern eine rund 150 Kilo schwere Ballonhülle, Propangasflaschen und die Gondel – nur 1,40 mal 140 Meter groß, mit vier Pfosten an den Ecken zum Festhalten.

Alle Materialien hatten die Familien über Wochen in kleinen Mengen und an unterschiedlichen Orten „organisiert“ oder von ihren Ersparnissen gekauft.

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Der Ballon nach seiner harten Landung in Bayern.

In wochenlanger Heimarbeit nähen sie nach Feierabend im Keller aus rund 1240 Quadratmetern Stoffteilen die Ballonhülle in Form und schweißen die Gondel zusammen. Man kennt sich gut. Strelzyk und Wetzel sind Kollegen in einer Pößnecker Kunststofffabrik. Die Familien sind miteinander befreundet.
Stasi auf ihren Fersen

Auf „Republikflucht“ stand Gefängnis

Es ist bereits der zweite Fluchtversuch, der erste war im Juli gescheitert. Doch die Ballonfahrer hatten unerkannt nach Hause zurückkehren können. Allerdings war Eile geboten.

Die Stasi hatte den abgestürzten Ballon mitsamt persönlicher Gegenstände entdeckt und eine Fahndung eingeleitet. Aufs „Rübermachen“ oder „Republikflucht“, wie das im DDR-Jargon hieß, stand Gefängnis – und das oft für viele Jahre. Dieses Mal sollte nichts schiefgehen.

Das Team ist eingespielt, der 28 Meter hohe Ballon schnell aufgeblasen und startbereit. Langsam steigt er auf, und der frische, kräftige Wind bläst die Flüchtlinge im Dunkel der Nacht gen Westen – unentdeckt von den DDR-Grenzern.

„Sind wir im Westen?“

Nach 18 Kilometern geht allerdings das Gas langsam zu Ende, der Ballon verliert an Höhe und landet schließlich nach bangen Schrecksekunden in der engen Gondel unsanft auf einem Feld bei Naila in Bayern.

Weil sie sich nicht sicher sind, ob sie es geschafft haben, verstecken sich Frauen und Kinder erstmal im Dickicht, während die Männer vorsichtig das Gelände erkunden.

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Geschafft! Die Flüchtlinge  posieren mit Grenzsoldaten.

Dann ist die Erleichterung groß, als sie auf eine bayerische Polizeistreife stoßen und ihnen klar wird: Sie sind frei! „Die erste Frage, die wir stellten: »Sind wir im Westen?«“, so beschrieb Günter Wetzel Jahrzehnte später bei „Markus Lanz“ den Moment des Aufatmens.

Über Nacht werden die Flüchtlinge zu Stars. Interviews, TV-Auftritte am laufenden Band und Empfänge bei Politikern. Doch dann geschieht etwas, was niemand nach der lebensgefährlichen Flucht für möglich gehalten hätte.

Beziehung zwischen den Familien zerbrach

Die Beziehung zwischen den beiden Familien kühlt rapide ab, sie brechen sogar den Kontakt ab. Der Grund: Weil Wetzel nach der Landung mit einem Muskelfaserriss eine Woche im Krankenhaus verbringen musste, stand vor allem Peter Strelzyk im Scheinwerferlicht des öffentlichen Interesses.

Erst viele Jahre später äußerte sich Wetzel, der sich ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, auf der Website „ballonflucht.de“ dazu so: Er habe feststellen müssen, „dass vieles falsch dargestellt wurde und wird“.

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Günter Wetzel musste nach der Landung in die Klinik.

Er warf seinem einstigen Freund Peter vor, der habe so getan, als habe er die „die gesamte Flucht geplant und alles gebaut“ und „uns nur aus Mitleid mitgenommen“.

Als sich der Wirbel um die Flüchtlinge legte, begannen diese, sich schnell eine neue Existenz im Westen aufzubauen – Wetzel als Kfz-Meister in Hof, Peter Strelzyk als Inhaber eines Elektroladens in Bad Kissingen. Honorare für Exklusiv-Interviews halfen beim Neustart.

Codename „Birne“

Vergessen hatte sie die Stasi allerdings nicht. Unter dem Codenamen „Birne“ (für Ballon) ließ der berüchtigte Minister für Staatssicherheit Erich Mielke (92) die Flüchtlinge bespitzeln, insbesondere die Strelzyks.

Aktiv dabei waren neben Agenten auch ein alter Freund Strelzyks aus Pößneck, der nach einer Haftstrafe in den Westen ausreisen durfte und einen Job in seinem Geschäft bekam. Auch Verwandte spannte die Stasi als „inoffizielle Mitarbeiter“ (IM) ein – ob sie dies freiwillig taten oder nicht, ist bis heute unklar.

Nach der Wiedervereinigung kehrten Peter und Doris Strelzyk in ihr Haus nach Pößneck zurück. Vor 20 Jahren schilderten sie ihre dramatische Geschichte in ihrem Buch „Ballonflucht“. Peter Strelzyk starb im März 2017 mit 74 Jahren. 

Günter Wetzel blieb im Westen und stand zuletzt Regisseur Michael „Bully“ Herbig bei den Dreharbeiten zu seinem Film „Ballon“ zur Seite – einem Thriller über die legendäre Flucht der Wetzels und Strelzyks, der 2018 in die Kinos kam.
Der Original-Fluchtballon steht heute im Museum der bayerischen Geschichte in Regensburg, die Gondel im Berliner Mauermuseum am Checkpoint Charlie.

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