Weltweite Küsten in Gefahr„Weltuntergangs-Gletscher“ hängt nur noch am seidenen Faden

Das Satellitenbild der Esa von 2012 zeigt einen Blick auf den Pine-Island-Gletscher, der zusammen mit dem Thwaites-Gletscher wie eine Art Bremsklotz für den massiven und viel größeren westantarktischen Eisschild fungiert. Der Thwaites-Gletscher könnte schneller kollabieren als bisher angenommen.

Das Satellitenbild der Esa von 2012 zeigt einen Blick auf den Pine-Island-Gletscher, der zusammen mit dem Thwaites-Gletscher wie eine Art Bremsklotz für den massiven und viel größeren westantarktischen Eisschild fungiert. Der Thwaites-Gletscher könnte schneller kollabieren als bisher angenommen.

Der Thwaites-Gletscher – er wird auch „Doomsday Glacier“ („Gletscher des jüngsten Gerichts“) genannt. Er könnte den globalen Meeresspiegel mit einem Mal rasant ansteigen lassen, sollte er kollabieren. Nun sorgt eine neue Studie für große Besorgnis. 

von Martin Gätke (mg)

Der Thwaites-Gletscher, der auch „Weltuntergangs-Gletscher“ genannt wird, steht unter Dauerbeobachtung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gletscher in der Antarktis ist in etwa so riesig wie der US-Bundesstaat Florida und könnte, sollte er mit einem Mal verschwinden, verheerende Entwicklungen nach sich ziehen. 

Der Gletscher, einer der größten im westantarktischen Marie-Byrd-Land, hat eine wichtige Funktion: Zusammen mit dem Pine-Island-Gletscher wirkt er nämlich wie eine Art Bremsklotz für den massiven und viel größeren westantarktischen Eisschild.

Wichtiger Gletscher droht zu schmelzen – Städte könnten überflutet werden

Sollte dieser schmelzen, könnte zahlreiche Küsten auf der ganzen Welt überflutet werden, der Meeresspiele würde auf bis zu drei Meter ansteigen. Städte, Gemeinden, Strände würden überflutet. 

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Seit Jahren messen die Forscherinnen und Forscher deshalb die Geschwindigkeit, in der das Eisfeld schmilzt, beobachten Satellitenbilder, reisen mit Forschungsschiffen zum Gletscher.

In den vergangenen 30 Jahren sich die Menge an Eis, die den Gletscher verlässt, bereits verdoppelt. Nun legt eine Studie nahe, dass der Gletscher bedrohter ist als bisher angenommen. 

Die Forschungen, nun publiziert in der Fachzeitschrift „Nature Geoscience“, zeigen, dass sich der Thwaites-Gletscher mitten im Zusammenbruch befindet. „Thwaites hält sich heute wirklich nur noch an seinen Fingernägeln fest, und wir sollten in Zukunft mit großen Veränderungen in kleinen Zeitskalen rechnen – sogar von einem Jahr zum nächsten – sobald sich der Gletscher über einen flachen Grat in seinem Bett zurückzieht“, erklärt Robert Larter, Meeresgeophysiker und einer der Co-Autoren der Studie vom British Antarctic Survey, in einer Pressemitteilung zur Studie. 

Antarktis: Thwaites-Gletscher hängt nur noch am seidenen Faden

Das Problem: Die Aufsetzlinie des Gletschers, also jene Linie, an der Gletschereis letztmals den Boden berührt und ab der es zu schwimmen beginnt, liegt auf einem untermeerischen Rücken. Dort ist das östliche Schelfeis noch fixiert. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Eis dort aber immer dünner geworden, die Aufsetzlinie geht zunehmend in Richtung eines tiefen Meeresbeckens zurück.

Sollte der Gletscher auf der gesamten Fläche des Rückens den Bodenkontakt verlieren und aufschwimmen, würde das in den nächsten Jahrzehnten seine Fließgeschwindigkeit und damit sein Schmelzen stark beschleunigen. Laut den Forscherinnen und Forscher habe dieser Verfall längst stattgefunden. Die warmen Meeresströmungen lassen den Gletscher von unten immer schneller schmelzen und destabilisieren ihn zunehmend. 

Antarktis: Eis vom Thwaites-Gletscher zieht sich rasant zurück

Im Jahr 2001 zeigten Satellitendaten, dass die Aufsetzlinie um etwa 1 Kilometer pro Jahr zurückging. Nachfolgenden Messungen zufolge hat sich die Geschwindigkeit verdoppelt auf 2,1 Kilometer pro Jahr. 2021 wurden diagonale Risse im Schutzschild des Gletschers entdeckt. Der Abschnitt des Thwaites-Gletschers, der bisher eigentlich relativ stabil war, könnte „wie eine Windschutzscheibe zerspringen“, so beschrieb es damals ein US-Glaziologe aus. 

Die neuen Ergebnisse zeigen nun, dass sich das Eis schneller zurückzieht als bisher angenommen. Eine 20-stündige Mission unter Extrembedingungen habe ein Unterwassergebiet in der Größe vom US-Bundesstaat Houston kartografiert. Alastair Graham, Hauptautor der Studie und Meeresgeophysiker an der University of South Florida, sagte, dass diese Forschung „wirklich eine einmalige Mission war“. Das Ergebnis: „Nur ein kleiner Tritt gegen Thwaites könnte zu einer großen Reaktion führen.“

Antarktis: Forschende mit beunruhigenden Ergebnissen

Die Forscherinnen und Forscher um Graham haben den Meeresboden näher analysiert und geschaut, wie frühere Rückzüge des Gletschers ihn verändert haben.

Dabei stellten sie fest, dass sich der Gletscher mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 1,3 Meilen (ca. 2 km) pro Jahr zurückgezogen hat – allerdings in einem tatsächlichen Zeitraum von nur wenigen Monaten.

Das ist doppelt so viel, wie Satelliten ihren Rückzug zwischen 2011 und 2019 dokumentierten. Das Team hofft nun, bald zurückkehren zu können, um Proben vom Meeresboden zu sammeln, damit sie genau bestimmen können, wann die schnelleren Rückzüge stattgefunden haben. Das könnte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern helfen, zukünftige Veränderungen am „Weltuntergangs-Gletscher“ vorherzusagen.