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Massen-Kälbersterben? So sieht die Wahrheit in der deutschen Milchindustrie aus

Ein Kälbchen steht am 2. Januar 2018 in einem Stall in Niedersachsen.

Ein Kälbchen steht am 2. Januar 2018 in einem Stall in Niedersachsen.

Wenn man Fleisch isst, dann ist klar: Dafür musste ein Tier sterben. Dass auch in der Milchproduktion Kälber getötet werden, wissen allerdings die wenigsten. Ein Blick hinter die Kulissen der Milchindustrie.

Kühe geben doch ohnehin Milch, warum also sollte man die nicht einfach nutzen? So oder so ähnlich argumentieren viele deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher. Doch sie vergessen: Kühe produzieren Milch nicht für uns, sondern für jemand anderes. Ihr eigenes Kalb.

Milch wird also nur erzeugt, wenn sie gerade ein Jungtier zur Welt gebracht haben. Schließlich brauchen sie einiges an Nährstoffen und Futter, um das begehrte Nahrungsmittel herzustellen.

So funktioniert die Milchindustrie

Um zu erreichen, dass Kühe dauerhaft Milch geben, müssen die weiblichen Tiere daher mindestens einmal pro Jahr künstlich befruchtet werden oder sich auf natürlichem Wege fortpflanzen.

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Letzteres sei aber eher die Ausnahme als die Regel, erklärt das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL). Drei Viertel aller Tiere werden demnach künstlich besamt, weil die Züchtung der Kälber so besser gesteuert und Krankheitsübertragung verhindert werden könne.

Das BZL behauptet: „Schmerzen werden Ihnen dabei nicht zugefügt“. Besonders angenehm dürfte es für die Rinder allerdings auch nicht sein. Immerhin müssen die Besamungsexpertinnen und -experten die Gebärmutter der Kühe händisch abtasten, bevor die Samen eingeführt werden können.

Ein viel größeres Problem als die künstliche Befruchtung ist aber, dass überhaupt nur die weiblichen Rinder – das heißt, die Kühe – Milch geben. Was passiert also, wenn ein männlicher Jungbulle geboren wird?

Milchindustrie: Zum Tiefpunkt 2021 wurden Kälber verscherbelt

Fünf Kugeln Eis, einmal ins Kino gehen oder drei Fahrten mit der Kölner Straßenbahn: Im Jahr 2o21 sollen männliche Kälber nur rund zehn Euro wert gewesen sein, wie die „ARD-Plusminus-Sendung“ im August letzten Jahres berichtete. Ein Tiefpunkt.

Die Kälber seien ein „Abfallprodukt der Milchproduktion“, eine Aufzucht in Deutschland lohne sich kaum. Schuld sei vor allem die hierzulande weit verbreitete Milchvieh-Rasse Holstein Friesian.

Sie bringe zwar viel Milch, erzeuge dafür aber auch fleischarme Kälber – die sich so gar nicht rentieren. Daher werden viele der Tiere schlicht zu Mastställen ins Ausland, insbesondere in die Niederlande, exportiert.

Tierschutzexpertin: Tausende Kälber sterben – „mangelnde Fürsorge“

Die schockierende Folge dieser Unwirtschaftlichkeit: Viele Tiere werden schlecht versorgt. „Ein großer Teil der Kälber stirbt durch mangelnde Fürsorge“, moniert Frigga Wirths in ihrem „Kritischen Agrarbericht“ 2022. Sie ist Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft beim „Deutschen Tierschutzbund“.

Tausende Kälber würden schon bei oder unmittelbar nach der Geburt sterben, weil sich niemand um sie kümmere. Das sei eine kaltherzige Lösung für das Finanz-Problem.

Bei unzureichender Versorgung und Hygiene seien die jungen Tiere zudem besonders anfällig für Krankheiten – und damit eigentlich auf intensive Pflege angewiesen. Doch die unterbleibe teils „bewusst aus wirtschaftlichen Gründen“, so die Nutztierexpertin.

Dabei geht es in Deutschland größenordnungsmäßig um 600.000 Kälber pro Jahr – das sind erschreckende 10 bis 20 Prozent der Kälber, die bei oder unmittelbar nach der Geburt sterben.

Milchviehhalter berichtet: „Die Kosten laufen uns davon“

Sollten wir also ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir zum Glas Milch greifen? Oder gar ganz darauf verzichten? Paul-Christian Küskens, Kreislandwirt in Krefeld-Viersen, kommt aus Niederkrüchten in der Nähe von Mönchengladbach und arbeitet seit knapp 40 Jahren als Land- und Viehwirt – hat also alles hautnah miterlebt.

Er berichtet: Obwohl sich die Preise für die Milchrassen-Bullen wieder erholt haben – so bekomme man immerhin etwa 110 bis 160 Euro pro Tier – sei es eine schwere Zeit für Landwirtinnen und Landwirte.

Erst die verheerende Dürre, die die Ernten kaputt machte, dann die Corona-Pandemie und jetzt die Inflation. „Die Kosten laufen uns davon“, bemerkte er besorgt. Hohe Energiekosten schlagen sich auch in der Milchindustrie nieder.

Milchindustrie: Krise auf dem Kälbermarkt – ein Ausweg

Landwirt Küskens sieht einen Ausweg: Kreuzt man die klassischen Milchkühe mit Fleischrassen, bekommt man Kälber, die etwas mehr auf den Rippen haben und sich für die Masttierhaltung eignen – ein durchaus lukratives Geschäft.

Ein blau-weißes Bullenkalb etwa könne man aktuell für 250 bis 300 Euro verkaufen, so Kreislandwirt Küskens. Zum Vergleich: Die Nahrung für ein Kalb koste um die 5 Euro am Tag, also 70 Euro bis zum Verkauf – Personal- und Platzkosten kommen noch obendrauf.

Bleibt zu hoffen, dass die höheren Gewinnaussichten auch in einer besseren Haltung der Tiere resultiert.

Milchindustrie: Neues Haltungsgesetz für Kälber

Fest steht: Die Preissteigerungen für Futter und Treibstoff machen Landwirtinnen und Landwirte ebenso zu schaffen wie das neue Haltungsgesetz für Kälber.

Ab November 2022 müssen die Tiere mindestens 28 Tage – also zwei Wochen länger als bisher – auf dem eigenen Hof gehalten werden, bevor sie ins In- und Ausland verkauft werden dürfen. So sollen sie ein stärkeres Immunsystem entwickeln und den anstrengenden Transport besser überstehen.

Für Viehhalterinnen und Viehhalter bedeutet das: Sie müssen die Tiere doppelt so lange versorgen – und brauchen doppelt so viele Stallplätze. Das Problem laut Landwirt Küskens: Je mehr Tiere, desto schneller würden sich Krankheiten verbreiten.

Inwiefern der Zusatzaufwand zu Verlusten führt, bleibt abzuwarten. Schließlich müssen die Käuferinnen und Käufer für die älteren Tiere auch mehr Geld in die Hand nehmen. In jedem Fall bedeutet das neue Gesetz aber eine erhebliche Umstellung.

Milchpreise werden wohl steigen – „unausweichlich“

Dass die Milchpreise über kurz oder lang steigen würden, sei „unausweichlich“, so Landwirt Küskens. Nicht zuletzt der Lebensmitteleinzelhandel setze die Bäuerinnen und Bauern zunehmend unter Druck, moniert der Milchviehhalter.

Man könne nicht fordern, dass Landwirtinnen und Landwirte auf „Tierwohl, Nachhaltigkeit, Verringerung des CO₂-Ausstoßes und das Ganze achten“, sich aber gleichzeitig weigern, mehr dafür zu bezahlen. „Das geht gar nicht“, entrüstet sich Küskens.

Milchindustrie: Tierschutz vs. Landwirtschaft – Fazit

Fazit: Ganz so dramatisch, wie Tierschützerinnen und Tierschützer die Lage in der Milchindustrie zeichnen, ist sie nicht in allen Betrieben – man muss differenzieren.

Trotzdem ist das Leben der Tiere buchstäblich kein Ponyhof. Die Mutterkühe müssen ihr Leben lang Milch geben, die Bullen landen relativ schnell beim Schlachthof.

Nachdem die Tiere die Landesgrenze passiert haben, müssen sie oft zudem unter unwürdigen Haltungs- und Schlachtbedingungen leiden. Emissionen, Wasser- und Flächenverbrauch sind nur einige der Probleme, die mit der Masttierhaltung einhergehen.

Daher sollten sich Verbraucherinnen und Verbraucher darüber im Klaren sein, dass sie, sobald sie Milch kaufen, damit auch die Fleischindustrie unterstützen – sogar, wenn sie sich selbst vegetarisch ernähren.

Und: sehr billige Milch bedeutet auch sehr geringer Standard. Denn Tierwohl, Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind nun mal nicht umsonst. Der Griff zur teureren Milch ist daher ein klares Signal: Wir nehmen höhere Preise in Kauf, wenn es Tier und Umwelt dafür besser geht.

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