Preise im Jahre 1910 Prost! Ein Liter Bier für 22 Pfennig

Prost, Gemeinde: Studenten der Burschenschaft „Borussia“ (Kaiserstraße) mussten für einen Liter Bier 22 Pfennig bezahlen.

Prost, Gemeinde: Studenten der Burschenschaft „Borussia“ (Kaiserstraße) mussten für einen Liter Bier 22 Pfennig bezahlen.

Bonn – Mai 1910: Puh! Endlich Mittagspause. Ferdinand Boehm (22), Geselle in der Eisengießerei Mönkemöller in Dottendorf, greift in seine Tasche.

Er holt ein mit Blutwurst belegtes Brot und eine Flasche Bier heraus. Ah, der Gerstensaft zischt. Und er kostet nur 11 Pfennig. Nur? Na ja, Ferdinand Boehm verdient gerade mal 48 Pfennig in der Stunde – da relativiert sich so einiges.

Der Mann schaut an sich herunter: Die Schuhe fallen ihm fast von den Füßen. Er braucht unbedingt neue, zumal in seinem Job als Eisengießer. Aber anständige Halbstiefel kosten 12 Mark. Dafür muss Boehm, der 10 Stunden am Tag schuftet, den Lohn von fast drei Tagen hinblättern.

Stimmt : Auf den ersten Blick wirken die Preise im Bonn vor 100 Jahren nahezu paradiesisch. Ein Kilo Salz kostete 25 Pfennige, ein Kilo Brot gerade mal 30 Pfennige, ein Liter Cognac schlug mit verlockenden 1,80 Mark zu Buche.

Aber dem muss man die Löhne entgegensetzen. Ein Schneidergeselle kam auf lediglich 15 Mark – in der Woche! Ein Tischler verdiente 50 Pfennig in der Stunde, ein Maurer 45 Pfennig.

Aber die Menschen beklagten sich nicht, waren froh, überhaupt Arbeit zu haben. Die Sitten in den Betrieben waren streng. Beim Bürowaren-Hersteller Soennecken in Poppelsdorf gab es einen Strafenkatalog.

Wer ein Werkzeug ruiniert oder Kaffee auf die Ware geschüttet hatte, musste 20 Pfennig bezahlen. Selbst das Singen bei der Arbeit wurde mit 20 Pfennig bestraft. Aber: Die Firma war auch sozial, richtete ein Bad und einen „Kaffeesaal“ für die Mitarbeiter ein.

Erfindungsreich mussten 1910 die Hausfrauen sein, Kühlschränke oder Tiefkühltruhen waren Fremdworte. Deshalb wurde ein Kilo Rinderbraten für 1,50 Mark in Salpeterlösung aufbewahrt, Wurst und Schinken wurden in den Rauchfang gehängt.

So, Ferdinand Boehms Mittagspause ist zu Ende, er packt Flasche und Brotdose wieder ein und freut sich auf den Sonntag. Denn dann gibt's Rinderbraten…

Service:
Dieser Text erschien im EXPRESS (Ausgabe Bonn) vom 06. Mai 2010.
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