Attrappe an der ThekeAlt-Bier-Revolution in Düsseldorf – „mussten diesen Schritt gehen“

Michael Schnitzler im Fasskeller. Die Zeit der alten Stichfässer aus Holz ist im Uerige nun abgelaufen.

Michael Schnitzler im Fasskeller. Die Zeit der alten Stichfässer aus Holz ist im Uerige nun abgelaufen.

Es ist wohl die größte Revolution, die die Düsseldorfer Brauhauskultur jemals erlebt hat.

von Colja Schliewa (cos)

Im altehrwürdigen Uerige wurde nun ein neues Zeitalter eingeläutet: Ab sofort zapft man das Bier dort nicht mehr aus den berühmten, uralten Stichfässern aus Holz.

Das „leckere Dröppke“ wird nun aus einem großen Tank im Keller über eine Bierleitung in die Schwemme hochtransportiert. Und das hat gleich mehrere Gründe.

Düsseldorf: Alt-Bier kommt jetzt aus einem Tank im Keller

Eigentlich klingt im Uerige alles wie immer. Das Stimmengewirr der Leute, die sich beim Alt an den Biertischen unterhalten. Das Klimpern der Münzen in den Umschnalltaschen der Köbesse, die mit vollen Tabletts zwischen den Tischen umherlaufen.

Ein typisches Geräusch fehlt allerdings. Es ist das Rollen der eisenbeschlagenen Fässer, die ständig über den uralten Steinboden zu den drei verschiedenen Zapfstellen bugsiert werden.

„Irgendwas fehlt hier“, dachte da auch Wolfgang Padel, seit Jahrzehnten Gast im Uerige. „Dann fiel mir irgendwann auf, dass das Fass in der Schwemme nie leer zu werden schien. Ich stand schon seit einer Stunde da, und es war noch kein einziges mal gewechselt worden. Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu.“

Als der Düsseldorfer beim Zappes nachfragte, erklärte ihm dieser sein „Zauberfass“: Es handelt sich lediglich um eine Attrappe, durch die eine Bierleitung verläuft. Unter dem Fassbock wird der Schlauch durch eine raffinierte Holzverkleidung unsichtbar gemacht. Ein Fass ohne Boden?

„Ja es stimmt“, bestätigte Uerige-Baas Michael Schnitzler gegenüber EXPRESS.

„Seit einigen Tagen zapfen wir im Brauhaus aus der Leitung. Irgendwann mussten wir diesen Schritt gehen. Zum einen, weil das neue System viel nachhaltiger ist. Schließlich müssen wir nun nicht mehr so viel leergezapfte Stichfässer reinigen, um sie dann neu zu befüllen. Das spart Energie und Wasser. Außerdem müssen die Mitarbeiter nun nicht mehr die schweren Fässer aus dem Keller bis zur Schwemme transportieren, um sie dann auf den Fassbock zu wuchten.“

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Wegen letzterem Grund gab es zuletzt immer wieder Kritik seitens der Berufsgenossenschaft. Wer jetzt denkt, das leckere Dröppke würde unter dem neuen System leiden, den kann Michael Schnitzler beruhigen: „Die Qualität unseres Bieres ist unser allerhöchstes Gebot. Wenn unser Alt beeinträchtigt würde, wären wir diesen Schritt niemals gegangen“, verspricht der Baas.

„Im Gegenteil: Unser Bier kam noch nie unverfälschter auf den Tisch.“ Das liegt vor allem an dem hochmodernen Leitungssystem.

Uerige in Düsseldorf: Kosten im sechsstelligen Bereich

Während das Leitungsbier früher mittels Kohlensäure oder Stickstoff zum Zapfhahn transportiert wurde, geschieht dies im Uerige mit gereinigter Pressluft.

Um diesen unverfälschten Uerige-Genuss zu garantieren, griff die Brauerei auch ziemlich tief in die Tasche: Die Anschaffungskosten des Systems liegen im sechsstelligen Bereich. Eine Neu-Investition, bei der es nicht allein bleiben wird, wie der Baas vielsagend ankündigt.

„Es ist nur der erste Schritt zu einer Transformation des Uerige. Die Zeiten ändern sich. Daher müssen wir uns immer wieder von vielen liebgewonnenen Details verabschieden.“

So ganz müssen Altbier-Puristen übrigens trotzdem nicht auf ihre Fässer verzichten. Das neue Zapfsystem gilt nur für die drei Zapfstellen im Brauhaus. Auf der Terrasse gibt's das Alt weiterhin aus dem Stichfass.